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Belletristik : Sehnsucht, Engel, trübe Nullen

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Jung und traurig: Benjamin Lebert Bild: dpa

Benjamin Lebert hat nach „Crazy“, dem sensationell erfolgreichen Debütroman des damals Siebzehnjährigen, sein zweites Buch vorgelegt. „Der Vogel ist ein Rabe“ erzählt von der Katastrophe, die Mädchen heißt.

          Er ist hübsch, traurig, blond und berühmt. Vor vier Jahren, als "Crazy" erschien, wurde ein Rummel um das Buch und vor allem um seinen siebzehn Jahre jungen Autor gemacht, ein Rummel, den man ebenfalls nur "crazy" nennen mochte. Nun ist sein zweites Buch erschienen. Benjamin Lebert gibt schon fleißig Interviews, im Herbst wird er sechs Wochen lang fast täglich in irgendeiner deutschen Stadt vorlesen, große Hallen sind angemietet. Wie schon damals bei "Crazy" trug auch jetzt wieder ein Artikel im "Spiegel" dazu bei, daß der Verlag das Buch hektisch vor dem eigentlich geplanten Erscheinungstermin herauszubringen versuchte. Ist also alles nur Wiederholung?

          Nein - jedenfalls nicht, soweit es um das neue Buch selbst geht. Natürlich gibt es Ähnlichkeiten. Wie "Crazy" ist auch "Der Vogel ist ein Rabe" ein schmaler Band aus Traurigkeit und Sehnsucht, wie dort wird auch hier, leider, zuviel Allerweltsweises dahergeredet. Doch der Zorn, der den "Crazy"-Rhythmus angetrieben hatte, scheint verraucht. Die Traurigkeit ist müder und die Sehnsucht verzweifelter. "Die Sehnsucht, o die Sehnsucht!" seufzte schon Robert Walser. "Warum haben wir die eigentlich? Wer hat uns die heimlich in die Westentasche gesteckt? Vielleicht ein Engel oder sonst eine trübe Null."

          Der Ich-Zuhörer

          Das mit dem Engel und den anderen trüben Nullen würde Paul gefallen, dem Ich-Erzähler von Leberts Geschichte. Eigentlich müßte man ihn "Ich-Zuhörer" nennen. Henry, dem Paul eine ganze Nacht lang im Schlafwagen nach Berlin zuhört, würde Walsers Diktum auch gefallen. Und auch Jens, dem Dicken, Häßlichen, Ungeliebten, dessen Berichte wiederum von Henry ausführlich wiedergegeben werden. Sehnsucht, Engel, trübe Nullen - für die drei jungen Männer sind das alles Synonyme für die Katastrophe mit Namen Mädchen.

          Ein weiteres Buch über einen Behinderten hatte Benjamin Lebert angekündigt. Diesmal sind es nicht körperlich, sondern seelisch Versehrte, von denen er schreibt. Außer den drei jungen Schwerenötern gibt es noch die magersüchtige Christine, nach der sich zwei von ihnen verzehren, und ein Mordopfer. Paul und Henry verbringen die Nacht im Zug, liegend, redend, rauchend, am Fenster stehend und in die vorbeiwischende Dunkelheit starrend, die anderen aber sind immer anwesend, als Sehnsucht vor Augen, als Schuld im Nacken. Zusammen fahren Paul und Henry nach Berlin, innerlich sind sie jedoch in entgegengesetzter Richtung unterwegs: Der eine flieht aus der Liebesverstrickung, der andere kehrt zu seinem Unglück zurück.

          Künstliche Intimität

          Auf diesen inneren Routen kreuzen sie einander, so wie sich sonst die Blicke zweier Fremder durchs Fenster treffen, deren Züge nebeneinander halten und dann in verschiedene Richtungen weitergleiten. Lebert dehnt diesen Moment, bläst ihn auf und schafft so eine künstliche Intimität; nicht immer glaubhaft und passagenweise recht enervierend. In der Pseudoinnigkeit des Gespräches sind Schwafelstrecken untergebracht, fallen Sätze wie "Liebe bedeutet, keine Angst mehr zu haben" oder "Ohne Dunkelheit wüßtest du nicht, was Licht bedeutet". Dabei klingen die beiden jungen Leute oft gar zu ähnlich, und wenn Paul Henry einmal vorwirft: "Du redest wie dieser fette Jens", denkt man unwillkürlich: Du doch auch. Ob nun der Henry dem Paul von seinem einen, leuchtenden erotischen Erlebnis mit Christine erzählt oder der Paul später dem Leser von seinem mit einer Prostituierten - es kommt wie aus einem Mund. Einem Mund immerhin, der Sex beschreiben kann: nah, hingerissen, atemlos.

          Auch gibt es immer wieder Einschübe, die für vieles entschädigen; Gedankensplitter, Halbsätze, Ausrufe, die federleicht daherkommen und ganz unangestrengt Atmosphäre und Nähe schaffen. Pauls Berlin-Aneignung gehört dazu, seine Streifzüge, die entfernt an Hamsuns "Hunger" erinnern. Hier ist der Roman so ernst und bei sich selbst, daß er keinen Leser nötig hat, der ihn goutiert, und erst recht keinen, der sich vorrangig für die Person seines Autors interessiert.

          Diese Impressionen und knappen Bilder sind die Leuchtpunkte in einem Erzählfluß, der am Leser vorübergleitet, als säße der tatsächlich in einem Zug und schaute hinaus, ohne den Blick auf etwas Bestimmtes zu richten. Dann entstehen Farbstriche, geschaffen durch die schnell vorbeifliegenden Bahndammbefestigungen. Genauso bringt Benjamin Lebert seine Figuren und ihre Erlebnisse zur Sprache: manchmal die Farbe wechselnd, verwischt, ruckelnd, zuweilen eintönig, ohne Botschaft. Jedenfalls bewegt sich etwas vor Augen. Man sollte Benjamin Leberts neuen Roman in den Serviceabteilen der ICE-Züge anbieten, denn wenn man ihn liest, während man zum Beispiel nach Berlin fährt, sind die Stunden nicht verloren.

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