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Klimts hundertster Todestag : Der Meister des gemalten Wahnsinns

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Sexualität, Lust, Körperlichkeit, Triebe – das Fin de Siècle war auch ein Zeitalter der Erkundung des Unerklärlichen und Kreatürlichen in der menschlichen Seele wie im Körper. Klimt ist mittendrin, folgt den Debatten, liest Bücher, hört medizinische Vorträge. Und verarbeitet alles in seinen Werken. Etwa in den drei 1894 in Auftrag gegebenen Bildern für die Wiener Universität, die einen Skandal auslösten. Denn anstatt brave Allegorien von Medizin, Philosophie und Jurisprudenz, anstatt den Triumph von Wissenschaft und Vernunft zu malen, wirft Klimt Traumbilder auf die Leinwand, ausgemergelte, sich windende nackte Körper, die unergründlichen Kräften ausgeliefert sind.

Die Auftraggeber und die Presse waren entsetzt, „gemalter Wahnsinn“ sei das. Nach jahrelangem Hin und Her behielt Klimt 1905 seine Werke ein und zahlte den Vorschuss zurück. Für „einen Auftraggeber, der nicht an mein Werk glaubt, der mich beschimpfen lässt, weigere ich mich, ferner zu arbeiten“. Berta Zuckerkandl, Grande Dame der Wiener Gesellschaft, in deren Salon die Geistesgrößen ein- und ausgingen, schrieb: „Er ist einer jener Künstler, der zum Helden wird, wenn es gilt, sein Reich zu schützen.“

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Spott der zeitgenössischen Presse

Klimts Reich, das war für viele Jahre auch die Wiener Secession. 1902 präsentierte er dort den Beethovenfries. Diese „gemalte Pornographie“ eigne sich allenfalls für ein „unterirdisches Local, in dem heidnische Orgien gefeiert“ werden, spottete die Presse. Was heute, jenseits der Berichte über die heftigen Reaktionen, häufig unerwähnt bleibt, ist, dass das Werk, so jedenfalls sieht es ein Teil der Forschung, inspiriert wurde vom symbolistischen Maler und Sozialreformer Karl Wilhelm Diefenbach. Detailliert weisen die Autoren Parallelen in Leben und Selbstverständnis der beiden Künstler nach und zeigen, welche inhaltlichen Ähnlichkeiten Beethovenfries und Diefenbachs siebzig Meter langer Schattenfries „Per aspera ad astra“ aufweisen.

Die Ausstellung, in der der Beethovenfries gezeigt wurde, war als ein dem Komponisten gewidmetes Gesamtkunstwerk aus Malerei, Skulptur und Architektur konzipiert und sollte in einer bestimmten Richtung durchlaufen werden. Die Secession war, auch das betonen Honrncastle und Weidinger, nicht nur eine Vereinigung progressiver Künstler, sondern auch ein Labor für moderne Formen der Kunstvermittlung. Es gab verschiebbare Wände, Bilder hingen auf Augenhöhe, ein Begleitprogramm, Kataloge und eine flankierende Zeitschrift. Damit durch die Kunst, so das erklärte Ziel der Secessionisten, „der schlummernde Trieb geweckt werde, der in jeder Menschenbrust gelegen ist, nach Schönheit und Freiheit des Denkens und Fühlens (...) ohne Unterschied des Standes und des Vermögens“.

Klimt ist heute allgegenwärtig. Auf Tassen, Lampen, Salzstreuern, Tüchern, Krawatten und mit gigantischen Preisen auf dem Kunstmarkt. Umso erstaunlicher war es, dass keine Biographie jüngeren Datums vorlag. Horncastle und Weidinger wollten das ändern. Ihr Buch tritt mit dem Untertitel „Die Biografie“ auf. Es ist seine Stärke, überzeugende Einblicke in Klimts Schaffen und seine künstlerische Entwicklung zu liefern. Es ist seine Schwäche, dass der Mann Klimt dabei zu kurz kommt und manches gar nicht erst erwähnt wird. Über den Maler und die Frauen zum Beispiel sei bis zur Erschöpfung geschrieben worden, heißt es im Vorwort.

Sollte aber, wer die emanzipatorische Kraft seiner Zeichnungen hervorhebt, nicht auch, zumindest in einer Biographie, den Mann Klimt schärfer in den Blick nehmen? Einen Mann, der 1899 versucht, Alma Schindler, spätere Mahler, spätere Gropius, spätere Werfel rumzukriegen, nebenbei flammende Briefe an seine lebenslange Gefährtin Emilie Flöge schreibt und Vater von zwei Gustavs junior wird, deren Mütter die Modelle Maria Učická und Marie alias Mizzi Zimmermann sind? Von diesen beiden Frauen aber, die nicht zum erlauchten Kreis der feinen Wiener Gesellschaft gehörten, erfährt man so gut wie nichts. „Die“ Klimt-Biographie steht also doch noch aus.

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