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Berliner Literaturfestival : Buchwache im Mafialand

Star des Festivals: Roberto Saviano Bild: dpa

Wole Soyinka, Michael Ondaatje, Wolf Biermann und Jane Birkin: Große Namen schmücken das Literaturfestival Berlin, das nun begonnen hat. Spannendster Gast aber ist ein junger Italiener, der sich mit der Mafia angelegt hat.

          Festivaleröffnungen in Berlin sind Ministersache. Der für das Internationale Literaturfestival (ilb) zuständige Minister heißt Bernd Neumann, aus dessen Hauptstadtkulturfonds das Festival auch in diesem Jahr im Wesentlichen finanziert wird. Und so war es nur recht und billig, dass sich Neumann fünf Minuten Zeit für ein Grußwort im Haus der Berliner Festspiele nahm, bevor er zu einem anderen Kulturtermin ins Kanzleramt eilte. Aber kaum hatte der Kulturstaatsminister aufgehört zu reden, als schon der Streit um die Frage begann, was er eigentlich gesagt hatte. Das Literaturfestival, hatte Neumann erklärt, habe sich bewährt und solle erhalten bleiben, und dasselbe gelte auch für das Berliner Poesiefestival, das er im Juni eröffnet habe. „Eine Ansiedlung beider Festivals unter dem Dach der Berliner Festspiele“ erscheine ihm deshalb sinnvoll.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Beider Festivals? Das Poesie- und das Literaturfestival sind sich, wie in Berlin fast jeder weiß, nicht grün und haben auch allen Grund dazu. Nicht nur ihre beiden Direktoren mögen sich nicht besonders, auch ihre Programme sind sehr verschieden: hier die kleine, gut vernetzte Welt der Lyrik, dort die große, opulente Leseshow. Eine Ansiedlung der beiden Veranstaltungen unter dem Dach der Festspiele GmbH, die schon jetzt das Literaturfestival beherbergt, wäre noch keine Zusammenlegung, wie sie Anfang des Jahres aus den Bonner Büros des Ressorts Neumann heraus vorgeschlagen worden war, aber auch keine Koexistenz unter Gleichen: Das West-Berliner Bücherfest behielte dabei ein verdientes Übergewicht. Prompt reagierte die im Ostteil der Stadt angesiedelte Literaturwerkstatt Berlin, die Trägerin des Poesiefestivals, am Tag nach der Eröffnungsrede mit einer Presseerklärung: Das „Herauslösen“ des Lyrikfestes aus dem Gesamtkonzept der Literaturwerkstatt würde „jahrelange Aufbauarbeit zunichtemachen“.

          Lösung noch lang nicht in Sicht

          Der Kulturstaatsminister und sein Berliner Verhandlungspartner André Schmitz, der als Staatssekretär des Berliner Kultursenators Wowereit die Mittel für die Literaturwerkstatt verwaltet, werden noch manche Lesung verpassen müssen, bis sie eine Lösung für das Festivalproblem gefunden haben. In den kommenden zwei Jahren, heißt es, sollen die beiden Festivals evaluiert werden, während die eigentlich nur als Anschubfinanzierung gedachten Zahlungen aus dem Hauptstadtkulturfonds zunächst weiterfließen werden.

          Wole Soyinka auf dem Literaturfestival

          Jenseits von Geld- und Organisationsquerelen verlief der Eröffnungsabend des Literaturfestivals in gewohnter Eintracht. Ulrich Schreiber, der Direktor, präsentierte wie immer seine Mannschaft aus drei festen Mitarbeitern und fünf Dutzend Praktikantinnen auf der Bühne, und der israelische Schriftsteller David Grossman sprach über Deutsche und Juden, seine Kindheit im Schatten der Erinnerung an die Schoa und über die Notwendigkeit, gegen den allgemeinen Trend zur Vermassung und medialen Verdummung die unzerstörbare Eigenart des Individuums zu bewahren. Es war eine bewegende, mit stehenden Ovationen belohnte Rede, die nur den Schönheitsfehler hatte, dass sie genau so auch im letzten oder vorletzten Jahr hätte gehalten werden können. Zur heutigen Lage in seinem Land versagte sich Grossman jeden Kommentar.

          Weniger Chaos - weniger Überraschungen

          Im siebten Jahr seiner Existenz leistet sich das Festival weniger Chaos, aber auch weniger Überraschungen als am Anfang. Wole Soyinka, Michael Ondaatje, Mario Vargas Llosa und die offenbar nicht auszuladende Isabel Allende werden lesen, es gibt Poesienächte, Diskussionsrunden über den Islam und ein Konzert von Wolf Biermann, Jane Birkin liest Gedichte ihres frühverstorbenen Neffen, und die Blüte der deutschen Schriftstellerei stellt ihre neuesten Werke vor. Dass der „Fokus“, die Schwerpunktreihe des Festivals, sich in diesem Jahr der allseits unterschätzten aktuellen Literatur Lateinamerikas widmet, ist verdienstvoll, wird aber die Massen, vor denen David Grossman warnt, nicht davon abhalten, in die Lesungen bekannterer Künstler zu strömen.

          Der Star des diesjährigen Literaturfestivals ist der achtundzwanzigjährige Italiener Roberto Saviano, dessen Mafia-Buch „Gomorrha“ in seinem Heimatland alle Verkaufsrekorde bricht und seinem Autor Todesdrohungen aus der Unterwelt eingetragen hat. Savianos Auftritt am Mittwoch bei einer Pressekonferenz im Regierungsviertel, begleitet von Bodyguards, umringt von Fotografen, wurde zum Triumph, man bestaunte und befragte ihn wie ein Orakel, einen Propheten, der aus der Tiefe seines Weltwissens die furchtbaren Wahrheiten schöpft. Deutschland, sagte Saviano mit leiser, durchdringender Stimme, sei für die neapolitanische Camorra das Gelobte Land, weil es hier viel zu wenige Gesetze gebe, die ihrem Treiben Einhalt geböten; München, Zwickau, Ulm, Wiesbaden, Freiburg und Münster seien infiltriert, Rostock ein Umschlagplatz des Drogenhandels, Chemnitz eine Bastion der kampanischen Clans, die Wirtschaft des ganzen Landes von Mafiageld unterhöhlt. Man hätte dieser Feuerpredigt noch stundenlang zuhören können, wenn die Veranstalter sie nicht nach neunzig Minuten abgebrochen hätten. All die Zeit aber, in der Saviano sprach, stand in einer Ecke hinter ihm regungslos ein grobknochiger Leibwächter und hörte mit steinernem Gesicht zu. Nur seine kleinen Augen huschten unaufhörlich durch den Saal, als suchten sie das Geheimnis der großen Literatur.

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