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Buch über „Neustart der Welt“ : Man hätte in Chemie besser aufpassen sollen

Ohne hocheffektive Energie landet man nach überstandenem Weltuntergang wieder im Mittelalter – was tun? Bild: Picture-Alliance

Wie bringen wir eigentlich die Welt wieder nach vorne, nachdem eine Pandemie fast die gesamte Bevölkerung dahingerafft hat? Diese makabre Frage beantwortet der Astrobiologe Lewis Dartnell in einem Handbuch.

          4 Min.

          Nach Lektüre dieses Buches sieht man banale Alltagsgegenstände mit neuen Augen. Nicht ohne Hochachtung wird man künftig auf Golf-Caddies, Tuben mit Superkleber oder, was manchem ohnehin nicht schwerfällt, Flaschen mit naturtrübem Gerstensaft blicken. In diesem Handbuch lernen wir nämlich, dass nach einer nicht ganz unwahrscheinlichen pandemischen Apokalypse die Deep-Cycle-Batterien von Golfmobilen zum Überleben ebenso nützlich sind wie Superkleber zum Wundverschluss und Bierhefe für lebenserhaltende Gärungsvorgänge aller Art. Einer der ersten Wege nach der Katastrophe sollte uns dann, so der Ratschlag des Autors Lewis Dartnell - ein Astrobiologe, der für die britische Raumfahrtagentur arbeitet -, in einen Baumarkt und ein Geschäft mit Campingzubehör führen.

          Uwe Ebbinghaus
          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn wir dieses „Handbuch für den Neustart der Welt“ wirklich einmal brauchen sollten, macht es uns zu professionellen Hamsterern. Aber auch für die Zeit, in der die Apokalypse auf sich warten lässt, ist es unterhaltsamer Lesestoff mit vielen Anregungen für vergnügliche Stunden bei der probeweisen Inbetriebnahme eines Aluminium-Schmelzofens oder eines selbstgebastelten Sextanten.

          Hat das Silicon Valley noch ein Ass im Ärmel?

          So viel steht fest: Sollte die Apokalypse tatsächlich eintreten und sollten wir zu den glücklichen Überlebenden zählen, kommt gehörig Arbeit auf uns zu, ganz abgesehen von der Verantwortung, die wir dann für die Bewahrung des Weltwissens tragen. Daher enthält das Buch neben Anleitungen zum Bau von Batterien, Dampfmaschinen und Holzvergasern auch solche zur Herstellung von Papier, Fotografien und Druckern.

          Bild: Hanser Berlin

          Die ideale Ausgangssituation, die Dartnell für die Brauchbarkeit seines Buches entwirft, ist indes ziemlich makaber. Mit der emotionalen Kälte eines Tierpräparators skizziert er ein Szenario, in dem ein durch Interkontinentalflüge schnell verbreiteter Vogelgrippevirus in kürzester Zeit das Gros der Weltbevölkerung dahingerafft hat: „Der größte Teil der Menschheit wurde ausgelöscht, aber alles andere ist noch da.“ Wäre nämlich Letzteres nicht der Fall, kann man ergänzen, wäre Dartnells Buch zu schmal geraten. Eine auf Dauer überlebensfähige Gründerpopulation beziffert er auf 10 000 Personen.

          Den Ablauf der ersten Monate nach der Apokalypse hat Dartnell genau vor Augen. Es kommt zu Bränden in den Städten, in Tankstellen und Chemielagern. Verwesungsgerüche breiten sich aus, Fahrstühle und das Internet stehen still (oder hat das Silicon Valley noch ein Ass im Ärmel?). Der Druck des Wassers ist zu schwach zur Versorgung von Hochhäusern, es zerstört mit der Zeit selbst Stahlbeton.

          Katzenfutter verlängert das Leben

          Die Überlebenden sind gut beraten, sich in Stadtnähe anzusiedeln - in Häusern mit großen Feuerstellen und möglichst fruchtbaren Böden vor der Haustür. Der neue Toilettenstandard wäre das Plumpsklo. Über allem schwebt unterdessen bedrohlich die Internationale Raumstation, die, mangels Steuerung, der Erde immer näher rückt - ein Horrorszenario, auf das wirklich nur der Angestellte einer Raumfahrtagentur kommen kann, während sich die meisten Leser wohl eher fragen werden, welche Gefahr von Kernschmelzen in den vielen Atomreaktoren auf unserem Planeten ausgingen.

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