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Briefwechsel der SPD-Kanzler : Kann man den wegretuschieren?

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Wer gibt als Kanzler die bessere Figur ab? Helmut Schmidt und Willy Brandt auf dem Bundesparteitag der SPD im November 1975 Bild: Picture-Alliance

Willy Brandt und Helmut Schmidt schätzen sich - aber nicht immer. Manchmal gingen sie mit Fotos um, wie man das aus dem Stalinismus kennt. Der Briefwechsel der SPD-Kanzler zeigt, warum.

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          Das Anekdotische vorweg: Am 18. Mai 1987 übergab mir Willy Brandt das Manuskript seiner Abschiedsrede, mit der er auf dem außerordentlichen Parteitag der SPD vier Wochen später sein politisches Leben nach 23 Jahren Parteivorsitz bilanzierte. Der Text sollte am Tag nach dem Parteitag im Siedler Verlag als Buch erscheinen, ergänzt um einen Bildteil, der die wichtigsten Stationen dieses Lebens in Fotografien festhielt. Am 19. Mai besprach Brandt mit mir die Bildauswahl. Unter den Dutzenden Motiven waren auch Aufnahmen der sogenannten Troika Brandt, Schmidt, Wehner. Brandt zog die Augenbrauen nach oben, fast ein wenig irritiert: „Muss das sein?“ Ohne die Troika erschiene mir sein Leben, zumal aus Sicht der Genossen, unvollständig, sagte ich, konnte ihn aber nicht umstimmen. Auch im Redetext wurden Schmidt und Wehner nicht erwähnt.

          Sechs Wochen zuvor war ich mit Helmut Schmidt die Abbildungen für seinen Memoirenband „Menschen und Mächte“ durchgegangen. Ein herrliches Foto zeigte den dynamischen Verteidigungsminister im April 1970 mit Richard Nixon am Rednerpult im Rosengarten des Weißen Hauses, den damaligen Bundeskanzler, Willy Brandt, daneben. „Den schneiden wir aber ab!“, sagte Schmidt. Ich gab zu bedenken, dass eine solche Bildretusche auffallen könnte. Schmidt: dann besser gar nicht. Das Verhältnis zwischen den beiden bedeutendsten Sozialdemokraten der Bundesrepublik war auf dem Gefrierpunkt angelangt. Sie wollten sich gegenseitig nicht einmal mehr als Zaungast dulden.

          Die in diesen Tagen erscheinende Korrespondenz zwischen dem vierten und fünften Bundeskanzler, die, von 1969 bis 1982, gemeinsam dreizehn Jahre sozial-liberale Politik verantworteten, zählt zu den wichtigsten Quelleneditionen der letzten Zeit. Zwar muss man sich streckenweise durch Passagen quälen, die außer Historikern und Parteichronisten heute nur noch wenige interessieren und die nur dank ausführlicher Anmerkungen überhaupt verständlich werden. Zugleich aber wirft man einen Blick ins Herz der deutschen Sozialdemokratie, wie er aufregender nicht sein könnte. Die intellektuelle Höhe, auf der sich die Briefpartner bewegen, fasziniert dabei nicht weniger als die elementare politische Kraft, die bei diesem Aufeinandertreffen freigesetzt wird.

          Der Grundirrtum seiner Kanzlerschaft

          Die Rivalität ist von Anfang an da. Die Ambitionen des ehrgeizigen Hamburgers waren dem SPD-Kanzlerkandidaten der sechziger Jahre nicht verborgen geblieben. Schon im Herbst 1965, als Brandt nach der verlorenen Bundestagswahl erklärte, nicht ein drittes Mal antreten zu wollen, hatte sich Schmidt erkundigt, wie es jetzt weitergehe. Einerseits störe ihn „der mancherorts mir erteilte Vorschusslorbeer erheblich“, andererseits wäre es für ihn hilfreich, zu wissen, auf wen es in den nächsten Jahren denn zulaufe. Der Parteivorsitzende dankte für die „freundschaftliche Gesinnung“, gab dem Kollegen aber gleich auch eine kleine Warnung mit auf den Weg: „Für Dich wird es sehr darauf ankommen, dass Du Dich nicht übernimmst und vor wichtigen Entscheidungen den Rat guter Freunde hörst.“

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