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Zum Tod von Humberto Maturana : Der Frosch, die Fliege und der Mensch

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Entscheidend ist die Reproduktion

Er widmete sich der Frage in den Semesterferien und fand die Antwort in seinem Konzept der Autopoiesis. Als Autopoiesis, Selbsterzeugung, wird ein Prozess verstanden, der aus den Komponenten eines Lebewesens, vor allem aus Zellen und Proteinen, nicht nur die Komponenten des Lebewesens, sondern auch das Netzwerk der Erzeugung der Komponenten des Lebewesens gewinnt. Leben ist eine entfaltete Tautologie. Es ist eine Einmalerfindung, die sich in unendlich vielen Formen wiederholt, seit es Leben auf der Erde gibt. Leben, so die Konsequenz aus dieser Überlegung, kann nicht aus seinem Ursprung, sondern nur aus seiner Fortsetzung erklärt werden. Über die Prozesse, die der Entstehung des Lebens aus der Ursuppe vorausgingen, kann man spekulieren, aber der entscheidende Punkt ist nicht seine Entstehung, sondern seine Reproduktion. Leben ist sein eigenes (autos)  Werk (poiesis).

Auf die bewegten sechziger folgten die eher grauen siebziger Jahre. Maturana baute seine Theorie zusammen mit Francisco J. Varela weiter aus und wurde berühmt für seinen Versuch, für die Fälle des aus Impulsen bestehenden Nervensystems und des aus Zellen bestehenden Organismus das Konzept der Autopoiesis auch empirisch zu bestätigen. Operationale Schließung war das Stichwort der Stunde. Endlich verstand man, was die Neurophysiologie eines Johannes Müller, Gustav Theodor Fechner und Hermann von Helmholtz bereits im neunzehnten Jahrhundert vermutet hatte, ohne sich diesem Gedanken stellen zu können. Das Nervensystem besteht aus nichts anderem als aus seinen Impulsen. Es muss die Fülle der Figuren, Farben, Klänge, Empfindungen und Vorstellungen, die das Bewusstsein beschäftigen, aus diesen Impulsen und nichts anderem als diesen Impulsen konstruieren. Der Organismus ist offen für diese Welt, weil er geschlossen an sich selbst arbeitet. Unfassbar. Die Neurowissenschaften sind diesem Gedanken heute noch nicht gewachsen.

Als Luhmann in den achtziger Jahren begann, den Gedanken der Autopoiesis auch an sozialen Systemen zu erproben, fühlte Maturana sich missverstanden. Er befürchtete, dass Luhmann den individuellen Menschen wieder genau den gesellschaftlichen Kräften unterwarf, gegen die Maturana und Varela ihr Konzept entwickelt hatten. Dass Luhmann den Gedanken der Freiheit ernst nahm und ihn auch für die Beschreibung von Familien, Organisationen und Funktionssystemen, ganz zu schweigen von der Gesellschaft selbst, nutzte, war Maturana nicht zu vermitteln. Der Versuch, mit ihm darüber in Bielefeld zu diskutieren, wurde schnell aufgegeben. Luhmann und Maturana sollten in diesem Winter 1986 das Seminar eigentlich gemeinsam gestalten. Doch schnell begriff Luhmann, dass Maturanas Stärken nicht in der Diskussion lagen. Schon ab der zweiten Sitzung rückte er seinen Stuhl an den Rand des Raums, überließ Maturana das Podium und verfolgte fasziniert dem Vortrag eines Mannes, der in der Lage war, einem der unwahrscheinlichsten Gedanken, die man denken kann, ein ganzes Wissenschaftlerleben zu widmen.

Nach seiner Emeritierung gründete Maturana in Santiago de Chile zusammen mit Ximena Dávila Y. das Istituto Matríztica, das sich mit den Themen Liebe und Spiel als den „vergessenen Grundlagen des Menschseins“, wie ein Buchtitel lautet, beschäftigt und unter anderem der Frage nachging, warum sich matriarchale Formen des Zusammenlebens in der Menschheitsgeschichte so selten durchgesetzt haben. Die Frage danach, was Leben ist, hat Maturana beantwortet. Die Frage danach, was Erkennen ist, ließ ihn jedoch nie los. Das lief auf eine Theorie des Beobachters hinaus, über die er einmal plante, zusammen mit von Foerster ein Buch zu schreiben. Dieses Buch kam nie zustande. Nur der Titel stand offenbar fest: „Autopoiesis der Autopoiesis“. Am 6. Mai ist Maturana in Santiago de Chile gestorben.

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