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Neue Biographie über Bachmann : Die dunklen Seiten der heiligen Ingeborg

Aber die Tochter wusste immer von dieser NSDAP-Mitgliedschaft?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie es nicht wusste.

Viele feministische Bachmann-Biographen sehen in der Schriftstellerin ein klassisches Opfer des Patriarchats. Dem scheinen Sie in Ihrem Buch vehement zu widersprechen.

Die ganze Opferproblematik ist nicht mein Ansatz – auch wenn sie hier und da zum Opfer geworden sein mag. Insgesamt halte ich Ingeborg Bachmann für eine sehr kalkulierte und strategische Person, die in entscheidenden Phasen ihres Leben genau wusste, was sie wollte, und sehr viel gewagt hat. Sie hat eine zupackende, man könnte fast sagen: männliche Art gehabt, nicht nur in der Karriereplanung, sondern zum Teil auch in ihrem Verhältnis zu Männern.

Bild: S. Fischer Verlag

Die heilige Ingeborg wäre damit ein Mythos von gestern.

Die heilige Ingeborg meint das Opfer, das sich mit anderen Opfern identifiziert. Wohingegen ich so weit gehen würde, zu sagen, dass ihre Identifikation mit Paul Celan fast an Anmaßung grenzte. Man kann nicht als Tochter eines ehemaligen Wehrmachtssoldaten und NSDAP-Mitglieds mit dem eigenen Vater nicht über diese Vergangenheit sprechen – und dieses Nicht-Sprechen dadurch kompensieren, dass man sich in einen staatenlosen Juden aus Czernowitz einfühlt, der beide Eltern im Holocaust verloren hat und selbst in einem rumänischen Arbeitslager war. Aber das entsprach damals dem Zeitgeist, so wurde vieles kompensiert. Viele Kinder von Nazis haben die familiäre Auseinandersetzung nicht unbedingt gesucht. Insofern kommt die Opferidentifizierung an dieser Stelle einer Selbstüberschätzung gleich.

Sie beginnen Ihr Buch mit dem Tod von Ingeborg Bachmann und der Frage, ob sie trotz ihrer Brandverletzungen zu retten gewesen wäre. Warum ist Ihnen diese Frage so wichtig?

Ich hatte früher immer das Bild eines brennenden Zimmers vor Augen. Ich dachte, dass Ingeborg Bachmann bei dem Unfall, der durch eine glühende Zigarette ausgelöst wurde, tatsächlich verbrannt sei. Aber es gab gar keine Brandspuren in dem Zimmer. Mich hat interessiert, wie es wirklich war.

Schon 1980 gab es eine andere Vermutung für die Todesursache: ihre Tablettenabhängigkeit. Sie haben Ärzte befragt, wie sie die Todesumstände einschätzen.

Ja, und auch die waren unterschiedlicher Meinung. Der eine Mediziner meinte, sie wäre nicht zu retten gewesen, weil sie schon ins Koma gefallen war. Ein anderer Mediziner meinte, man hätte es mit ausschwemmenden Mitteln versuchen können. Ich bin da also zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen, aber allein das fand ich aufschlussreich. Ein dritter Arzt hat mir versichert, dass ihre Brandverletzungen so erheblich waren, dass sie gar nicht hätte überleben können.

Der letzte Satz des Romans „Malina“ lautet: „Es war Mord.“

Dieser Satz bleibt natürlich ein ganz schreckliches Rätsel. Sie nimmt in „Malina“ die Verbrennungsmetaphorik vorweg. Wie kann das sein? Man darf nicht vergessen, dass sie sich selbst mythisiert hat und in „Malina“ eben auch ihren eigenen Tod, was ihr von der Literaturkritik vorgeworfen wurde. Marcel Reich-Ranicki etwa hat das nicht ertragen und sich geweigert, das Buch überhaupt zu besprechen. Sie hat also auch mit der eigenen Destruktivität gespielt, ihren Todestrieb stilisiert und daraus Literatur gemacht. Man muss das nicht mögen.

Sie erzählen in einem sehr unsentimentalen Ton von Ingeborg Bachmann. Das betrifft ihre Drogensucht, aber auch ihre Liebe zum „Untergrund“, wie Sie das nennen.

Man weiß seit längerem, dass sie drogenabhängig war. Aber was man nicht so genau wusste, ist, dass viele ihrer Freunde es damals nicht so genau wissen wollten. Am Ende hängt ihr wahnsinnig früher Ruhm mit ihrer Gefährdung, ihrer Drogensucht und ihrer Neigung zu Grenzerfahrungen wohl zusammen.

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