https://www.faz.net/-gqz-7afev

Brasilien auf der Buchmesse : Pavillon aus Pappe

Das war der Auftakt: Die ersten Sendboten des Ehrengasts 2013 auf der Frankfurter Buchmesse des vergangenen Jahres. Bild: Schmitt, Felix

Das diesjährige Gastland Brasilien präsentiert sein Programm zur Frankfurter Buchmesse. Ungeachtet der heimischen Unruhen scheut das Land weder Kosten noch Mühen, um sich standesgemäß vertreten zu sehen.

          3 Min.

          Während in den letzten Tagen Hunderttausende auf Brasiliens Straßen gegen Korruption, Misswirtschaft, soziale Ungleichheit und eine Unsummen verschlingende Fußballweltmeisterschaft protestieren, bleibt der Streit um den Auftritt der Kulturnation Brasilien als Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse bislang auf die Feuilletons brasilianischer Zeitungen beschränkt. Aber es gibt eine solche Debatte durchaus, wie jetzt auf der Pressekonferenz zu erfahren war, auf der das Gastland in Frankfurt sein Programm vorstellte.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Brasilien, mit etwa neunzig Millionen Lesern einer der großen Buchmärkte der Welt, will den Auftritt in Frankfurt für eine Kulturoffensive nutzen, mit der die Stellung der portugiesischen Sprache gestärkt und die Vielfalt der brasilianischen Kultur präsentiert werden sollen. Eifersüchteleien unter Autoren und Verlegern, Streit um Kosten und Nutzen des Auftritts sowie versuchte politische Einflussnahme können da kaum ausbleiben.

          Mit Rap und Theater

          Fast hundert Verlage stellen ihre Programme vor, mehr als neunzig brasilianische Schriftsteller, 23 davon sind Frauen, werden sich bis Ende des Jahres auf etwa 150 Lesungen und Diskussionsveranstaltungen präsentieren. Der Schwerpunkt liegt naturgemäß auf der Frankfurter Buchmesse, aber Auftritte bei der Leipziger Buchmesse, der LitCologne und dem Internationalen Literaturfestival Berlin sind ebenfalls vorgesehen. Zur Eröffnung des kulturellen Rahmenprogramms werden Ende August der Rapper Criolo und der Musiker Lenine aus Pernambuco beim Frankfurter Museumsuferfest erwartet.

          Dann folgen Theateraufführungen, Kunstausstellungen, Performances, Installationen und Konzerte. Das Kulturzentrum Mousonturm, wo unter anderem „Puzzle“, eine Produktion des Dramatikers Felipe Hirsch, gezeigt wird, soll sich während der Buchmesse zu einem „künstlerischen Konsulat“ des Gastlandes entwickeln.

          Einblick in den Tropicalismo

          Die Schirn Kunsthalle beteiligt sich an einer auf verschiedene Schauplätze in der Stadt verteilten Ausstellung mit Werken von brasilianischen Street-Art-Künstlern, das Museum für Moderne Kunst zeigt unter dem Titel „Hélio Oiticica: Das große Labyrinth“ eine Retrospektive mit Werken von César Oiticica Filho, die mit der großen Bühnenshow „Tropicalismo - Tropicália Gestern und Heute“ eröffnet wird. Sie soll Einblick in die Kulturbewegung des Tropicalismo geben, der sich nie allein auf den Bereich der Musik beschränkt hat, sondern verschiedene Kunstformen und Stilrichtungen miteinander mischt. Seine Wurzeln hat der Tropicalismo in den sechziger Jahren, als brasilianische Generäle putschten und das Land für zwei Jahrzehnte in eine Militärdiktatur verwandelten.

          Seitdem Brasilien vor zwei Jahren ein umfangreiches Übersetzungsprogramm aufgelegt hat, sind 270 Projekte gefördert worden, darunter achtundvierzig Übersetzungen ins Deutsche. Renato Lessa, Präsident der Brasilianischen Nationalbibliothek, und Antonio Grassi, der Präsident der brasilianischen Kulturstiftung „Funarte“, kündigten in Frankfurt an, dass sich Brasilien als „Land voller Stimmen“ präsentieren werde, das die Vielzahl der kulturellen Strömungen und unterschiedlichen Ethnien zur Geltung kommen lasse.

          Als Arena soll der Pavillon dienen, den Daniela Tomas entworfen hat. Die Filmregisseurin, Drehbuchautorin, Bühnenbildnerin und Designerin war im letzten Jahr für die Choreographie des brasilianischen Beitrags zur Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in London verantwortlich. Für das Frankfurter Buchmessengelände hat sie einen Pavillon entworfen, mit dem sich das Gastland auf spielerische Weise zum Papier und zur Druckkunst bekennt. Auf 2500 Quadratmetern wird ein Forum mit offener Architektur, rechteckiger Grundfläche und gekrümmten Seitenwänden entstehen. Das Baumaterial besteht aus recycelbarem Pappkarton, der zu Modulen unterschiedlicher Größe geformt wird, die mit Motiven traditioneller und moderner Kunst bedruckt und ineinandergesteckt werden können.

          So entsteht eine helle, ebenso filigrane wie transparente Architektur, die Raum bietet für eine Bühne mit kleinem Auditorium, Hängematten für Leser und fußlahme Messegeher und eine Videoinstallation der besonderen Art: Jeder der acht Monitore, die im Kreis angeordnet sind, ist mit einem Fahrrad zur Stromerzeugung verbunden. Brasilien, fünftgrößter Staat und sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt, gibt sich umweltbewusst und lässt die Leser in die Pedale treten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Coronakrise : Kein „Tschernobyl-Moment“

          Chinas Führung kämpft gegen unliebsame Informationen über das Coronavirus. Jetzt hat Staatschef Xi gesprochen. Das zeigt, dass die Lage ernst ist. Problem: Wenn Xi im Spiel ist, muss alles besser werden – zumindest offiziell.
          Offenbar gehört der Mensch doch nicht sich selbst, jedenfalls nicht im Sinne eines frei verfügbaren Eigentumsverhältnisses zum eigenen Körper.

          Organspende-Entscheidung : Wem der Mensch gehört

          Das Parlament hat die Organspende unlängst im Sinne der erweiterten Zustimmungslösung geregelt. Aber was wurde damit eigentlich genau entschieden? Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.