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Berliner Literaturfestival : Vom Torkeln der Torsi

In seiner Eröffnungsrede sprach Friedenspreisträger Liao Yiwu viel von China, jenem „Monstrum, das die ganze Welt in eine Müllhalde verwandeln will“ Bild: dpa

Liao Yiwus Gefängniserinnerungen, Diktatur der Kunst, Meister und Margarita: Das Berliner Literaturfestival ist eröffnet. Mainstream ist anderswo.

          3 Min.

          Was Orgyen Thrinle Dorje wohl zum Berliner Literaturfestival gesagt hätte? Der im indischen Exil lebende Tibeter ist der siebzehnte Gyelwa Karmapa, eine Reinkarnation Buddhas, und er war ein Hauptthema der Rede des chinesischen Dichters Liao Yiwu, mit der am Dienstagabend das Festival begann. Der Karmapa, sagte Liao, sei von den Veranstaltern offiziell eingeladen worden, auch der deutsche Außenminister habe sich für ihn verwandt, doch die indische Regierung habe bei der Ausreise Schwierigkeiten gemacht. Was der Dichter nicht sagte, war, dass Orgyen Thrinle Dorje in Indien unter Spionageverdacht stand und Anfang dieses Jahres nur knapp einem Strafprozess entkommen ist - und dass er einen Konkurrenten hat, einen Mann namens Thaye Dorje, der ebenfalls behauptet, der wiedererstandene Buddha zu sein, und auch von vielen buddhistischen Klöstern und Zentren in aller Welt als solcher anerkannt wird.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es war überhaupt eine seltsame Rede, eine, in der viel von China zu hören war, jenem „Monstrum, das die ganze Welt in eine Müllhalde verwandeln will“, vom Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens und von dem Blutbad in Lhasa am 5.März 1989, bei dem dreihundert Menschen starben, von Selbstverbrennungen tibetischer Mönche, von Politik und Religion. Wahrscheinlich kann es gar nicht anders sein, wenn man einen Dichter einlädt, der Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht und unter Berufsverbot gestanden hat, dem die Ausreise und die soziale Existenz verweigert wurden. Vielleicht wäre es aber auch eine gute Idee, in Berlin mal wieder einen Autor - eine Autorin - reden zu lassen, der oder die gegen die Hölle des Politischen den Eigensinn der Literatur behauptet, so wie das Festival selbst den Eigensinn seines Programms gegen die vielen großen und kleinen, zum Teil sehr erfolgreichen Festivals stellt, die in den vergangenen Jahren überall in Deutschland entstanden sind.

          Unter nonkonfirmistischem Leitstern

          Eindrucksvoller als Liao Yiwus am Eröffnungsabend gesprochenen sind seine geschriebenen, auf die Manuskriptseiten seiner Gefängniserinnerungen „Für ein Lied und hundert Lieder“ notierten Worte, die in einer eingescannten Fassung alle Razzien der chinesischen Polizei überstanden haben. Die zweiundsechzig mit winzigen Schriftzeichen bedeckten Zettel sind Teil der von Liao angeregten Ausstellung „Die sichtbaren und die unsichtbaren Gefängnisse“, die parallel zum Festival im Haus der Berliner Festspiele läuft. Neben Liaos Notaten, einer kleinen Videoinstallation seines berühmten Landsmanns Ai Weiwei und einem Staudammpanorama von Meng Huang sind dort vor allem Aufnahmen zu sehen, die der 1991 gestorbene tibetische Fotograf Tsering Dorjee während der Kulturrevolution in seinem Land gemacht hat. Sie zeigen jenen kommunistischen Karneval der Zerstörung, den Milan Kundera, Arthur Koestler und Manès Sperber in ihren Büchern schildern, in seiner ostasiatischen Variante: Menschen, die, als „Volksschädlinge“ verdächtigt, mit Schlingen und Silberbestecken um den Hals oder in dicken Winterjacken in der Gluthitze stehen müssen; alte Manuskripte und Klosterschätze, die zerrissen, zerschlagen, verbrannt werden; Schülerinnen mit Mao-Bildern, die lachend zwischen den Ruinen ihrer traditionellen Kultur posieren. Es sind Bilder, die uns heute weit entrückt scheinen, obwohl sie zum ideologischen Alltag des zwanzigsten Jahrhunderts gehört haben. Umso wichtiger ist es, dass man sie immer wieder zeigt.

          Auch im zwölften Jahr seines Bestehens folgt das Berliner Literaturfestival dem nonkonformistischen Leitstern, unter dem es gegründet wurde. Mainstream ist anderswo, hier hört man „Geschichten vom Clash der Kulturen“, geben Jonathan Meese und Durs Grünbein eine Pressekonferenz „zur Diktatur der Kunst“, lesen Wladimir Kaminer und Marion Brasch aus einer Neuübersetzung von Bulgakows „Meister und Margarita“. Als Konzession an den Publikumsgeschmack gibt es einen „Graphic Novel Day“, stellen Isabel Allende und Herta Müller ihre neuen Bücher vor, und Richard Sennett spricht mit Richard David Precht über das Ende des Egoismus. Dass es mit Europa zu Ende geht, will am zweiten Festivalwochenende die Reihe „Europe Now“ verhindern, bei der ein „literarischer Rettungsschirm“ für den Kontinent aufgespannt werden soll.

          Eine Vorstellung von den Tönen, die dabei zu erwarten sind, konnte man sich am Eröffnungsabend bei Gerhard Falkners „Pergamon Poems“ machen. Falkner hat im Auftrag der Staatlichen Museen Berlin den Pergamonfries bedichtet, Figur für Figur und mit Fundamentalfragen im Gepäck: „Haben wir das Recht/vor dem Überwältigenden/zu frühstücken?“ Die kleinen Rotzigkeiten, mit denen der Dichter seine Ergriffenheit abschmeckt, lassen das staatstragend Brave seiner Verse nur noch stärker hervortreten: „,Kill Bill‘, gespielt von Himmlischen.“ - „Im Marmor herrscht Alarm.“ Dann geschieht das Entsetzliche: „die Torsi torkeln“. Schnell, einen Rettungsschirm!

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