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„Hart auf hart“ von T.C. Boyle : Weltberlinpremiere

Der US-amerikanische Schriftsteller T.C. Boyle nimmt es für seinen neuen Roman „Hart auf hart“ nicht so genau mit der Bezeichnung „Weltpremiere“. Bild: dpa

Wen interessiert denn eine „Leipziger Erstlesung“? – Es gibt nur einen Ort, an dem der neueste Roman von T.C. Boyle Weltpremiere feiern kann: In Berlin. Punkt.

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          Aus Berliner Sicht ist die Welt klein, sie reicht von Stadtrand zu Stadtrand. Aber was braucht der Berliner auch mehr? Und was könnten andere Menschen noch mehr brauchen? Solche wie der Schriftsteller T. C. Boyle etwa, der heute Abend den Großen Sendesaal im Haus des Rundfunks restlos füllen wird: mit 1500 Berliner Zuhörern für die Weltpremiere seines neuen Romans „Hart auf hart“. So kündigt der Sender rbb als Veranstalter diese Lesung jedenfalls an. Ja, es ist die erste Lesung aus diesem Buch in Berlin – und damit natürlich auch in der ganzen Welt. Das Interesse im Berliner, pardon: deutschen Sprachraum an Boyles Werk ist so groß, dass „Hart auf hart“ hier schon einen Monat vor der amerikanischen Veröffentlichung von „The Harder They Come“ – so der Originaltitel – zu lesen ist (F.A.Z. vom 11. Februar).

          Es ist auch so groß, dass der Schriftsteller anlässlich dieses Ersterscheinens aus seiner kalifornischen Heimat (woher, bitte?) angereist ist, um eine zweiwöchige Lesetournee zu unternehmen: Nach der heutigen Weltpremiere geht es morgen direkt weiter, natürlich nach Berlin (Wannsee) und dann sogar in außerweltliche Gefilde wie Köln, Tübingen, Regensburg oder Wien; aber das sind dann selbstverständlich keine Weltpremieren mehr, denn wir sind ja nicht mehr in Berlin.

          Das verbotene P-Wort

          Und deshalb war auch die Leipziger Lesung von T. C. Boyle aus „Hart auf hart“, die am vergangenen Sonntag, also drei Tage vor der heutigen Weltpremiere, stattfand, keine Weltpremiere. Und damit darüber auch ja niemand ins Zweifeln kommen würde, hatte der rbb sich ausbedungen, dass in Leipzig niemals das Wort „Premiere“ fallen durfte, was zu der Umschreibung „Leipziger Erstlesung“ durch den listigen dortigen Buchmessechef Oliver Zille führte, der Boyle sichtlich stolz vor einem mit mehreren hundert Zuhörern ebenfalls restlos gefüllten Saal willkommen hieß. Was für eine Schrecksekunde dann, als Boyle selbst, der zwar gut Deutsch versteht, aber davon nur je nach Bedarf Gebrauch macht, plötzlich das verbotene P-Wort in den Mund nahm! Wollte er seinem Buchtitel „Hart auf hart“ entsprechen und demonstrieren, dass er sich nicht verbieten lässt, die Wahrheit zu sagen?

          Oder ging die Begeisterung mit ihm durch angesichts seiner treuen deutschen Fans, die ihm seit einem Vierteljahrhundert, als er erstmals hierzulande las – damals in einer kleinen Heidelberger Buchhandlung anlässlich des Erscheinens von „World’s End“, selbstredend keine Weltpremiere –, ausverkaufte Veranstaltungen bescheren? Immerhin hielt T. C. Boyle die Signierstunde in Leipzig knapp – weil er den letzten Zug erwischen musste? Wohin der ihn brachte? Zurück in die Welt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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