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Messe „Buch Wien“ : Großmächte der Weltliteratur

Das bislang prominenteste Gesicht der diesjährigen BuchWien: Der Londoner Schriftsteller Edmund de Waal stellte sein neues Buch „Camondo“ vor. Bild: Imago

Optimismus trotz Pandemie: Die Wiener Buchmesse hat erstmals ein Gastland geladen. Als dieses präsentiert Russland sich als Nation der Entschleunigung.

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          Die Eröffnung ist, anders als in Frankfurt, eine Party. Eine Mischung aus Festrede, Konzert und Autoreninterviews mit Bewirtung. Die Halle D auf dem Messegelände ist gut gefüllt mit überwiegend gut gelaunten Büchermenschen, manche konnten ihr Glück gar nicht fassen; andere, wie die Buchhändlerin und Romanautorin Petra Hartlieb, beschreiben ihre Lage auf gut Wienerisch als „eh g’schissen“, was sie nicht auf die wirtschaftliche Lage, sondern auf die pandemische bezogen wissen will.

          Hannes Hintermeier
          Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.

          Anders Benedikt Föger, Präsident des Hauptverbandes des Österreichischen Buchhandels. Er sagt, die Stimmung in der Branche sei gut. Die Frankfurter Buchmesse habe gezeigt, man konzentriere sich jetzt wieder mehr aufs Kerngeschäft Literatur und Meinungsfreiheit – und weniger auf Verpackung und Marketing. Die kleinen österreichischen Verlage verhielten sich wie Schnellboote im Vergleich zu den großen deutschen Verlagstankern. Obendrein hat die Buch Wien nun den ersten Gastlandauftritt ihrer Geschichte, mit Russland sei eine „Großmacht der Weltliteratur“ gekommen, so Föger.

          Mit 323 Verlagen aus 31 Ländern und einer Ausstellungsfläche von 12 000 Quadratmetern ist die Buch Wien eine kleine Schwester Frankfurts. Zuletzt kamen 55.000 Besucher, am Sonntag wird man wissen, wie viele sich diesmal zu diesem „Hochamt des Buches“, wie Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer die Messe nennt, aufgemacht haben.

          Die Publizistin Isolde Charim entwickelt in ihrer klugen Festrede ein Bild der Pandemie als „Totalereignis“, das den Staat zurückgebracht habe, weil es zivilgesellschaftlich nicht zu regeln sei. Sogenannte Querdenker und Impfgegner seien auf den Plan getreten, eben weil der Staat so sichtbar geworden sei. Der Mythos der Demokratie, die Mitbestimmung des Volkes, habe sich verschoben hin zu einem Mythos der individuellen Freiheit – ohne die Herrschaft des Volkes. Auch deswegen hätten die Corona-Maßnahmen gezeigt, die Demokratie bedürfe eines neuen Mythos.

          Russen haben ein anderes Zeitmaß

          Am Stand des Gastlands („Read. Russia“) kann man erleben, wie mit einem entschleunigten Zeitmaß Literatur- und Übersetzungsfragen verhandelt werden. Dass die Onlineschaltungen nicht klappen, wen kümmert’s? Der Anthologie-Herausgeber Maxim Amelin versucht, den 180 Nationalsprachen, von denen rund sechzig über eine Schriftsprache verfügen, durch Übersetzungen ins Russische Aufmerksamkeit zu verschaffen.

          Ein aufwendiges Unterfangen, das im riesigen Territorium Russlands mit seinen vielen Zeitzonen, Pionierarbeit leistet. Erst nach dem Zerfall der ­Sowjetunion habe sich manche zuvor verbotene Sprache wieder entwickeln können.

          Jewgeni Resnitschenko vom Institut für Literaturübersetzung lädt alle zwei Jahre einige Hundert literarische Übersetzer aus aller Welt ein; da geht es auch um die Förderung von Übersetzern und Verlagen, die russische Literatur verbreiten. In welcher Weise diese Bemühungen vom Wohlwollen der Präsidentschaft Putins abhängen, wird nicht thematisiert.

          Am meisten Zulauf haben am ersten Messetag Publikumslieblinge wie der österreichische Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg, die Tochter des verstorbenen Vielfachkünstlers Arik Brauer, die Sängerin Timna Brauer, Florian Illies, Edmund de Waal, der sein neues Buch „Camondo“ bewirbt, während sein Bestseller „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ in diesem Jahr als Buchgeschenk kostenlos verteilt wird. Robert Misik deutet die Pandemie und sieht nicht, wie man angesichts turmhoher Infektionszahlen „in Salzburg und Oberösterreich noch eine humanitäre Katastrophe verhindern“ könne. Der Philosoph Konrad Paul Liessmann hat volles Haus, als er die Aktualität Nietzsches propagiert.

          Österreichs exklusive Identität

          Weniger Zuspruch findet etwa die wichtige Debatte, die der Soziologe Rainer Bauböck und der Politikwissenschaftler Gerd Valchars führen, die zusammen ein Buch geschrieben haben über die Frage: Wie hält es Österreich mit Migration und Staatsbürgerschaft? Neben Bulgarien verfügt das Land in Europa über das restriktivste Abwehrsystem gegenüber Zuzüglern. Wo Deutschland die Gesetzgebung vor mehr als zwanzig Jahren liberalisiert hat, zögere Österreich noch immer. Mittlerweile habe die österreichische Identität einen „ausschließenden Charakter“, so Bauböck, und das führe zu einer Belastung des politischen Systems, weil viele Menschen Zugang weder zur Staatsbürgerschaft noch zum Wahlrecht haben.

          Und da es vor der Haustür Wiens, auf dem Westbalkan, derzeit wieder brodelt, ist auch die Runde mit dem slowenischen Schriftsteller Goran Vojnović (F.A.Z. vom 23. September), dem ehemaligen Hohen Repräsentanten für Bosnien und Hercegovina, Wolfgang Petritsch, sowie dem Politologen Vedran Dzihic von ernüchternden Einsichten geprägt. „Je kleiner der Staat, desto größer die inneren Widersprüche“, so Petritsch, der auf ein stärkeres Engagement der EU drängt. Dass Nationalismus keine überzeugende politische Strategie ist, hatte auch Edmund de Waal auf den Punkt gebracht, als er die Frage der Moderatorin, wie sich das Leben seit dem Brexit in London anfühle, so beantwortete: „Bloody awful.“

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