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Geschichte der Sommerspiele : Schneller, höher, profitabler

Kraftprotze bei der Arbeit: Start zu einem Hundert-Meter-Vorlauf bei den Sommerspielen in Sydney 2000. Ato Boldon (Bildmitte) holte sich im Finale Silber. Bild: Picture-Alliance

Fünf Ringe sollen es sein: Rechtzeitig zum Beginn in Rio legt Klaus Zeyringer eine vorzügliche Geschichte der Olympischen Sommerspiele vor.

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          Olympiakritiker gab es immer schon. Sogar, als es gar keine Olympischen Spiele gab. Die Vereinigten Staaten hatten sich 1776 gerade von der britischen Krone gelöst und kämpften sich den Weg in die Unabhängigkeit frei, da verfiel ein Mitglied des Kontinentalkongresses in Philadelphia auf die Idee, der jüngste Staat der Erde möge unter seinen dreizehn Bundesstaaten Olympische Spiele abhalten, zur Wehrertüchtigung seiner Unabhängigkeitskämpfer. Die Idee war nicht mehrheitsfähig. Ein Abgeordneter lehnte die „funny declamation“ mit der Begründung ab, gerade diese Art „Narretei“ habe die Griechen „in ihre trostlose Lage“ gebracht. Die Amerikaner gewannen ihren ersten Krieg trotzdem.

          Aber was damals nicht sein sollte, würde rund hundert Jahre später werden. Es brauchte allerdings einen verlorenen Krieg dazu. Und Degeneration, Alkoholismus, krankhafte Grübelei, Verweichlichung von Körper und Charakter, die dafür verantwortlich gemacht wurden. Man darf sich Frankreich nach der Niederlage von 1870/71 nicht als glückliche Nation vorstellen.Und den jungen Pierre de Frédy, Baron de Coubertin, nicht als glücklichen Menschen. Sondern als einen Mann mit Ideen, Idealen und Visionen, wie die angeprangerten Schwächen zu überwinden seien. Coubertin stach damit unter seinen Zeitgenossen nicht besonders hervor. Aber während so viele andere Visionen des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts untergingen, trägt Coubertins nach und nach zu einem quasi-religiösen Mythos entwickelte Idee von der Wiedergeburt der Olympischen Spiele und der dazugehörigen Weltanschauung des Olympismus bis heute.

          „Staatlich organisiertes Doping“

          Jedenfalls in Pressemitteilungen: „Der Start des Olympischen Kanals am 21. August ist der Beginn einer aufregenden neuen Reise, um das globale Publikum das ganze Jahr über mit der Olympischen Bewegung zu verbinden“, zitiert die Pressestelle des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) dessen Präsidenten Thomas Bach in einer Mitteilung vom 27. Juli. „Der Olympische Kanal wird uns alle inspirieren und neuen Generationen von Athleten und Fans die Hand reichen.“ Bach, seit 2013 Präsident des IOC, betont immer wieder: „Coubertin ist unter uns.“

          Der aber geißelte im Übrigen, neben den genannten Schwächen, unter denen er Frankreich leiden sah, nicht zuletzt auch den Geist der Gewinnsucht. Etwas ist eben doch verlorengegangen auf dem langen Weg von Coubertins Gedankenspielen zur Aufrichtung des französischen Bürgertums und insbesondere seiner Söhne im Geiste des Hellenismus bis zu den Profi-Spielen der globalisierten Medienwelt im 21. Jahrhundert.

          Der Germanist Klaus Zeyringer hat nach einer „Kulturgeschichte des Fußballs“ nun die Kulturgeschichte Olympias vorgelegt, genauer: den ersten, sommerlichen Teil. In Zeiten des staatlich organisierten Dopings und der Funktionärskleptokratie enthält sie die Nachricht: Früher war Olympia manchmal besser. Meistens aber genauso schlimm, mindestens, und oft schlimmer.

          „Aufnahme durch Kooption“

          Schon die Geburtswehen des Olympismus wurden von allerlei Gewese hart an der Grenze zum Mummenschanz begleitet , was aber furchtbar ernst gemeint war. Aber wer will es dem jungen Baron im zweifelnden Frankreich vorwerfen? Schliemann hatte schließlich Troja gefunden, und Ernst Curtius grub zum Ruhme des Reichs im antiken Olympia. Da hatte er seinen Essay „Der Wettkampf“ längst verfasst, wonach der Grieche sich über den Sport vom Orientalen im Allgemeinen und dem Juden im Besonderen abzuheben begonnen habe - und das „hellenistische Wesen“ war bereits zum Leitbild des humanistischen Gymnasium aufgestiegen.

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