https://www.faz.net/-gqz-nvzl

Belletristik : In Sachen Unterleib

  • -Aktualisiert am

„Ich komme dann gratis”: Michael Lentz Bild: APA

Die deutsche Gegenwartsliteratur hat den Sex entdeckt. Maxim Biller, Michael Lentz, Alban Nikolai Herbst - gleich drei wichtige Autoren bieten verstörende Einblicke in das Intimleben ihrer Figuren: Erotik war einmal, dies ist Hardcore.

          3 Min.

          Die deutsche Gegenwartsliteratur hat den Sex entdeckt. Was bislang nur als Skandalwelle aus Frankreich herüberschwappte, rückt in diesem Bücherherbst ins Zentrum des literarischen Betriebs. Maxim Biller, Michael Lentz, Alban Nikolai Herbst - gleich drei wichtige Autoren bieten in diesem Jahr auf drastische, verstörende, möglicherweise abstoßende Weise Einblicke in das Intimleben ihrer Figuren, die alles in den Schatten stellen, was des Nachts auf deutschen Fernsehkanälen zu sehen ist. Vorsicht, adult content! Erotik war einmal, dies ist Hardcore.

          In allen drei Werken ist das sexuell Explizite zwar nur ein Thema unter mehreren, wichtigeren, vielleicht sogar nur ein Randaspekt. Anders als in der chronique scandaleuse einer Catherine Millet bieten sie auch keine Aneinanderreihung von Exzessen. Im Gegenteil erzählt jeder der drei Romane - Billers "Esra", Lentz' "Liebeserklärung" und Herbsts "Meere" - die Geschichte einer gescheiterten Beziehung; man könnte sie Liebesromane nennen, wären sie nicht so haßerfüllt. Doch gerade das macht ihr Provokationspotential aus. Denn in der Ausstellung von Intimität, der detaillierten Beschreibung sexueller Vorlieben und Geschlechtsorgane des Partners findet eine Verletzung des Privaten statt, die einem Verrat gleichkommt: "Deine bewundernswerte Dildotechnik. Wie du den Kunstschwanz ins Loch jagst, wieder hineindrückst, immer schneller, vor- und zurückstößt . . ." Über das Paar bei Lentz heißt es, daß beide gern zu Hotelzimmerpornos onanieren ("ich komme dann während der zwei Minuten gratis"); der ältere Künstler in "Meere" steht mehr auf S/M-Sexforen im Internet. Kurz, der Leser erfährt alles, was er nie über Sex von Schriftstellern zu wissen wünschte: "Da stand ich und sah in ihre stumpfen, tartarischen, schwarzen Augen, und dann spritzte ich endlich los" ("Esra").

          Gang durch die Instanzen

          Weil alle drei neben der Grenze zwischen Kunst und Pornographie auch die zwischen Fiktion und Autobiographie überschreiten, wundert es nicht, daß so die Literatur wieder einmal in den Gerichtssaal Einzug hält. "Esra" geht immer noch seinen Gang durch die Instanzen, wenngleich für die strittige Verletzung des Persönlichkeitsrechts der beiden Klägerinnen verschiedene Aspekte des Romans angeführt werden. Vorgestern wurde Herbst per einstweiliger Verfügung eine Lesung aus seinem bereits ausgelieferten Roman "Meere" verboten; alles deutet darauf hin, daß dies wie im Falle Billers auf Betreiben einer früheren Lebensgefährtin geschah, die sich im Buch wiedererkennt.

          Natürlich läßt sich in jedem der drei Romane der Darstellung der Sexualität, von Oral-, Anal- und Brutalverkehr, ein Sinn, eine Planstelle im ästhetischen Gefüge zuweisen, wie auch jeder der drei Autoren den Vorwurf privater Abrechnung, ja überhaupt den Autobiographieverdacht weit von sich weist. Dem kommt eine Literaturtheorie entgegen, die seit Jahr und Tag die säuberliche Scheidung von Autor und Text in die Köpfe germanistischer Proseminaristen einhämmert - und damit neben einer absurden Weltfremdheit des akademischen Redens über Texte eine Genie-Ideologie reinsten Wassers befördert: Durch die Hintertür wird der Autor wieder zum Sprachrohr höherer Kräfte, die einst Götter und heute - "phallische" - Diskurse heißen.

          Blut, Schweiß und Samen

          So ergibt sich ein Paradox: Einerseits ist die neue Lust an schmutzigen Worten, an Blut, Schweiß und Samen eine Reaktion auf postmoderne Selbstbespiegelungen, auf die Verabsolutierung der Fiktionscharakters und die allgegenwärtige Ironie - Sexualität statt Textualität. Das definitive Ende der von Biller einst so geschimpften "Schlappschwanzliteratur" hängt weniger mit der Verbreitung von Viagra als mit der Wiederkehr des romantischen Künstlermythos zusammen. Brechts dionysisch-geiler "Baal", seinerzeit ursprünglich eine Parodie expressionistisch-leidender Künstlerfiguren, scheint ebenso wiederaufzuleben wie die Verbindung von sexueller und artistischer Potenz à la Henry Miller. "Fichte hatte, seit er erotisch denken kann, mit Pornographie zu tun, er arbeitete stoßweise, wie man fickt", heißt es über Herbsts Hauptfigur, einen monomanischen und sexbesessenen Künstler. Auch leichte Musen werden heute hart rangenommen.

          Andererseits muß diese Rückkehr zu den nackten Tatsachen der Künstlerexistenz, die ihren Stoff aus dem eigenen Liebesleben und ihren Antrieb aus sexueller Spannung bezieht, zugleich verschleiert werden, um nicht justitiabel zu werden. Den Werken den Kunstcharakter schlicht abzusprechen löst das Problem nicht. Die Reduktion auf "Transpirationen und Inspirationen" versuchten schon die Kritiker Baals. Es sind Romane mit autobiographischem Hintergrund, unterschiedlich stark fiktionalisiert. Geschmacklos vielleicht, taktlos sicher, in jedem Fall aber auch - kunstvoll.

          Weitere Themen

          Ein Meteor ist verglüht

          Zum Tod von Dmitri Baschkirow : Ein Meteor ist verglüht

          Kühne Eleganz, präzise Attacke: Dmitri Baschkirow bewegte sich in der Gipfellage pianistischer Kunst. Als Lehrer hat er weitere Pianisten von Weltrang hervorgebracht. Jetzt ist er mit 89 Jahren in Madrid gestorben.

          „Azor“ Video-Seite öffnen

          Trailer (OmU) : „Azor“

          „Azor“, Regie: Andreas Fontana. Mit: Fabrizio Rongione, Stéphanie Cléau, Carmen Iriondo, Juan Trench, Ignacio Vila, Pablo Torre, Elli Medeiros, Gilles Privat, Alexandre Trocki, Augustina Muñoz, Yvain Julliard. CH, F, ARG, 2021.

          Topmeldungen

          Unter Druck: Georg Nüßlein (CSU) im Bundestag (Aufnahme aus dem Januar)

          Masken-Affäre : Nüßlein tritt aus der CSU aus

          Nach der Affäre um Geschäfte mit Corona-Masken ist der Bundestagsabgeordnete Georg Nüßlein aus der CSU ausgetreten. Auch Nikolas Löbel gibt sein Parteibuch ab. Der Gesundheitsminister hat derweil angekündigt, weitere Namen öffentlich zu machen.

          Campen mit Reisemobil : Alles im Kasten

          Die Begeisterung fürs Campen mit Reisemobil hält ungebrochen an. Besonders beliebt sind ausgebaute Transporter. Ein Blick in die Welt des Variantenreichtums.
          Serbiens Präsident Aleksandar Vučić

          Serbien und die Mafia : Fußball, Tod und Marihuana

          Serbiens Präsident Vučić sagt einem Führer der Mafia den Kampf an und konfrontiert die Bevölkerung mit grausamen Bildern. Dabei hatte er selbst Verbindungen in das Milieu.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.