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Das neue Buch von B. E. Ellis : American Weichei

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Der perfekte Prototyp der Generation X: Auch in seinem jüngsten Werk „Weiß“ sonnt sich der amerikanische Schriftsteller Bret Easton Ellis in seiner Paraderolle. Bild: RYAN PFLUGER/The New York Times/

Mit verstörenden Romanen wie „American Psycho“ ist Bret Easton Ellis berühmt geworden. Mit seinen Tweets hat er viele brüskiert. In seinem neuen Buch „Weiß“ rechnet er mit sich und der amerikanischen Gesellschaft ab.

          Er habe sich beruhigt, versicherte jüngst die „New York Times“ über Bret Easton Ellis und fügte hinzu: „Er glaubt, Sie sollten es auch tun.“ Das war überraschend, scheint Ellis doch stets alles getan zu haben, um das Gegenteil zu erreichen. Er hat mit zynischen und gewaltpornographischen Romanen wie „Less Than Zero“ (1985) oder „American Psycho“ (1991) nicht nur die amerikanische Gesellschaft geradezu verstört, und er hat sich zuletzt den Ruf eines Twitter-Trolls erworben, der jeden Wutausbruch direkt ins Handy überträgt und damit in die Welt. Als er etwa schrieb, Kathryn Bigelow sei als Filmemacherin völlig überbewertet, nur weil sie sehr gut aussehe, löste das genauso eine Empörungswelle aus wie seine zahlreichen Kommentare über amerikanische Identitätspolitik.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Ellis vergleicht Filme, die er nicht mag, mit einer Aids-Infektion oder rät Jugendlichen, die gehänselt werden und Selbstmordgedanken hegen, ihren Mann zu stehen. Am Todestag des Schriftstellers J. D. Salinger twitterte er: „Yeah!! Thank God he’s finally dead. I’ve been waiting for this day for-fucking-ever. Party tonight!!!“ Wenn also ausgerechnet Ellis nun andere bittet, sich mal nicht so aufzuregen, stellt man sich das in etwa so vor, als riefe einem sein mörderischer Held Patrick Bateman mit vorgehaltener Axt zu: „Chill, Motherfucker!“ Wer ist hier also eigentlich der „American Psycho“?

          In seinem Essayband „Weiß“, der kommende Woche bei Kiepenheuer & Witsch erscheint und Züge einer Werkbiographie aufweist, spielt Ellis selbst mit der Frage, was ihn mit seiner bekanntesten Figur verbinde. Es liegt freilich nicht darin, auf brutalste Weise Menschen zu töten – wohl aber in einer tiefsitzenden Frustration, wie der Autor schreibt: „,American Psycho‘ erforschte, was es für einen Menschen bedeutet, in einer Gesellschaft zu leben, mit der man nicht einverstanden ist, und was geschieht, wenn man dennoch versuchte, die Werte zu akzeptieren und nach ihnen zu leben, obwohl man weiß, dass sie falsch sind.“ Patrick Bateman sei so etwas wie die schlimmste Version seiner selbst, ein „Albtraum-Ich, das ich verabscheute“. Der Roman zeige schließlich, was dabei herauskomme, wenn man dem amerikanischen Traum nachjage: „Entfremdung, Korruption, leerer Konsum im Bann von Technologie und Konzernherrschaft“.

          Die Trigger-Warnung als Bedrohung der Kunst

          Der Schriftsteller als sein eigener Exeget: Diese Rolle nimmt Ellis in seinem neuen Buch häufiger ein, und zwar mit dem Gestus, es gelte etwas geradezurücken. Dass er nach fast dreißig Jahren noch glaubt, selbst die Moral seines seinerzeit hochkontrovers diskutierten Werks nachliefern zu müssen, wirkt fast rührend, es passt zu einer Haltung, die sich in „Weiß“ als eine Art dauerhaftes Beleidigtsein manifestiert. Wenn man so will, rechtfertigt sich Ellis, heute 55 Jahre alt, darin pausenlos für sein Werk, für seine Tweets, für sein Leben.

          Wir erfahren zu Beginn, dass er schon als Kind Horrorfilme und bald Pornos zu sehen bekommen hat, und am Ende, dass er Kanye Wests Trump-Lobeshymnen auf Twitter als „bipolare dadaistische Performancekunst“ betrachtet. Zwischendurch beschreibt Ellis detailliert die Genese seiner Bücher und auch ihrer Adaptionen für Film oder Bühne, darunter „American Psycho – Das Musical“. Vor allem aber legt er dar, wie er sich in einer Gesellschaft fühlt, mit der er nicht einverstanden ist – will sagen: Er geriert sich als ewig missverstandener Außenseiter, das ist die Rolle, in der er sich am wohlsten fühlt. Wie Ellis sich noch einmal ausführlich für manchen entgleisten Tweet exkulpieren will, ja sogar die Online-Entgleisung per se zum humanistischen Höhepunkt der freien Meinungsäußerung umzudeuten versucht, die von Tugendwächtern eingeschränkt werde, ist, mit einem amerikanischen Wort, „pathetic“ – aber deswegen ist trotzdem noch nicht das ganze Buch schlecht.

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