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Fridtjof Küchemann, Redakteur im Feuilleton

Vorweihnachtlicher Konsumwahn : Zivilisierte Schenkpflicht

„Die Menschen verlernen das Schenken“, stellte Adorno fest. Das war vor über fünfzig Jahren. Eingesehen haben sie es bis heute nicht. Bild: Picture-Alliance

Britische Buchhändler wollen auf den Konsumwahn des „Black Friday“ einen „Civilised Saturday“ folgen lassen. Das Vorhaben wirkt kulinarisch-kultiviert. Gäbe es da nicht eine entlarvende Äußerung.

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          Man muss nicht erst Adorno lesen, um ein angespanntes Verhältnis zum Schenken zu bekommen. In der Vorweihnachtszeit gelingt das wie von selbst. Wer beim Einkaufen in der Adventszeit das Gedränge an den Grabbeltischen sieht, die Eile und Überforderung auf den Gesichtern all der schwer Beladenen, die sich die frisch ergatterten Geschenke gleich im Laden haben einpacken lassen und sich jetzt ihren Weg aus dem Gewühl bahnen wollen, der muss nicht auf die letzten Stunden vor Ladenschluss an Heiligabend warten, wenn eine sinkende Kundenzahl mit wachsender Verzweiflung vor den übriggebliebenen Angeboten steht, um geschenkkulturpessimistisch den Kopf zu schütteln.

          In dieser Zeit zeigt seine gesellschaftlichen Folgen, was Adorno als zunehmende Unfähigkeit des Einzelnen konstatierte: „Noch das private Schenken“, heißt es in der Reflexion 21 seiner „Minima Moralia“ düster, „ist auf eine soziale Funktion heruntergekommen, die man mit widerwilliger Vernunft, unter sorgfältiger Innehaltung des ausgesetzten Budgets, skeptischer Abschätzung des anderen und mit möglichst geringer Anstrengung ausführt.“ Vor Weihnachten wird regelmäßig der schiere Umfang des Geschenkaufkommens zum Problem.

          Mit Schokoladenüberzug

          In Amerika ist der Black Friday, der Brückentag nach Thanksgiving, der umsatzstärkste Einkaufstag im Jahr: Die Händler überbieten sich in vorweihnachtlichen Aktionen und Rabatten, die Käufer überfluten die Einkaufszonen, immer wieder werden Handgreiflichkeiten vor besonders begehrten Angeboten gemeldet - es ist ein Elend, das, auch ohne Feier- und Brückentag, aus den Vereinigten Staaten nach Europa übergreift.

          Doch auf einer vorgelagerten Insel mittlerer Größe regt sich Widerstand: Schon zum zweiten Mal will die britische Booksellers Association auf den Black Friday den Civilised Saturday folgen lassen: Wie der Brachendienst „The Bookseller“ berichtet, laden unabhängige Buchläden im ganzen Land zur Einkehr und Erholung. Die einen reichen Küchlein und Schokolade, andere bitten Autoren zu gesitteten Signierstunden oder verstecken gepresste Blumen in ihren Büchern, die von den Kunden zufällig gefunden werden können. Das klingt idyllisch. Und ist doch leider nur die halbe Wahrheit.

          Einem Sprecher der Booksellers Association zufolge werden nämlich auch „Buchhändler im ganzen Land parat stehen, um mit der Empfehlung der weihnachtlichen Must-Buy-Bücher dieses Jahres behilflich zu sein“. Hinter dem vorgeblichen Gegenprogramm zum Konsumwahn steht also auch hier nur die billige Figur der Pflichtkauferinnerung. Der Firnis des zivilisierten Samstags ist dünn. Immerhin schmeckt er nach Küchlein und Schokolade.

          Fridtjof Küchemann
          Redakteur im Feuilleton.

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