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Bestsellerautorin : Wer ist Elena F.?

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Bleibt gern im Hintergrund: Anita Raja anlässlich der Verleihung des deutsch-italienischen Übersetzerpreises Bild: Imago

Seit Jahren fragt die literarische Welt, wer sich hinter Italiens berühmtestem Pseudonym verbirgt: der Schriftstellerin Elena Ferrante. Hier kommt die Antwort

          Es hat viele Spekulationen über die Verfasserin des vierteiligen Romanzyklus „L’amica geniale“ gegeben, dessen erster Band als „Meine geniale Freundin“ kürzlich auf Deutsch erschienen ist und seitdem auf den Bestsellerlisten ganz weit oben steht. Über ihr Schreiben und über ihre Identität, oder besser gesagt: über ihre „Pseudonymität“. Doch seit fast einem Vierteljahrhundert, seitdem Elena Ferrante 1992 ihr erstes Buch in Italien veröffentlicht hat, gibt es keine Bilder von ihr, und man weiß nichts über sie. Nach monatelangen Recherchen scheint es uns nun möglich, die wahre Identität der Schriftstellerin zu enthüllen – was heute gleichzeitig in dieser Zeitung, dem italienischen Wirtschaftsblatt „Il Sole24 Ore“, der amerikanischen „New York Times Review of Books“ und auf der französischen Investigativ-Website „Mediapart“ erfolgt.

          Nicht die Tochter einer neapolitanischen Schneiderin, als die Elena Ferrante sich in ihrem 2003 in Italien erschienenen Buch „La frantumaglia“ bezeichnet, steckt dahinter, sondern erstmals zugänglich gewordene Dokumente weisen auf Anita Raja hin, eine 1953 geborene, in Rom lebende Übersetzerin, deren deutsche Mutter vor dem Holocaust nach Italien geflohen war und später einen städtischen Angestellten aus Neapel geheiratet hatte.

          Die ihrerseits mit dem neapolitanischen Schriftsteller Domenico Starnone verheiratete Anita Raja unterhält seit Jahrzehnten eine enge berufliche Beziehung zum italienischen Verlag Edizioni e/o, in dem Elena Ferrantes Bücher erscheinen: Jahrelang übersetzte sie für das Haus deutsche Literatur, und sie leitete die „Collana degli Azzurri“, einen kurzlebigen Imprint der Edizioni e/o, in dem nach Auskunft der Presseabteilung des Unternehmens nur „drei oder vier Bücher italienischer Autoren“ erschienen sind, darunter aber 1992 „L’amore molesto“, der Debütroman von Elena Ferrante, der 1994 als „Lästige Liebe“ auch ins Deutsche übersetzt wurde.

          Einkommenssteigerung einer Übersetzerin

          Heute ist Anita Raja nach Darstellung der Presseabteilung nur als freie Übersetzerin für die Edizioni e/o tätig und „keinesfalls“ dort angestellt. Aber die Tätigkeit als Übersetzerin kann nicht verantwortlich sein für ihre außerordentlichen Honorarsteigerungen im Verlauf der letzten Jahre. Sie ist offensichtlich die Hauptnutznießerin der durch Elena Ferrantes Erfolg gestiegenen Einkünfte des Verlags.

          Öffentlich zugängliche Grundbücher zeigen, dass sich Anita Raja im Jahr 2000, als das erste Buch von Elena Ferrante in Italien erfolgreich verfilmt worden war, eine Siebenzimmer-Wohnung in einer teuren Gegend von Rom und im Folgejahr ein Landhaus in der Toskana gekauft hat. Aber der richtige kommerzielle Erfolg von Ferrantes Büchern begann erst 2014, als die Romane des Zyklus „Meine geniale Freundin“ zu Bestsellern auf dem englischsprachigen Markt wurden. Im Juni 2016 kaufte Domenico Starnone eine Wohnung in Rom, die weniger als anderthalb Kilometer von der 2000 erworbenen entfernt liegt, die unter dem Namen seiner Frau eingetragen ist. Es handelt sich bei der jüngst gekauften um eine Elf-Zimmer-Wohnung von 230 Quadratmetern im obersten Geschoss eines eleganten Vorkriegsgebäudes in einer der schönsten Straßen von Rom; der Schätzwert des Wohnung beträgt zwischen 1,1 und 1,8 Millionen Euro. Ein italienischer Steueranwalt erklärt, dass die Tatsache, dass die Wohnung unter dem Namen des Ehemanns registriert wurde, nicht bedeutet, dass er sie auch mit eigenem Geld gekauft habe. Vielmehr bedeutete es für das Ehepaar signifikante Steuervorteile. In Italien pflegen verheiratete Paare, denen zwei Wohnungen gehören, diese unter sich aufzuteilen, weil der erste Immobilienbesitz deutlich niedriger besteuert wird als der zweite.

          Eine noch eindeutigere Sprache sprechen die Geschäfts- und Einkommenszahlen des Verlags und von Anita Raja in den Jahren, seit Ferrantes Bücher international erfolgreich wurden. Der Jahresertrag 2014 von Edizioni e/o betrug 3087314 Euro, eine fünfundsechzigprozentige Steigerung gegenüber dem Vorjahr. 2015 stieg er dann noch mal um ungefähr 150 Prozent und erreichte 7615203 Euro. Dieselbe Entwicklung kann man den Überweisungen der Edizioni e/o an Anita Raja ablesen, deren Höhe wir dank einer internen Quelle erfahren haben. Im Jahr 2014 stiegen diese Zahlungen um fast fünfzig Prozent an, und 2015 wuchsen sie im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 150 Prozent, wodurch der siebenfache Betrag erreicht wurde, den Raja 2010 vom Verlag erhalten hatte, als sich der kommerzielle Erfolg ihrer Bücher noch auf Italien beschränkte.

          Falsche Fährten

          Ihre Arbeit als Übersetzerin – eine bekanntermaßen schlecht bezahlte Tätigkeit – kann für diese steile Einkommensentwicklung schwerlich verantwortlich sein. Die uns zugänglich gemachten Unterlagen weisen nach, dass niemand sonst im Verlag, nicht dessen Eigentümer, Angestellte, Autoren oder sonstige Beiträger, ein vergleichbares Einkommen oder eine ähnliche Steigerung des Einkommens seitens der Edizioni e/o erzielt hat. Dagegen entsprechen die Einkünfte von Anita Raja in diesen Jahren den Tantiemen, die mit den Ferrante-Büchern eingespielt worden sein müssen.

          Vierundzwanzig Jahre lang ist es Anita Raja gelungen, sich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante zu verbergen, in dem der Name einer anderen großen italienischen Autorin nachhallt: Elsa Morante. Die Edizioni e/o trugen zu dem Geheimnis bei. Die ganze Zeit hat Ferrante die unersättliche Neugier von Journalisten, Kritikern und Lesern gefüttert, zunächst mit gelegentlichen Informationen und dann mit einem Buch, das ihre Verlegerin Sandra Ozzola, Miteigentümerin der Edizioni e/o neben ihrem Ehemann Sandro Ferri, angeregt hatte. Mit einem Brief an die Autorin hatte Ozzola diese überzeugt, dass die Neugier ihrer Leser „eine grundlegendere Antwort“ verdient habe, „nicht nur, um diejenigen zu befriedigen, die sich in den verdrehtesten Folgerungen über Ihre wahre Identität verlieren, sondern auch zur Belohnung des nachvollziehbaren Begehrens Ihrer Leser, Sie besser kennenzulernen“.

          Diese Anregung führte zu „La frantumaglia“, Elena Ferrantes bislang einzigem nichtfiktionalen Werk. Das Buch enthüllte, dass die Autorin drei Schwestern habe und ihre Mutter eine neapolitanische Schneiderin gewesen sei, die sich gern „in ihrem Dialekt“ ausgedrückt habe. Ferrante will in Neapel gelebt haben, bis sie „weggelaufen“ sei, weil sie woanders Arbeit gefunden habe. Diese Informationskrümel waren dazu gedacht, den Hunger der Fans nach persönlichen Lebensumständen zu stillen. Allerdings passt keines dieser Details zum Leben von Anita Raja.

          Deren Mutter war keine Schneiderin, sondern eine Lehrerin, und kam auch nicht aus Neapel. Sie wurde in Worms geboren, als Tochter einer aus Polen eingewanderten jüdischen Familie. Die Mutter sprach Italienisch mit starkem deutschen Akzent. Anita Raja hat keine Schwestern, nur einen jüngeren Bruder, und obwohl sie in Neapel geboren wurde, lebt sie seit ihrem dritten Lebensjahr, als die Familie dorthin umzog, in Rom.

          Zur Suche herausgefordert

          In „La frantumaglia“ hatte Elena Ferrante ihre Leser gewarnt, das sie über sich nicht die Wahrheit sagen werde. Sie schreibt: „Ich habe nichts gegen Lügen, ich finde sie fürs Leben nützlich, und ab und an bediene ich mich ihrer, um mich vor der Außenwelt zu schützen.“ Und sie ergänzt: „1964 hat Italo Calvino einem Literaturwissenschaftler, der persönliche Auskünfte von ihm wollte, geschrieben: ,Fragen Sie mich, was Sie wollen, und ich werde antworten. Aber ich werde nie die Wahrheit sagen. Dessen können Sie sicher sein.‘ Ich habe diese Haltung immer geschätzt und zumindest teilweise auch zu meiner eigenen gemacht.“ Mit der Ankündigung, dass sie gelegentlich lügen werde, scheint uns die Autorin ihr Recht aufgegeben zu haben, hinter ihren Büchern zu verschwinden. Vielmehr hat sie Kritiker und Journalisten geradezu herausgefordert, nach ihrer wahren Identität zu suchen.

          Bislang haben Literaturkritiker diese Suche angeführt, indem sie sich der Techniken der Philologie und der Vergleichenden Literaturwissenschaft bedienten. Vor einem Jahrzehnt hatte auf Betreiben des italienischen Schriftstellers Luigi Galella eine Gruppe Physiker und Mathematiker an der römischen Universität La Sapienza die Bücher von Ferrante mit speziell für diesen Zweck entwickelter Software analysiert. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die Geschichten „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ von Domenico Starnone geschrieben seien. Italienische Medien trugen seitdem eine ganze Liste „wahrscheinlicher Ferrantes“ zusammen, auf der sich neben Starnone auch schon dessen Ehefrau Anita Raja fand, außerdem die beiden Verleger der Edizioni e/o, Ferri und Ozzola, mehrere andere italienische Schriftsteller und Ferrantes amerikanische Übersetzerin Ann Goldstein. Erst kürzlich ist diese Liste um Marcella Marmo erweitert worden, Professorin für Zeitgeschichte an der Universität FedericoII in Neapel. Der Danteforscher Marco Santagata hatte sie auf Grundlage linguistischer Parallelen zwischen ihrem und Ferrantes Schreiben als die Frau hinter dem Pseudonym benannt – und wegen ihrer Verbindung zur Eliteuniversität Scuola Normale in Pisa, an der sowohl Lenù, die Hauptfigur des Romanzyklus „Meine geniale Freundin“, als auch Marcella Marmo studiert haben.

          Aber keine dieser Vermutungen ist bislang durch konkrete Beweise untermauert worden. Die hier vorgestellten ökonomischen Daten weisen dagegen direkt auf Anita Raja hin, wobei immer noch die Möglichkeit besteht, dass es dabei eine Zusammenarbeit mit ihrem Ehemann Domenico Starnone gegeben hat.

          Prägung durch Christa Wolf

          Die ökonomischen Fakten werden durch andere Hinweise in den Büchern bestätigt, die auch Anita Raja als die Schriftstellerin hinter dem Pseudonym Elena Ferrante vermuten lassen. „Elena“ als der von der Autorin für sich selbst und für die Erzählerin des Romanzyklus (Elena Greco alias Lenù) gewählte Name stammt von Anita Rajas geliebter Tante, während Nino, der Name von Lenùs großer Liebe, der familiäre Spitzname ihres Ehemanns ist. In „Meine geniale Freundin“, dem ersten Band der Tetralogie, betont Ferrante die Bedeutung der örtlichen Leihbibliothek für die kulturelle Bildung von Lenùs Freundin Lila. Der Wert öffentlicher Bibliotheken wird in Italien selten anerkannt, aber Anita Raja war jahrelang Leiterin der Bibliotheca Europea in Rom. Viola Starnone, Rajas Tochter, hat ihren akademischen Abschluss auf der Scuola Normale erlangt, jener Eliteuniversität in Pisa, die Lenù im Buch besucht.

          Nachdem sie zuvor deutsche Schriftsteller wie Franz Kafka und Hans Magnus Enzensberger übersetzt hatte, spezialisierte sich Anita Raja auf Autorinnen aus Ostdeutschland. In einem Artikel, den sie für „Noi Donne“, ein bekanntes italienisches feministisches Magazin, in dem auch Elena Greco, die Erzählerin des Romanzyklus, in dem auf Deutsch noch ausstehenden vierten Band publiziert, drückte Anita Raja ihre Bewunderung für solche Schriftstellerinnen aus, deren „Erzählstimmen die Fähigkeit zur Selbstbetrachtung vorführen“. Besonders lobte sie Christa Wolf, die Verfasserin von „Medea“, „Kassandra“ und „Nachdenken über Christa T.“. Raja hatte viele Jahre lang Wolfs Bücher für die Edizioni e/o ins Italienische übersetzt und sich dabei eng mit der deutschen Schriftstellerin angefreundet. „Ich habe Christa 1984 kennengelernt, und mit der Zeit ist unsere Arbeitsbeziehung zu einer Freundschaft geworden“, hat sie geschrieben. „Das war sehr prägend für mich ... Ihr Werk wirkte sich auf die zuvor schlichtere und eher unkultivierte Herangehensweise meiner Sprache aus. Dadurch wurde sie verbessert, und das hat mich in Richtungen gehen lassen, von denen ich zuvor nicht einmal gewusst hatte.“

          Von Christa verführt

          Rebecca Falkoff, Dozentin für Italianistik an der New York University, ist überzeugt, dass Christa Wolfs deutlicher Einfluss auf „Meine geniale Freundin“ darauf hinweist, dass Raja Elena Ferrante ist: „Thematisch überschneiden sich die Werke von Ferrante stark mit denen von Wolf.

          ,Nachdenken über Christa T.‘ zum Beispiel erzählt die Geschichte einer Frau, die die Spuren einer verschwundenen Freundin nachverfolgt, während Ferrantes Tetralogie mit Lilas spurlosem Verschwinden beginnt. Wie Wolfs ,Medea‘ und ,Kassandra‘, die jeweils klassische Vorlagen aufnehmen und umschreiben, beruht Ferrantes 2002 erschienener Roman ,Tage des Verlassenwerdens‘ entscheidend auf den Geschichten von Medea und Dido, während die gefährliche Vorhersagefähigkeit von Lila aus ‚Meine geniale Freundin‘ sie manchmal wie eine kassandraartige Figur wirken lässt. Beim Beschreiben ihrer Lehrzeit mit Christa Wolf – für sie eine Art symbolischer Mutter – erklärt Raja, dass das Übersetzen dieser Texte ins Italienische ihr erst den Mut und die Sprache gegeben habe, um Dinge auszudrücken, an die sie sonst nie gedacht hätte. Sie mag sich damit nur auf ihre Übersetzungen beziehen, aber ich vermute, dass sie auch die Entscheidung meint, selbst Prosa zu schreiben und zu publizieren.“

          Die 2011 gestorbene Christa Wolf beeinflusste auch Rajas Ehemann, was die Erklärung dafür liefern könnte, warum mit der an der Universität La Sapientia entwickelten Software gefolgert worden war, dass Domenico Starnone die Bücher von Elena Ferrante geschrieben habe. In einem 2009 für die neapolitanische Tageszeitung „Il Mattino“ geschriebenen Artikel erklärte Anita Raja: „Für uns beide wurde jedes Buch, das ich von Christa übersetzte, zum Gegenstand monatelanger intensiver Diskussionen, zur Gelegenheit, nachzudenken und zu lernen. Es war nicht nur literarische Leidenschaft, es war unser beider Begehren, sich ganz auf einen komplexen Text einzulassen. Und es war ... eine Lektion darin, selbst besser zu werden ... Christa hat uns regelrecht verführt.“

          Verschwinden der Autorschaft

          Um diesem Einfluss weiter nachzugehen, haben wir Jana Simon kontaktiert, Wolfs Enkelin, Journalistin bei der Wochenzeitung „Die Zeit“ und Autorin des Gesprächsbuchs „Sei dennoch unverzagt“ mit ihren Großeltern Christa und Gerhard Wolf. Sie wollte aber keine Auskunft geben und verwies uns an die beiden Eigentümer der Edizioni e/o; sie selbst wisse nichts über Ferrantes Bücher, von denen bislang ja auch noch keines in Deutschland publiziert wäre. Dabei wurden zwischen 1994 und 2007 drei Bücher von Ferrante, die vor „L’amica geniale“ erschienen sind, ins Deutsche übersetzt. In einer SMS räumte Simon dann aber im Hinblick auf Elena Ferrante ein: „Natürlich habe ich von ihrer Bewunderung für Christa Wolf gehört.“ Aber Ferrante hat eine solche Bewunderung niemals öffentlich bekanntgemacht; Jana Simon hat unsere mehrmalige Nachfrage nach der Quelle für diese Äußerung denn auch nie beantwortet.

          Als die Veröffentlichung des ersten Buchs unter dem Namen Elena Ferrante anstand, schrieb die Verfasserin ihren Verlegern: „Ich werde die am wenigsten teure Schriftstellerin in Ihrem Verlag sein. Ich erspare Ihnen sogar meine Gegenwart.“ In einer Zeit, in der Ruhm ein geradezu verzweifelt angestrebtes Gut ist, wollte Ferrante unbekannt bleiben. Ihre Entscheidung war wohl von zwei Faktoren bestimmt. Einmal von ihrem Charakter: „Der Gedanke, meine Schutzhülle aufzugeben, machte mir Angst. Also leise aufgetreten.“ Zum Zweiten war sie mutmaßlich beeinflusst von Theorien, die in den späten sechziger Jahren von den französischen Literaturwissenschaftlern Roland Barthes und Michel Foucault formuliert worden sind. „Ich bin der Überzeugung“, hat Elena Ferrante erklärt, „dass einmal geschrieben Bücher ihre Verfasser nicht mehr brauchen.“

          Nachfrage ohne Kommentar

          In seinem Essay „Was ist ein Autor?“ hatte Foucault 1969 eine neue literarische Kategorie eingeführt – die „Autorfunktion“ –, um den individuellen Verfasser zu ersetzen. Seiner Ansicht nach sollte ein geschriebener Text wie eine wissenschaftliche Entdeckung unabhängig von seinem Autor bewertet und geschätzt werden, damit die Sprache sich gegen die Identität ihres Schöpfers behaupten könne. Das war die Antwort des zwanzigsten Jahrhunderts auf die zuvor herrschende Meinung, dass man aus den literarischen Werken eines Autors auf dessen wahren Charakter schließen könne. Elena Ferrante entschied sich für Foucaults Weg. Durch die Aufdeckung ihrer Identität können wir nun vielleicht den Wert eines Mittelwegs zwischen beiden Auffassungen schätzen lernen.

          Um unsere These bestätigen zu lassen, haben wir Nachrichten auf den Mailboxen der Mobiltelefone von Domenico Starnone und Anita Rajas Bruder hinterlassen, in denen wir detailliert unsere Erkenntnisse und die Folgerungen daraus beschrieben haben. Aber die Übersetzerin hat unsere Bitte nach einem Kommentar nicht beantwortet. Sandra Ozzola und Sandro Ferri, die beiden Eigentümer der Edizioni e/o, haben auch abgelehnt, unsere Nachfragen zu beantworten. In einem kurzen Telefonat machte Ferri klar: „Wenn Sie einen Artikel schreiben wollen, der Ferrantes Identität enthüllen will, sollten Sie wissen, dass wir weder Ihre Frage beantworten noch Informationen bereitstellen werden ... Wir sind ziemlich verärgert über einen solchen Eingriff ins Privatleben, unseres und das von Ferrante, und wenn der Artikel darauf abzielen sollte, dann können wir Ihnen leider nicht helfen.“

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