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Kriegsroman : Als Jerusalem türkisch war

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An der Klagemauer: Diese Aufnahme betender Juden in Jerusalem wurde vor 1930 für eine Diaserie zur Geschichte der Kreuzzüge handkoloriert. Bild: culture-images/foticon/Sammlun

Er galt als Unterhaltungsautor, doch der eigene Anspruch war höher: Mosche Ya’akov Ben-Gavriêls Roman „Jerusalem wird verkauft“ erzählt vom Ersten Weltkrieg in Palästina.

          Der Erste Weltkrieg hat seine Geheimnisse bis heute nicht restlos preisgegeben. Er war ein globales Ereignis von epochaler Wirkung, und seine Spuren finden sich zuweilen an unerwarteten Orten. Ein solcher Ort ist Jerusalem. Palästina war damals eine Provinz des Osmanischen Reiches, lag „hinten, weit, in der Türkei“. Erst als die Engländer es gegen Ende des Krieges eroberten und bald darauf in ihr Mandatsgebiet verwandelten, wurde es zu dem umkämpften Landstrich, der seither die weltpolitische Szene beherrscht und bis heute keinen Frieden gefunden hat. Vom Tempelberg aus gesehen bietet sich der Erste Weltkrieg in überraschender Perspektive dar, und in seinem Roman „Jerusalem wird verkauft“, der nun im deutschen Original erstmals veröffentlicht wird, erzählt der israelische Schriftsteller Mosche Ya’akov Ben-Gavriêl eine erstaunliche Geschichte.

          Ben-Gavriêl (1891 bis 1965) kam in Wien als Eugen Höflich zur Welt; seinen Namen hat er erst später hebraisiert, als er sich entschloss, in Palästina zu leben. Ben-Gavriêl war ein Zionist der besonderen Art: Als er 1927 nach Jerusalem auswanderte, war ihm nicht so sehr am Judenstaat gelegen, der Staatsgedanke war ihm eher suspekt; vielmehr sah er die Juden als Asiaten an, die im untergehenden Europa nichts verloren hätten, und ihre Zukunft wollte er durch ein panasiatisches Bündnis mit den anderen Völkern des Orients sichern.

          Eine ihrer Wurzeln hat diese etwas abenteuerliche Weltanschauung in den Ereignissen, die im Roman beschrieben werden und die der Autor selbst erlebt hat. Im Ersten Weltkrieg war er österreichischer Soldat, das Habsburgerreich ein Bündnispartner der Osmanen, und so kam es, dass der Wiener Jude Eugen Höflich vom Januar bis zum Oktober 1917 in Jerusalem stationiert war. Hier nahm er den Weltkrieg als eigentümliche Form des Wahnsinns wahr, die ihn davon überzeugte, dass Europa keine Zukunft mehr hatte. In nahöstlichen Utopien suchte er seither nach politischen und existenziellen Alternativen.

          „Eine ermordete Stadt“

          Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ hatte den Krieg als sinnloses Gemetzel dargestellt und eindringlich vor seiner Wiederholung gewarnt. Ben-Gavriêl mag an eine ähnliche Warnung gedacht haben, als er in den dreißiger Jahren seine eigenen Kriegserfahrungen aufschrieb, aber in Jerusalem gab es keine Schützengräben und keine Kampfhandlungen. Ben-Gavriêl erzählt nicht von der Grausamkeit, sondern von der Schäbigkeit des Krieges.

          Weit hinter der Gaza-Front, von der aus die Engländer Jerusalem schließlich erobern würden, war die Stadt zum Eldorado der Schieber geworden. Mit dem Niedergang der Osmanen verlor auch die türkische Währung an Wert, die Regierung in Konstantinopel aber verleugnete das, und für immer billigere türkische Pfunde konnte man dort noch lange den offiziellen Gegenwert in Gold erhalten. Diese schmutzigen Geschäfte, von österreichischen Soldaten ganz offen durchgeführt, liefen vor einem erschreckenden Hintergrund ab.

          Immer wieder scheinen in Ben-Gavriêls Erzählung die Verbrechen durch, die die Türken an den Armeniern verübten; in Jerusalem herrschte eine große Hungersnot, die türkischen Machthaber aber linderten sie nicht, weil sie in den Juden heimliche Gegner vermuteten, die mit den Engländern paktierten, und vollends kommt diese Feindseligkeit zum Ausdruck, als der Erzähler einmal nach Tel Aviv fährt. „Im grellen, schmerzhaft hellen Sonnenlicht kauern verbittert die kleinen Häuser hinter ihren verstorbenen Vorgärten. Wie Augen von Toten die Fenster. Eine ermordete Stadt.“ Im Frühjahr 1917 hatte der despotische Generalgouverneur Cemal Pascha Tel Aviv evakuieren lassen, und die Bevölkerung konnte erst anderthalb Jahre später wieder zurückkehren, als die Engländer das Land erobert hatten.

          Karriere nach dem Krieg

          Ben-Gavriêl erzählt eine Geschichte, die in unserem historischen Bewusstsein kaum noch präsent ist, und das mag ein Kuriosum erklären: Im deutschen Sprachraum konnte der Roman in der Hitlerzeit nicht veröffentlicht werden, gleich nach Kriegsende jedoch kam er 1946 in hebräischer Übersetzung heraus und blieb nicht ohne Erfolg. Der Kampf um die Staatsgründung Israels war in vollem Gange, und Ben-Gavriêl bot zionistischen Lesern eine spannende Vorgeschichte ihrer politischen Ambitionen an.

          Das deutsche Original freilich blieb in den Archiven der israelischen Nationalbibliothek verborgen und wird erst jetzt, fünfzig Jahre nach dem Tod des Autors, veröffentlicht. Um zu verstehen, warum er nicht selbst versucht hat, seinem Roman nach dem Ende des „Dritten Reichs“ ein deutschsprachiges Publikum zu finden, muss ein Wort zur Karriere gesagt werden, die Ben-Gavriêl nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht hat.

          Heutigen Lesern ist sein Name kaum noch ein Begriff, aber von den frühen fünfziger Jahren bis zu seinem Tod war Ben-Gavriêl ein beliebter Unterhaltungsschriftsteller, der deutsche Leser mit witzig erzählten Abenteuergeschichten aus Israel bediente. In den Taschenbuchverlagen, die sich damals etablierten, kamen Titel wie „Frieden und Krieg des Bürgers Mahaschavi“ heraus und erreichten beachtliche Auflagen. Der Autor beherrschte Hebräisch und Arabisch zwar als Umgangssprachen, schreiben aber konnte er nur auf Deutsch.

          Der Kriegsroman passte nicht in das Image des Unterhaltungsschriftstellers, unter dem Ben-Gavriêl vermarktet wurde. Und die späte Veröffentlichung dieses Romans wird ihm kein postumes Comeback bringen, denn über eine recht durchsichtige Literarisierung seines Tagebuchs aus dem Jahr 1917 kommt er darin nicht hinaus. Aber dennoch gebührt Ben-Gavriêl ein Platz in den Annalen der deutsch-jüdischen Literatur: Mit dem Roman „Das Haus in der Karpfengasse“ (1958) hat er den von Hitler ermordeten Juden in Prag ein ergreifendes Denkmal gesetzt.

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