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Bodo Kirchhoff im Gespräch : Allein ist man zu wenig

  • -Aktualisiert am

Bodo Kirchhoff Bild: Laura J. Gerlach

„Widerfahrnis“ heißt das neue Buch des Schriftstellers Bodo Kirchhoff, das er als literarische Antwort auf die Flüchtlingskrise bezeichnet. Ein Gespräch über die Frage, wie weit wir uns und unser Land öffnen können

          6 Min.

          In Ihrer Novelle „Widerfahrnis“ dreht sich alles ums Überleben. Ihr Protagonist Reither erzählt zu Beginn, wer und was in seinem Leben alles nicht überlebt hat. Bis hin zu seinem eigenen kleinen Verlag, der nicht überlebt hat, da die Literatur ebenfalls vom Aussterben bedroht ist. Empfinden Sie Ihr Dasein als Schriftsteller auch als Überlebenskampf?

          Nicht so sehr als persönlichen Überlebenskampf im ökonomischen - eher im psychologischen Sinne. Uns gegenwärtigen Schriftstellern sind ein bis zwei Generationen ernsthafter Leser weggebrochen. Heute ist die Literatur vor allen Dingen für jene interessant, die selbst Literatur machen, abgesehen von noch ein paar anderen Leuten, die zu einer immer größer werdenden Minderheit gehören. Aufgrund dieser Tatsache den Sinn für das Ganze nicht zu verlieren, darin sehe ich meine Aufgabe.

          Weil?

          Weil sonst die Sprache in einem Maße verwildert, wie wir es gerade dieser Tage erst in Dresden erleben durften. Diese allgemeine, absolute Verwilderung der Sprache ist schlicht grauenhaft und das eigentliche Problem, das sich uns als Gesellschaft stellt und uns allen noch schwer zu schaffen machen wird. In diesem Klima als Schriftsteller weiterzumachen ist für mich eine Art Überlebenskampf, ohne das Wort überstrapazieren zu wollen.

          Nachdem in „Widerfahrnis“ zuerst vom Verlust des eigenen Verlags erzählt wird, erfährt der Leser, dass die Hauptfigur Reither sich als junger Mann auch noch gegen das Überleben seines ungeborenen Kindes entschieden hat. Das heißt, nicht nur die Sprache vergeht, sondern das Leben selbst darf nicht überleben.

          Reither wollte damals keine Unordnung. Er wollte sein Verlagsding machen. Alles sollte so bleiben, wie es war. Ein Leben lang hatte er versucht, seinem Dasein eine überschaubare Form zu geben. Nur hat er dabei unter anderem Entscheidungen getroffen, die er jetzt bereut, wie zum Beispiel, dass er das Leben seiner ungeborenen Tochter nicht zugelassen hat. Zunehmend merkt er nun, dass er allein zu wenig ist. Irgendwie hatte er die stille Hoffnung gehegt, dass alleine reicht. Aber es hat eben nicht gereicht. Gleichzeitig glaubt er nicht so ganz an die Gemeinschaft, weil sie immer Veränderung bedeutet.

          In diese reduzierte Aufgeräumtheit bricht plötzlich das Leben ein. Eines Nachts steht seine Nachbarin Leonie Palm vor seiner Wohnungstür und überredet ihn zu einer spontanen Autofahrt nach Italien, die sie bis nach Sizilien führt. Auf der Fahrt dorthin treffen die beiden immer wieder auf Flüchtlinge. Zuerst nur schemenhaft. Schließlich helfen die beiden einem kleinen Mädchen im roten Fetzenkleid. Als sei es ihre Aufgabe, diesem Kind ein neues Zuhause zu geben. Wieder geht es ums Überleben.

          Man könnte sagen: Das Leben bricht ins Leben ein. Das ist Reithers Moment von Widerfahrnis. Er erkennt, dass er sich diesem Einbruch beugen muss. Dass er Veränderung und somit das Leben endlich zulassen muss. Den Titel „Widerfahrnis“ trage ich übrigens seit Jahren mit mir herum. Doch es gab keine Geschichte dazu. Ich habe also gewartet, bis die Geschichte zu mir kam. Das war im letzten September der Fall, als wir von der Flüchtlingswelle ergriffen wurden.

          Mit „Widerfahrnis“ haben Sie das Flüchtlingsdrama aufgegriffen.

          Weil wir uns dieser Veränderung stellen müssen, und damit meine ich jeden einzelnen, auch mich. Trotz der Sorge, dass die Form, die wir uns für unser Leben zurechtgelegt haben, früher oder später umgewälzt wird. Ich bin allerdings kein politischer Kommentator solcher historischen Prozesse, also habe ich eine kleine, anschauliche Geschichte dazu gefunden und erzählt.

          Um auf diese Weise auch Antworten zu finden?

          Erst einmal findet Literatur eine Sprache und eine Geschichte für das, was sonst nur unzulänglich ausgedrückt wird. Sie erfindet eine eigene Wahrheit, mit Hilfe derer wir uns und unser Handeln befragen können. Mir war beim Schreiben dieses Buches vor allen Dingen wichtig, eine entzerrte und berührende Sprache für die Vorgänge über das, was über uns hereinbricht, zu finden, um sie den vorherrschenden Parolen, Schlagworten, Halbsätzen entgegenzusetzen.

          Auch um daran zu erinnern, dass es bei dieser Krise in erster Linie um Leben geht, über das verhandelt wird?

          Momentan wird das Leben, das uns fremd erscheint, mit Füßen getreten oder ignoriert oder unter das Joch von Zahlen gezwungen. Grund dafür ist einmal das Gefühl des Abgehängt-Seins und zum anderen die Angst vor Veränderung und bei Politikern vor dem Verlust von Wählerstimmen. Mit allem hängt die Verrohung der Sprache zusammen, die sich auch in der Forderung nach konkreten Zahlen ausdrückt und der Freudigkeit, mit der das Wort Abschiebung im Mund geführt wird.

          Bei der Buchvorstellung seines Romans „Widerfahrnis“ im Frankfurter Literaturhaus
          Bei der Buchvorstellung seines Romans „Widerfahrnis“ im Frankfurter Literaturhaus : Bild: Wonge Bergmann

          Auch Ihre Hauptfigur Reither braucht im Laufe der Handlung einige Anläufe, um sich dem Leben hinzugeben, anstatt vor ihm davonzulaufen. Zum Ende des Buches hin fährt er sogar ohne Leonie Palm im Auto weiter, die er im Hafengetümmel verloren hat. Um sein Leben zu sortieren, das seine Überschaubarkeit verliert. Er hat sich an der Hand verletzt, er blutet stark. Und doch öffnet er sich gleich darauf wieder der nächsten fremden Person. Taylor, einem nigerianischen Flüchtling, der ihm die Wunde näht.

          Als schließlich auch noch die junge Frau des Nigerianers mit ihrem Baby auf dem Arm auftaucht - als heilige Familie, wenn man so will -, ist das für Reither noch so ein Moment von Widerfahrnis. In diesem Augenblick beugt er sich endgültig dem, was ist, und nimmt die Gemeinschaft an.

          Als Reither Leonie Palm kurz darauf durch Zufall am Bahnhof wiedertrifft, übergibt sie ihm den Schlüssel zu ihrer Wohnung. Sie sagt: „Lass sie in meine Wohnung.“

          Das ist gleichbedeutend mit: „Lass sie in unser Land.“

          „Widerfahrnis“ ist also nicht nur eine Geschichte über das Überleben, sondern auch über das Zulassen von Leben. Sie erzählen von Reduktion und Fülle. Wer sagt uns, wann wir Fülle zulassen sollen und wann reduzieren?

          Das ist die Frage! Wer sagt uns, wie weit wir die Grenzen öffnen sollen? Es ist die Geschichte mit der Obergrenze. „Widerfahrnis“ ist eine Parabel auf all das. Man kann das, was uns allen hier gerade widerfährt, nicht auf eine Zahl reduzieren, wie es die politisch-katholische Seite tut. Das ist für mein Gefühl zutiefst unchristlich. Merkels Vorgehen hingegen ist geradezu lutherisch, sie beugt sich der Größe des Faktischen durch eine Tat, die für mich eher privat als politisch motiviert war. Eine hochinteressante Sache, die bisher gar nicht so kommentiert wurde.

          Haben Sie beim Schreiben von „Widerfahrnis“ eine Antwort auf die Frage gefunden: Wie weit sollen wir uns öffnen?

          Ich habe erst einmal eine Sprache gefunden, um überhaupt über das, was gerade passiert, reden zu können. So dass auch ich etwas zu dieser außergewöhnlichen wie dramatischen Situation beitragen kann. Ich glaube schon, dass wir uns ändern werden. Dass wir uns ändern müssen. Auch als Land. Dieses Land kann nicht bleiben, wie es ist.

          Am Ende des Buches lässt Reither die Fülle zu. Bedarf es einer gewissen Reife oder Einsicht, bis man sich traut, die Veränderungen anzunehmen?

          Es bedarf einer tiefgreifenden, intimen Erfahrung. Die Liebe macht uns weich und durchlässig. Das ist eine Grundvoraussetzung, um überhaupt eine Veränderung zuzulassen, um das Neue oder scheinbar Fremde aufnehmen zu können. In Reithers Fall ist das seine Nachbarin Leonie Palm. Mit ihr trifft ihn die große Liebe unvorbereitet.

          Das würde bedeuten, dass wir alle nicht die Macht oder die Möglichkeit haben, uns von selbst zu öffnen, sondern dass es jemanden von außen braucht, der uns hilft?

          Was eine tiefe, innere Umwandlung angeht, ja. Damit meine ich nicht dieses oberflächliche Gutmenschentum. Zum Bahnhof fahren und nett winken oder ein paar Kekse verteilen - damit ist es nicht getan. Wir müssen das grundsätzliche Aufbrechen unserer altbekannten Lebensumstände akzeptieren, in denen wir bisher unser Ding gemacht haben. Dieser Prozess scheint mir nur durch Liebe möglich zu sein.

          Reither wird von der Liebe getroffen und kann sich öffnen. Wovon muss Deutschland getroffen werden, damit es sich öffnen kann?

          Es bedarf der Liebe zwischen den Einzelnen und in der Gemeinschaft. In der Familie, zwischen Freunden. Es braucht die Erfahrung von Geborgenheit. Ohne dieses Grundgefühl ist nichts möglich.

          Woher soll es jetzt plötzlich kommen? Wo es ja scheinbar nicht genügend vorhanden ist?

          Nun ja. Tatsächlich gibt es einige, die in dem Gefühl des Mangels leben, noch nicht alles bekommen zu haben. Da gibt es offenbar einen unheimlichen Nachholbedarf in unserem eigenen Haus.

          Ihre Geschichte hört an dem Punkt auf, an dem Reither die nigerianische Flüchtlingsfamilie hereinlässt.

          Ja. Weiter kann ich nicht erzählen, weil wir alle nicht wissen, wie es weitergeht. Ich höre praktisch an der Stelle auf, an der wir gerade alle stehen.

          Jetzt könnte man sagen: Wunderbar! Sie schreiben eine Parabel auf unsere heutige Situation, regen an, dass wir über die Möglichkeit nachdenken, uns zu öffnen.

          Uns zu öffnen und uns zu verändern.

          Aber Sie sagen uns nicht, wie es ausgehen wird.

          Das kann ich ja auch gar nicht. Ich kann nur vermuten, dass wir am Ende dieses Prozesses nicht mehr diejenigen sind, die wir heute sind. Das ist - im Kleinen gesagt - in jeder Beziehung so. Du kannst alleine leben, oder du verliebst dich, lässt jemanden in dein Leben hinein, und dann veränderst du dich, es verändert sich alles, dann kommt noch ein Kind dazu, und nichts ist mehr so, wie es war. Wer das nicht erlebt hat, hat sowieso keinen Sinn dafür.

          Woher nimmt Reither den Mut und die Sicherheit, dass seine Entscheidungen richtig sind?

          Diese Sicherheit gibt es nicht. Die Frage ist: Was ist die Alternative? Die Alternative ist tiefe Melancholie.

          Melancholie durch die Verneinung des Lebens? Weil Leben nun mal Entwicklung ist?

          Ja, wer das nicht mitvollzieht, stürzt in die Melancholie. Er bleibt in seinem Gehäuse, wie es in meinem Buch heißt, und ist ein Flüchtling vor dem Leben. Das will Reither nicht. Das will auch ich längst nicht mehr. Ich weiß sehr wohl, wie man vor dem Leben flieht, und genauso weiß ich, wie sehr das misslingen kann.

          Ist das fehlende Interesse an Literatur gleichzusetzen mit der Verweigerung, sich das Leben wirklich anzusehen?

          Ja, es ist eine Verweigerung in den eigenen Abgrund und das eigene Kleinsein zu schauen. Das glaube ich schon. Die Literatur wirklich anzunehmen, heißt, anzunehmen, dass man nicht der Mittelpunkt des Universums ist und dass man, ohne die Welt in sich aufzunehmen, gar nichts ist, dass man eine lächerliche Figur ist, die da rumzappelt und andere dazu ansteckt, mitzuzappeln.

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