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Besuch bei Peter Handke : Der kurze Abschied vom langen Kampf

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„Ein Schriftsteller muß so sein”: Peter Handke Bild: AFP

Ich liebe das, was mir zugestoßen ist: Peter Handke hat den Heine-Preis abgelehnt, ein Treffen aber nicht. In Madrid spricht er über Jugoslawien, Milosevic, Journalisten und das Los des Schriftstellers. Von Volker Weidermann.

          8 Min.

          Es ist Sommer in Madrid, wohl fünfunddreißig Grad, die Menschen suchen den Schatten. Der Dichter Peter Handke durchquert die Halle des prächtigen Hotels „Palace“ im Zentrum der Stadt. Es ist Dienstag, die Welt schien sich in den Tagen zuvor besonders bösartige Tricks ausgedacht zu haben, um den Dichter Peter Handke zu demütigen.

          Die Comedie Francaise hatte sein Stück „Die Reise ins sonore Land“ auf den Spielplan gesetzt, um es kurz darauf aus politischen Gründen wieder davon zu entfernen. Eine Jury der Stadt Düsseldorf sprach ihm den mit 50.000 Euro dotierten Heine-Preis zu, der versammelte Stadtrat kündigte kurz darauf an, dies zu verhindern. Alle Meinungssoldaten hatten daraufhin wieder ihre Plätze auf den Barrikaden eingenommen, um der Welt erneut mitzuteilen, daß Peter Handke a) ein Gegen-Aufklärer, Serben-Verherrlicher, Kriegsverbrechen-Relativierer und Verrückter ist oder b) der einzige Widersteher gegen die Medien-Einheitswelt, das Einheitsdenken, ein wahrer Dichter.

          Wandern in den Bergen

          Und während die Meinungen so durch die Zeitungen wogten, war Peter Handke zum Wandern in den Bergen. Er hatte für das Geld, das ihm der Siegfried-Unseld-Preis eingebracht hatte, einige Übersetzer seiner Werke in die Sierra de Gredos bei Madrid zum Wandern, Reden, Trinken und Feiern eingeladen. Noch bevor er aufgebrochen war, hatte er in einem Brief dem Düsseldorfer Oberbürgermeister mitgeteilt, daß er nach all dem unwürdigen Gezerre den Heine-Preis selbstverständlich nicht mehr annehmen werde. Der Stadtrat könne sich die entscheidende Sitzung sparen, und der Bürgermeister möge „statt dessen die Stadträte an die frische Luft entlassen, z. B. zu einem Picknick an den Rhein“ (siehe auch: Je refuse! Ein Briefwechsel).

          Jetzt ist er vom Wandern zurück, sein Gesicht ist rotbraun gefärbt, er wirkt entspannt und guter Dinge. In der Sakkotasche trägt er eine zerrupfte graue Vogelfeder.

          Wir setzen uns zunächst unter die bunte Glaskuppel im Foyer, Peter Handke bestellt einen Weißwein, wir reden über Fußball, über seine Erzählung „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“, vielleicht das am häufigsten falsch verstandene Handke-Buch, das prahlhänsige Sportjournalisten immer wieder als Beweis für die Ahnungslosigkeit der Schriftsteller in Fußballdingen heranziehen, weil doch ein Torwart der einzige sei, der bei einem Elfmeter niemals Angst habe, weil er ja nichts zu verlieren habe, und in der Erzählung jedoch bleibt der Tormann am Ende einfach stehen. Cool, fängt den in die Mitte geschossenen Ball einfach ab. Entschlossen. Ohne Angst. Der Titel ist eine Täuschung. Menschen, die nur die Namen der Bücher kennen, wissen davon nichts. Darüber kann Peter Handke herzlich lachen.

          Zufällig bin ich Peter Handke

          Wir gehen durch die heiße Stadt. Peter Handke sorgt sich um seinen Besucher, man möge nicht auf der Straße laufen, man möge nicht in der Sonne gehen, fast mütterlich. Er hat etwas Schwebendes im Gang, etwas Leichtes, und er streift mit den Handrücken an den Häuserfronten entlang. Er will mir eine alte Stierkämpferbar zeigen, am Plaza Mayor. Wir trinken Weißwein, an den Wänden hängen Fotos von verunglückten Stierkämpfern, in der Arena und im Krankenhaus. Archaische Schmerzensszenen. Handke sagt: „Sehen Sie nicht so genau hin.“ Ein dicker Tourist in kariertem Hemd, mit großer Kamera auf dem Bauch fragt: „Entschuldigung, aber sind Sie zufällig Peter Handke?“ Der Dichter sagt höflich „Ja“ und, während er sich spöttisch lachend abwendet: „Zufällig bin ich Peter Handke.“

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