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Bucherfolg : „Ich wollte schreiben wie ein verrückt gewordener Historiker“

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Ist „Die Vermessung der Welt“ also ein Roman über unseren Nationalcharakter, darüber, was es heißt, deutsch zu sein?

Ja, das habe ich ganz stark so empfunden. Eine satirische, spielerische Auseinandersetzung mit dem, was es heißt, deutsch zu sein - auch natürlich mit dem, was man, ganz unironisch, die große deutsche Kultur nennen kann. Für mich ist das eines der Hauptthemen des Romans, wie Andreas Maier so schön im Booklet des Hörbuchs geschrieben hat, „die große deutsche Geistesgeschichte, eine einzige Lebensuntauglichkeit“. In der breiten Rezeption ist dieses Thema dann merkwürdigerweise vernachlässigt worden. Da wurde der Roman als ein Buch über Wissenschaft und vor allem über zwei schrullige Leute verstanden. Daß in dieser Schrulligkeit aber viel an satirischer Ideologiekritik steckt, ist in der deutschen Rezeption völlig in den Hintergrund getreten. Aber vielleicht hat das ja auch eine gewisse Logik.

Ich habe „Die Vermessung der Welt“vor allem als Roman über das Altern gelesen.

Ja, das ist er auch. Das ist die andere Sache, bei der ich mich gewundert habe, daß sie so wenig beachtet wurde.

Sie sind gerade einunddreißig geworden. Was hat Sie dazu bewogen, sich mit der Frage des Alterns auseinanderzusetzen?

Mich hat das Thema des Alterns immer fasziniert. Schon mein letzter Roman, „Ich und Kaminski“, beschreibt ein Duell zwischen Alter und Jugend, das das Alter gewinnt. Ein Thema, das sich beim Schreiben der „Vermessung“ sehr klar hergestellt hat, ist die Tatsache, daß alle Menschen über die Jahre hinweg ihren Eltern immer ähnlicher werden, ob sie wollen oder nicht - und normalerweise wollen sie ja überhaupt nicht. In diese Richtung spielt übrigens auch das letzte Kapitel mit Gauß' Sohn Eugen. In dem Moment, wo er selbständig wird, beginnt er plötzlich, sich zu entfalten wie sein Vater, ohne es zu bemerken. Das Altern ist insofern tatsächlich das zweite Hauptthema des Buches, und damit verbunden der traurige Umstand, daß man, wenn man lange genug da ist, sich selbst überlebt, sich selbst historisch wird. Es gibt den schönen lateinischen Spruch als Aufschrift auf Sonnenuhren „omnia vulnerant, ultima necat“: Jede verwundet, die letzte bricht. Gemeint sind die Stunden. Ich finde der große existentielle Skandal ist nicht, daß wir sterben, sondern daß wir alt werden müssen.

Warum beschäftigt Sie das?

Ich hatte immer eine starke Einfühlung in alte Menschen, und ich empfinde stets eine große Traurigkeit dabei, mit alten Menschen zu tun zu haben und zu merken, daß die es eigentlich auch noch nicht gewöhnt sind, alt zu sein, daß sie sich eingesperrt fühlen in dieser Situation.

Wer steht Ihnen näher, Gauß oder Humboldt?

Humboldt reagiert in gewissen Momenten emotional geschickter als man erwarten würde, etwa wenn Bonpland ihm gesteht, daß er Lust gehabt hätte, ihn von einer Brücke zu stürzen, und Humboldt entscheidet, daß das der Moment ist, etwas nicht gehört zu haben. Auch das ist Weimarer Klassik: Entscheidung zur Freundschaft, zur Menschenliebe und zum Humanismus, nicht als tiefes Gefühl, sondern als Entscheidung. Das hat Komik, aber es hat auch eine ungeheure Größe.

Also ist Ihnen Humboldt lieber?

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