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Belletristik : Der einsamste Ort der Welt

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Alter ego Meßmer: Martin Walser mit neuem Buch „Meßmers Reisen” Bild: dpa

Der literarisch aufregendste Herbst seit Jahren: Die meisten Autoren waren unterwegs - in fremde Länder, entlegene Zeiten, verschüttete Erinnerungen. Was dabei herauskam? Die Belletristik-Neuerscheinungen zur Frankfurter Buchmesse.

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          Beim Wahrheitsspiel sitzen alle um den Tisch und trinken starken, süßen Kaffee. Nacheinander machen die Spieler scheinbar wahre Aussagen, wobei für jeden sofort überprüfbare Tatsachenbehauptungen - "Morgen ist Sonntag" - nicht gelten. Den Wettstreit dagegen mit ablenkenden oder provozierenden Einlassungen und Hilfslügen zu unterbrechen, ist nicht nur zulässig, sondern unbedingt erwünscht. Das Spiel geht über vier Runden. Nur eine der vier Aussagen jedes Spielers darf aufrichtig sein. Am Schluß rät jeder, welche Aussagen stimmten, dann werden Wahrheit und Lüge der Mitspieler aufgedeckt. Für jede erfolgreich präsentierte Lüge und für jede erratene Wahrheit gibt es einen Punkt.

          Es gewinnt also, wer am überzeugendsten simuliert und zugleich die anderen am besten durchschaut. Der Reiz des Spiels liegt darin, daß man womöglich nie erfährt, "ob ein Spieler zum Schluß wirklich die Wahrheit sagt, ja, nicht einmal, daß er sie kennt". Und oft bemerken die Teilnehmer selbst nicht, wieviel Wahres sie erzählen: Ein literarischeres Turnier läßt sich nicht denken.

          Auf der Suche nach dem „wirklichen Leben“

          Der amerikanische Schriftsteller, der uns zu diesem rasanten, riskanten Wahrheitsmatch auffordert, heißt Arthur Phillips. Sein Romandebüt trägt den Titel "Prag" (Schöffling), obwohl die Geschichte 1990 in Budapest spielt, wo sich fünf junge Amerikaner begegnen. Sie alle sind auf der Suche nach dem sogenannten "wirklichen Leben", einem Dasein jenseits des Vor-sich-hin-Vegetierens, nach Leben, das man im Kopf und auf der Haut spürt, das sich richtig und wichtig anfühlt, und das eine eigene, individuelle Dringlichkeit besitzt. Sie sind, natürlich, auf der Suche nach sich selbst - und der dazugehörige Sehnsuchtsort ist eine Stadt, "in der alles möglich ist": Prag. Darin ist der funkelnd originelle Roman von Arthur Phillips bezeichnend.

          Der Sommer ist vorüber; die rentrée, wie die Franzosen es nennen, hat die Menschen zurückgespült an die Schulpulte, Bügelbretter und Schreibtische des Alltags. In der Literatur jedoch sammeln sich die Schriftsteller zum Aufbruch wie die Vögel, die zu dieser Jahreszeit in schönen Formationen gen Süden ziehen. Wollte man versuchen, den momentanen Bewegungsdrang der Literatur zu beschreiben, müßte man sagen: auf und davon, hin und weg.

          Es geht ums permanente Unterwegssein

          Es scheint, als seien in diesem Herbst, dem literarisch aufregendsten seit Jahren, alle unterwegs - in fremde Länder, entlegene Zeiten, verschüttete Erinnerungen, aber auch im eigenen Land und im ureigenen Erleben. Die Ziele sind zweitrangig: Es geht um die unbedingte Vermeidung des Stillstands, ums permanente Unterwegssein, zu Fuß, mit Auto, Flugzeug, Schiff oder Bahn. Es geht nicht um eine Position, aus der man sagen kann: Es war einmal. Es geht um ein "Es ist". Und weil Reisen bekanntlich bildet, auch das Herz, gehen wir mit auf große Fahrt.

          Michael Lentz, der mit "Liebeserklärung" (S. Fischer) einen der erstaunlichsten, ergreifendsten und wichtigsten Romane eines jungen deutschen Autors seit langem vorgelegt hat (F.A.Z. vom 20. September), durchquert darin mit der Bahn ganz Deutschland, ohne je anzukommen. Lentz erzählt eine Geschichte, die zeitgemäßer nicht sein könnte, von zwei vehement Liebenden, die aneinander vorbeirasen, weil die beschworene Ekstase nicht zuletzt auch ein gegenseitiges psychologisches Experiment ist. Die Reisebewegung betäubt den Schmerz, die Wut und das Verlangen. Die erzwungene Ruhe des Bahnfahrens hilft dem Ich-Erzähler aber auch, sich in seiner Schilderung auf das Wesentliche zu konzentrieren. Im Rückspiegel zeigt sich, was wirklich wichtig war.

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