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Bestsellerautor vs. Amazon : Wenn ich Jeff Bezos wäre

Bestseller-König und Streiter für’s Buch: James Patterson Bild: Foto Rankin

Wie der Bestseller-König James Patterson das Ego des Amazon-Gründers kitzelt – und dabei für die gute Sache der Literatur kämpft

          3 Min.

          Wenn einer an die dreihundert Millionen Bücher verkauft hat, darf man ihm unterstellen, dass er weiß, was er tut. Deswegen sollte man den Weltbestseller-König James Patterson in seinem Kampf gegen Amazon und für die unabhängigen Buchhandlungen auch nicht abtun als einen, der sich als erfolgreicher Schriftsteller nur ein paar PR-wirksame Gags ausgedacht hat. Denn erstens kennt sich Patterson mit Werbung besser aus alle anderen Autoren – er war Kreativdirektor bei der weltgrößten Agentur J. Walter Thompson –, und zweitens hat er es in seiner Laufbahn als Autor vor ein paar Jahren tatsächlich auf die Forbes-Liste der Milliardäre geschafft. Er spielt nicht nur in der gleichen Liga wie J.K. Rowling, Stephen King oder Dan Brown, es deutet einiges darauf hin, dass er an der Spitze dieser Liste steht.

          Hannes Hintermeier
          (hhm), Feuilleton

          Aber das ist nicht so wichtig, wichtiger ist sein vor zehn Jahren begonnenes Engagement für die Leseförderung. Zur Unterstützung des unabhängigen Buchhandel hat er eine Million Dollar ausgelobt, schon 2005 stiftete er 850 00 Dollar für Institutionen, die es schaffen, Kinder fürs Lesen zu begeistern. Patterson weiß: Nur Bildung ermöglicht Aufstieg. Deswegen hat er sich auch 2013 mit einer Anzeigenkampagne zu Wort gemeldet, in der er den Staat aufforderte, Buchhandel und Bibliotheken zu unterstützen.

          Direktor einer Schreibfabrik

          Das hat damit zu tun, dass Patterson die Vereinigten Staaten als Land erlebt, in dem zunehmend die Lesekompetenz bei Kindern schwindet. Selbst bei seinem eigenen Sohn Jack hat er die Erfahrung gemacht, wie mühsam es war, den Halbwüchsigen zum Lesen zu animieren. Erst nachdem er dem Knaben einen E-Reader spendierte, fing der an zu lesen. Worauf der geschäftstüchtige Vater die Produktion von Jugendbüchern in digitaler Form ausbaute.

          Längst ist Patterson auch bei E-Books der Auflagenkönig. Dazu betreibt er eine Schreibfabrik mit sechs Co-Autoren. Patterson überlässt nichts dem Zufall. Bis zu zehn Überarbeitungen verlangt er seinem Team ab, aufs Cover dürfen die wenigsten mit ihrem Namen. Auf dessen Gestaltung nimmt Patterson ebenso Einfluss wie auf Vertriebswege und Werbemittel. Sein Verlag Little, Brown, der zu der von Amazon bedrängten Hachette-Gruppe gehört, hat eine eigene Abteilung für ihn abgestellt. Kein Wunder, 2009 hat er einen Vertrag über siebzehn Bücher mit Hachette abgeschlossen, für den nach Branchenschätzen bis zu 150 Millionen Dollar flossen – er selbst bestritt diese Summe.

          Ein Tagtraum

          Der im persönlichen Gespräch unprätentiöse und neugierige Fabrikant von massenkompatibler Thriller-Ware wurde 1947 in Newburg, New York geboren. Heute residiert er an der Milliardärs-Meile in Palm Beach. Er unterstützt nicht nur Verwandte, sondern weitere hundert Kinder mit Stipendien, um ihnen den College-Besuch zu ermöglichen. Von sechzigtausend Dollar an aufwärts kann man sich als Figur in einen seiner Romane hineinschreiben lassen; der Obulus geht als Spende an karitative Einrichtungen.

          Und nun hat sich James Patterson mit dem größten Ego der Branche angelegt: Via CNN ließ er Anfang derletzten Woche eine Vision verbreiten: „If I were Amazon’s Jeff Bezos“. Auf drei Seiten beschreibt er einen Tagtraum, den er regelmäßig zu träumen vorgibt – und schildert darin, was er täte, wenn er der Gründer von Amazon wäre. Der Text zeigt Patterson von einer Seite, die ihm viele bestimmt nicht zugetraut haben– ironisch, schlagfertig und durchtrieben. „Was könnte ich für ein Held sein, wäre ich nur er“, schreibt er, um dann erst einmal die Verdienste von Amazon zu preisen. Wie sehr die Firma dabei geholfen hat, die Reichweite von Büchern zu vergrößern. Und wie gut umgekehrt Bezos damit beraten war, da seine heute „Quadrillionen schwere Firma“ aus einem Online-Buchladen hervorgegangen ist. Patterson unterstellt Bezos den Glauben, dass große Bücher und wichtige Autoren „von äußerster Bedeutung für die Rettung der Menschheit“ sind. Und bei all der Bedrängnis, in die Bezos Verlage und Buchhandel gebracht habe, wisse er doch, dass Verleger der beste Weg sind, Nachwuchs aufzuspüren und groß zu machen.

          Der ewige Weltverbesserer Bezos sei kurz davor einzusehen, dass diese „Kuratoren der Literatur“ doch einen ganz guten Job machen, zumal sie alle ihre Häuser auf Vordermann und mit verstaubten Praktiken (wie einem frühem Büroschluss am Freitag) aufgeräumt hätten. Und weil Bezos so viel erreicht und die Branche noch nicht zerschmettert habe – was er jederzeit könnte –, hört er jetzt auf damit, die Verleger zu erpressen. Diese Einsicht erträumt sich James Patterson, weil er Bezos nicht nur als „legendär smart“ beschreibt, „sondern auch als weise.“ Vermutlich hat sich Patterson damit als Hofnarr bei Amazon qualifiziert, aber das wird ihn nicht abhalten, weiter für seine Mission zu reiten.

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