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Maxim Billers Roman : Balzac reloaded?

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So jagt Billers Stil durch die Phase der präpotenten Jugend und gerät in den Sog des „viszeralen Surrealismus“ aus Bolaños „Die wilden Detektive“ (1996), um ihn in einen sexualviszeralen Trans- und Transenrealismus zu überführen. Man kann sich gegen diesen Stilwillen sperren. Doch irgendwann gab ich den Widerstand auf und ließ mich treiben von der Eigendynamik der Metaphern, die immer wieder, metonymisch verschoben, in neuen Masken auftreten und auch die Drift der Wörter „ölig, nölig“ und „zarthart“ ergreifen. Dabei reflektiert der Text immer, was er macht. Und das bringt die Kritiker zur Verzweiflung, die an der Oberfläche abgleiten und Halt im Ideologischen suchen.

David Forster Wallace hat den Triumphzug des Trashs in Amerika analysiert und 1989 gegeißelt. Doch gerade hat John Waters, der Erfinder des Trashs, sich in seinem letzten Buch „Carsick“ dieser Technik der letzten Avantgarde bedient und uns bei seinem Trip durch Amerika genau in diese Lust an der Pointe gelockt, die Biller uns vorlegt.

Die Regelbrüche eines auktorialen Flauberts

Man hat dem Buch einen veralteten Witz vorgeworfen, dabei ist es eine tückische Aprèsgarde, wie Bolaño und Wallace sagten, eine Arrièregarde in unserer Gesellschaft des Spektakels. Sie bietet noch einmal die Errungenschaften einer vergangenen Epoche auf, um uns in unsere damaligen Zustände zu versetzen, hysterisch und wild.

Die Regelbrüche eines auktorialen Flauberts treffen auf die Transgression der sexuellen Lust. Eine ewige Bewegung: Immer mehr Tabus müssen überschritten werden, doch dahinter zeigt sich, wie schon bei Georges Bataille, die Leere des Gesetzes, das auf die Überschreitung angewiesen ist, die in der Leere des Sexus endet.

Ob uns dieser Stil gefällt, tut nichts zur Sache, er muss nur konsequent der Dialektik seines Sogs folgen. Der Schweizer Kritiker Werner Weber hat auf der Buchmesse 1965 genüsslich Günter Grass’ „Blechtrommel“ zerpflückt und viel Beifall eingeheimst. Vielleicht sollte man heute den Spieß umdrehen und Maxim Billers Roman gegen seine Kritiker lesen, um eine seltsame Abwehrhaltung gegenüber einem Roman zu entdecken, der in souverän-unsouveräner Weise alle Fehler macht, die man nicht machen sollte – außer man will als Aprèsgarde noch einmal die Lust am Textexzess von Bolaño und Wallace genießen, im Wissen, dass es dafür eigentlich zu spät ist.

Ein Abgesang auf unsere Jugend

Von fern weht uns die Erinnerung an den Schluss von Flauberts „Éducation sentimentale“ an, als die beiden Helden von ihren Knabenblütenträumen reden, wie sie einst vor einem Bordell standen und dann, im letzten Moment, nicht hineingingen, um das Fieber ihrer Phantasie nicht im Akt zu verpuffen. Und was geschieht in Billers letztem Satz?

„Später – es war schon fast zwölf und kein einziger Mensch war mehr auf den Straßen von Iwano-Frankiwsk – saßen Noah und ich noch lange auf der kalten Treppe der Podolischen Bezirksphilharmonie und warteten darauf, dass das Ukrainische Befreiungsorchester drinnen etwas Schönes, Trauriges für uns spielte, etwas, das so klang wie das Leben selbst. Aber wahrscheinlich schliefen die Musiker schon, denn man hörte von dort keinen Ton.“ Wie ein letzter Klick beim Drehen des Rubikwürfels lässt dieser Schluss das ganze Buch, wie bei Flaubert, in einem anderen Licht lesen.

Ein Abgesang auf unsere Jugend, die von Avantgarde träumte und nicht merkte, dass sie nur noch als Aprèsgarde möglich ist. Eine Lust am Text und Textil, das im Faltenwurf der Dries-van-Noten-Unterhosen die knallbunten Pointen von Fiorucci entdeckt und uns die letzte Lust der Gegenwart genießen lässt: Nicht die Erektion der Avantgarde, sondern den „Halben“ der Aprèsgarde, die ihr Erschlaffen durch Aufbietung aller Regelverletzungen eines auktorialen Erzählens genießt, in deren Tiefe der Stilwille von Flauberts Feder, diesem phallokratischen „Dudek“, einen „psychokatalytischen Dadaismus“ entwirft. Literatur als Premium-Spam. Von Satz zu Satz, von Splash zu Splash ein Flashback, in der jeder Leser als „wilder Detektiv“ die Spur seiner eigenen Vergangenheit entdeckt. Und die Möglichkeiten einer Literatur, die sich durch Regelverstöße ins Jetzt entfesselt, das unsere einzige Zukunft ist.

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