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Zum Tod von Humberto Maturana : Der Frosch, die Fliege und der Mensch

  • -Aktualisiert am

Humberto R. Maturana (1928 bis 2021) Bild: Imago

Die Frage, was Leben ist, hat Humberto Maturana beantwortet. Die Frage, was Erkennen ist, ließ ihn nie los. Nun ist der Forscher an den Schnittstellen von Neurobiologie und Philosophie in Santiago de Chile gestorben.

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          Humberto Romesín Maturana hatte die Einladung an die Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld im Wintersemester 1986/87 zwar angenommen, aber er war verärgert. Wie konnte Niklas Luhmann, der ihn eingeladen hatte, auf die Idee kommen, sein Konzept der Autopoiesis, der Selbsterzeugung des Lebens aus Leben, für die Beschreibung sozialer Systeme zu zweckentfremden?

          Die Botschaft dieses Konzepts war doch eindeutig. 1970 unter dem Titel einer „Biologie der Kognition“ publiziert, erschien es im selben Jahr, in dem Salvador Allende in Chile demokratisch zum Präsidenten gewählt worden war. Dort hatte Maturana seit 1948 Medizin studiert, bevor er 1956 zu einem Promotionsstudium an die Harvard University ging und zu Fragen der Anatomie und des Sehvermögens des Frosches forschte. Unter anderem fand er heraus, dass der Frosch nach bestimmten Eingriffen in sein Nervensystem hartnäckig seine Zunge beim Versuch, eine Fliege zu fangen, in die eine Richtung warf, während die Fliege in der anderen zu finden war. Nicht die Fliege, so seine Schlussfolgerung, sondern das Gehirn koordiniert die Wahrnehmungen und Bewegungen des Frosches. 1960 folgte er einem Ruf an die Fakultät für Medizin der Universität in Santiago de Chile und baute seine Forschung zu einer Theorie des Organismus, der Wahrnehmung und der Erkenntnis aus. Acht Jahre später lud ihn Heinz von Foerster an die University of Illinois ein, wo er bis 1970 eine Gastprofessur innehatte.

          Eine Philosophie der Freiheit

          Maturana verstand seine Biologie der Kognition, eine Theorie der Erkenntnis als biologischer Vorgang, zugleich als eine Philosophie der Freiheit. Niemand konnte dem Organismus die Autonomie seiner Wahrnehmung der Welt nehmen, so sehr diese Autonomie auch darauf angewiesen war, in einer passenden Umwelt stattzufinden. Heinz von Foerster erkannte die weitreichende Bedeutung dieser Entdeckung. Sie passte zu seinem Versuch, eine Erkenntnistheorie zu formulieren, die den Beobachter in das Zentrum des Interesses rückte. „Alles was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt“, hatte Maturana der Wissenschaft ins Stammbuch geschrieben. „Alles was gesagt wird, wird zu einem Beobachter gesagt“, ergänzte von Foerster. Zum gleichen Zeitpunkt lud Allende Stafford Beer nach Chile ein, um die neu entwickelte Kybernetik des Beobachters zu einem System der gesellschaftlichen Steuerung der chilenischen Wirtschaft auszubauen. So kurz nach den bewegten sechziger Jahren müssen die Hoffnungen überwältigend gewesen sein, endlich eine freie, sich selbst bestimmende Gesellschaft gründen zu können. Man weiß, wie das endete. Unterstützt von der CIA streikten zunächst die Kupferunternehmer, dann die Fuhrunternehmer und Spediteure, und legten das Land lahm. 1973 putschte Pinochet und etablierte eine Militärdiktatur.

          Maturana muss dies alles mit größter Sorge verfolgt haben. Er hielt weiter seine Vorlesungen. Irgendwann hat er ein ganzes Semester der Frage einer Theorie des Organismus gewidmet hat und berichtete später, am Ende dieses Semesters sei ein Student auf ihn zugekommen und habe ihm gesagt, dass er nun alles über die Produktion von Proteinen aus Proteinen wisse, aber immer noch nicht verstanden hätte, was „Leben“ sei. Maturana wusste keine Antwort.

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