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Roman von Burhan Sönmez : Die Folterkammer der türkischen Polizei

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Geschichten erzählen,um im Verhör nur ja nichts zu verraten: Für die Gefangenen in Burhan Sönmez’ Roman ist Istanbul ein bedrohlicher Ort. Bild: Mauritius

Flucht in die Phantasie: Burhan Sönmez erzählt seinen Roman „Istanbul. Istanbul“ im Geist von Kafka, „Tausendundeiner Nacht“ und des „Dekameron“.

          Istanbul ist ein Brennglas der Geschichte, archaisch und hochmodern zugleich, und ein Schnittpunkt aller Kulturen der Welt. Im Roman liest es sich so: „Istanbul glich den Wassern des Bosporus, die Oberströmung fließt von Norden nach Süden, die Unterströmung aber in umgekehrte Richtung. Lebensläufe, die gleichzeitig aber unterschiedlich, parallel zueinander aber in unterschiedlichen Epochen verlaufen, beweisen, dass der Raum die Zeit beherrschen und die Zeit sich wie ein Strudel an unterschiedlichen Punkten konzentrieren kann.“ Das also, dieses Gewebe aus Wirklichkeit und Fiktion, aus Erscheinung und Erfindung, Phantasma und Realität, ist Handlungs- und Projektionsfläche für „Istanbul. Istanbul“ von Burhan Sönmez. Nach „Kuzey“ von 2009 und „Masumlar“ von 2011 ist es sein dritter Roman, in dem vor allem die Gewalt ein zentrales Motiv ist.

          Der türkisch-kurdische Schriftsteller und studierte Jurist, der sich immer wieder gegen die Verletzung der Menschenrechte engagierte, hat Gewalt am eigenen Leibe erlebt. Schwer verletzt musste er 1996 nach einem Übergriff der Polizei mit Hilfe der Freedom-for-Torture-Stiftung nach England gebracht und dort lange Zeit gepflegt werden. Es mag also sein, dass dieses traumatische Erlebnis auch zum Entstehungsgrund für den Roman geworden ist, der bei seinem Erscheinen 2015 in der Türkei auf ebendie politischen Verhältnisse traf, die er stofflich entfaltet: Widerstand und Kritik am System werden mit Gewalt unterdrückt. „Istanbul. Istanbul“ ist ein mutiges Buch, ein politisches und poetisches gleichermaßen, wenngleich sich die narrativen Linien und Erzählpositionen schnell zu verwirren beginnen und in zahlreiche Nebenmotive verzweigen.

          Ganz nach dem Vorbild von Scheherazade

          „Eigentlich ist es eine lange Geschichte, aber ich mache es kurz“, lautet der erste Satz im Roman, und er ließe sich umkehren in: Eigentlich ist es eine kurze Geschichte, aber er machte sie lang. Denn die Grundidee des Romans, seine Mechanik, von der aus die Ströme des Erzählens in Gang gesetzt werden, ist schnell referiert: Vier Häftlinge sitzen in einer Zelle und erzählen sich Geschichten, ganz nach dem Vorbild von Scheherazade in „Tausendundeiner Nacht“, die an einer Stelle auch kurz erwähnt wird. E sind der Student Demirtay, der Doktor, der Barbier Kamo und Onkel Küheylan, ein alter Mann. Das Gefängnis existiert irgendwo in der Unterwelt von Istanbul, von der aus die Oberwelt zu einem Phantasma wird, zu einer Vorstellungswahrheit. Alle warten sie darauf, zur Folter abgeholt zu werden, um dann schwer misshandelt wieder auf ihren Matratzen zu liegen und weiter über Gott und die Welt, Zeit und Existenz nachzudenken.

          Dieses Gefängnis ist irreal, ein Nichtort, ein Purgatorium. Die äußere Zeit löst sich auf und geht ein in die Zeit des Erzählens: „In den ersten Tagen hier war man nicht in der Lage, den Ort zu realisieren. Man zermarterte sich das Hirn, war aber unfähig, eine Verbindung zwischen Zelle und sich selbst herzustellen. Dann fing man an, sich über die Zeit Gedanken zu machen. War, was man in der Stadt oben erlebt hatte, ein paar Wochen her oder ein paar Jahrhunderte?“ Auch erfahren wir nicht, wessen die Häftlinge beschuldigt werden und was die Motive der Folterer sind. Nur eines scheint immer wieder hervor: Sie dürfen ein Geheimnis nicht verraten, das eng verflochten mit der Mythologie ihrer Stadt und deren Geschichte ist.

          Burhan Sönmez: „Istanbul. Istanbul“. Roman.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe. btb Verlag, München 2017. 285 Seiten, gebunden, 20 Euro.

          Damit nun niemand unter der Folter von dem etwas preisgibt, was über das wahre Leben erzählt worden ist, werden Märchen, Legenden und Erfindungen an dessen Stelle gesetzt. Darüber hinaus ist die Folter reine Lust am Exzess und von jeder Begründungslogik frei: „Sein Gesicht hatte nichts Menschliches mehr an sich. Die Lippen geschwollen, die Zunge hing ihm aus dem Mund. Die Brauen gespalten, die Augen zugeblutet. Aus den Wunden in seiner Brust quoll der Eiter.“ – „Sie steckten mir Nadeln in die Ohren. Sie gossen mir etwas ins Ohr, ich weiß nicht, was.“ So geht das in jedem der zehn Kapitel zu, immer aufs Neue, wie in einer Wiederholungsschleife. Es ist eine Maschine, die foltert, ein System, dessen Personal kalt funktioniert, aber selbst ununterscheidbar geworden ist und nichts Menschliches mehr kennt.

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