https://www.faz.net/-gqz-rywg

Bucherfolg : „Ich wollte schreiben wie ein verrückt gewordener Historiker“

  • Aktualisiert am

Ich habe mir selbst beim Schreiben diese Frage gar nicht gestellt. Nach meinem Verständnis dessen, was ein Roman tun soll, müßten die beiden Positionen und Charaktere einander ohne eine Entscheidung des Autors gegenüberstehen, weil ich es immer am interessantesten finde, wenn einander widersprechende Positionen so verständlich und nachvollziehbar wie möglich werden. Ich habe mich also bemüht, diese Entscheidung nicht zu treffen. Menschlich fühle ich mich Gauß näher, naturgemäß, denn als Schriftsteller ist man ja doch eher der, der zuhause sitzt, und nicht der, der überall hingeht. Humboldt trägt als Figur die Komik und die satirische Seite des Buches viel mehr. Deswegen schildere ich ihn auch viel stärker aus der Außenperspektive. Gauß hingegen ist Träger der emotionalen Handlung, der Innerlichkeit, auch begreift er besser, was es heißt, alt zu sein. Und weil Humboldt das nicht versteht und dadurch am Schluß zu einer tragischen Figur wird, wendet sich am Ende die Sympathie wieder Humboldt zu. Ich stehe also Gauß etwas näher, aber Humboldt ist der bessere Mensch von den beiden.

Mehr als vierhunderttausend verkaufte Bücher allein im deutschsprachigen Raum, Übersetzungen in mehr als zwanzig Länder - haben Sie eine Erklärung für den großen Erfolg der „Vermessung der Welt“?

Halb im Scherz könnte ich sagen, „Ich und Kaminski“ war eine recht aggressive Satire über die Medienwelt und den Journalismus, und ich habe festgestellt, daß Journalisten und Medienleute das Buch geliebt haben. „Die Vermessung der Welt“ ist eine recht aggressive Satire über das Deutschsein, und ich stelle fest, daß ganz Deutschland es liebt. Es scheint wirklich sehr schwer zu sein, sich unbeliebt zu machen. Aber im Ernst: Ich habe überhaupt keine Erklärung für diesen Erfolg des Buches, ich stehe erstaunt und fassungslos vor diesem Phänomen.

Hans Magnus Enzensberger sieht eine besondere Stärke Ihres Romans darin, daß der Leser Einblicke in eine ihm fremde Welt erhält, daß er sich endlich einmal nicht in einem deutschen Gegenwartsroman wiedererkennen muß. Es wäre bei Gauß und Humboldt ja auch vermessen, sich mit ihnen zu identifizieren.

Ja und nein. Natürlich erkennt man sich nicht in ihrer mathematischen Begabung wieder. Aber in Humboldt als einer Figur, die sehr stark reflektiert, was es heißt, im Ausland Deutscher zu sein, könnte sich eigentlich jeder wiederfinden.

Welche Erfahrungen machen Sie bei den Lesungen, wo Sie mit vielen Lesern in Kontakt kommen?

Bei den Lesungen bemerke ich tatsächlich einige Dinge, die zur Erklärung des Erfolgs beitragen könnten. Erstens: Der Roman wird von sehr vielen Leuten gelesen, die sich sonst überhaupt nicht für deutsche Gegenwartsliteratur interessieren. Aber es wird auch nicht von Menschen gelesen, die sonst Dan Brown oder Tom Clancy kaufen. Diese Leser erreiche ich nicht. Mir scheint, beim Gros der Leser handelt es sich eher um Leute, die sich sonst nicht für Neuerscheinungen interessieren. Also nicht um Menschen, die nicht lesen, sondern im Grunde um die klassischen Taschenbuchkäufer, die ihre eigenen Interessen haben und nicht nach Neuerscheinungen oder Moden Ausschau halten. Oft sagen Leute zu mir: Ich war noch nie bei einer Lesung, ich habe mir noch nie ein Buch signieren lassen. Das sind aber nicht Menschen, die der Literatur fremd gegenüberstehen, sondern lediglich dieser uns so nahe stehenden Welt der Neuerscheinungen, der Leseveranstaltungen. Zu denen ist das Buch durchgedrungen, wohl vor allem durch Mundpropaganda.

Und die andere Erklärung?

Weitere Themen

Schwarze Titelseiten in Australien Video-Seite öffnen

Ruf nach Pressefreiheit : Schwarze Titelseiten in Australien

Einige der großen Tageszeitungen in Australien erschienen am Montag mit geschwärzten Titelseiten. Damit wollten die Blätter nach eigenen Angaben auf die australische Gesetzgebung aufmerksam machen. Diese erschwere Journalisten die Arbeit, biete keinen ausreichenden Schutz der Pressefreiheit und lasse etwa die Durchsuchung von Redaktionsräumen zu.

Topmeldungen

Bram Schot

F.A.Z. Exklusiv : So spart Audi gegen die Krise

Rund 15 Milliarden Euro sollen in den kommenden Jahren eingespart werden. Die Werke in Ingolstadt und Neckarsulm wird es wohl besonders hart treffen. Audi-Chef Schot sagt, er habe aber klare Vorstellungen, wie die Beschäftigung gesichert werden kann.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.