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Maxim Billers Roman : Balzac reloaded?

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Was er von Literaturkritik hält und versteht, wissen wir nun: Der Schriftsteller Maxim Biller. Bild: Jule Roehr

Wenn der Stil zum Protagonisten eines Romans wird: Maxim Billers „Biografie“ ist ein Kampf von Balzac gegen Flaubert. Über Billers Lust am Textexzess und eine Leseerfahrung, die das Selbst des Lesers demontiert. Das Buch hat beinah tausend Seiten, deshalb hat sich der Rezensent etwas Zeit gelassen.

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          Ich erinnere mich gut, wie ich nach 300 Seiten Lektüre von „Biografie“ ein Gespräch mit Maxim Biller in Zürich absagen wollte, weil ich die Kraftmeiereien seiner Figuren reflexartig auf den Autor zurückprojizierte. Mich nervte die „cool-uncoole“ Pose, und ich neigte wie viele Kritiker dazu, Anspielungen wie „der kamerageile Schriftsteller“ oder „du kleine, traurige, deutsche Woody-Allen-Kopie“ als eitle Selbstinszenierung Maxim Biller zuzuschreiben und mit seinen Kolumnen kurzzuschließen.

          Doch aufgrund meiner Erfahrungen, was einem Kritiker blüht, wenn er wie Elke Heidenreich nichts oder nur 50 Seiten von Büchern wie Heideggers „Schwarzen Heften“ oder Christian Enzensbergers „Nicht Eins und Doch“ liest, setzte ich mich der Leseerfahrung aus. Bald erfasste mich Billers Lust an der Provokation, die man aus den Hasskolumnen kennt. Aus den Tempo-Jahren, deren Stil meine Jugend mit Sehnsucht geprägt hatte, da er für mich, im biederen Zürich sitzend, so unerreichbar war, worauf ich damals, aus narzisstischer Kränkung, immer mit kristallkalter Kritik reagierte, um meinen Abgott Woody Allen zu schützen, den Biller genauso demontierte wie den Sexappeal von Mickey Rourke, dem ich mich in masochistischer Selbstgeißelung des Zeitgeiststrebers hingab. Nun, im Rückblick, genoss ich diese Demontage meines damaligen Selbst. Und doch hatte ich mit dieser Lust am präpotenten Provo-Text den kühnen Wurf des Buches noch immer verkannt.

          Balzac gegen Flaubert

          Es gibt wenige Werke, bei denen man das Gefühl hat, der Protagonist sei nicht die Hauptfigur, sondern der Stil. Mit bösartiger Raffinesse lässt Biller einen Teil des Buches im „Café Balzac“ spielen, in das uns 2013 schon Tom Wolfe mit „Back to Blood“ lockte. Balzac gegen Flaubert.

          Balzac: Der Autor, der immer weiß, wovon die gebogene Nase des geizigen Père Goriot oder die zusammengepressten Lippen der sadistisch lüsternen Helden zeugen, ob bei Tom Wolfe oder in „Fifty Shades of Grey“. Ein Autor, der auktorial die Geheimnisse seiner Figuren ausplappert. Das tut auch Biller. Sein Erzähler weiß, was in den Köpfen der anderen Figuren vorgeht, sogar bei Szenen, bei denen er nicht dabei war – Balzac reloaded?

          Oder doch Flaubert? Alles, was tief ist, liebt laut Nietzsche die Oberfläche. Und in der Tiefe orientiert sich Biller an Flaubert, der in seinem Stilwillen für jedes Buch einen neuen Stil entwickelte, in „Madame Bovary“ weniger um die Geschichte der arztromanesken Landtante zu schildern, sondern „das Grau von Schimmelpilz“ zu erwecken. In der „Éducation sentimentale“ überlässt Flaubert dann die Figurenführung den Dingen und Möbeln in den Salons, die Figuren sind nur Faltenwürfe auf altem Brokat. Und zuletzt reproduzierte er die Enzyklopädie der Dummheit seiner Zeit in den Auftritten der zwei Biedermänner Bouvard und Pécuchet, die alle Denk- und Stilfiguren ihrer Epoche ad absurdum führen, der Flaubert „ein paar Kübel Kot über den Kopf kippen“ wollte.

          Die späte Rache von Fiorucci

          Und genau diesen Kübel Scheiße warf auch Biller über uns aus. Dank seiner zwei Figuren, die wie Bouvard und Pécuchet, wie Don Quichotte und Sancho Pansa, die Moden ihrer Zeit an uns vorüberziehen lassen und sich in den Falten der Dries-van-Noten-Unterhosen verlieren; von fern an Clever & Smart erinnernd, die auf jeder Comicseite den Irrwitz ihrer Phantasien mit Explosionen an die Wand fahren wie Maxim Biller die Metaphern seiner hirnwütigen und sexsüchtigen Doppelgänger Noah und Soli.

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