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Begegnung mit Solschenizyn : Ein Tag im Februar 1974

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1974 blickte hierhin die Welt: Das Heinrich Böll Haus in Langenbroich (Foto vom Montag) Bild: dpa

Der Kampf gegen den Kreml begann in der Eifel: Meine erste Begegnung mit Alexander Solschenizyn und seinem Ehrgeiz, die Sowjetunion allein in die Knie zu zwingen. Erinnerungen des früheren Moskau-Korrespondenten Hans-Peter Riese.

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          Das kleine Eifeldorf Langenbroich ist nicht gerade ein Ort, an dem sich die Weltpresse versammelt. Hier hat Heinrich Böll seine „Schreibstube“, ein ausgebautes Bauernhaus, in das er sich von Köln aus gerne zurückzieht. In diesen kalten, jedoch sonnigen Februartagen des Jahres 1974 aber schaut die Welt auf Langenbroich, denn hier hat Alexander Solschenizyn nach seiner Zwangsexilierung aus der Sowjetunion zunächst Asyl gefunden.

          Böll hatte mir versprochen, eine Zusammenkunft mit seinem Gast zu arrangieren. Zunächst aber sah ich mich, eingekeilt zwischen Kameras und Mikrofonen, in dem kleinen Hof des Böll-Anwesens zum ersten Mal dem berühmten Alexander Issajewitsch Solschenizyn gegenüber. Ich hatte einen gebeugten Mann erwartet, der seine Familie als Geisel im Gewahrsam der Staatsmacht in Moskau zurücklassen musste und einem ungewissen Schicksal als Emigrant entgegensah. Stattdessen: ein selbstbewusster, kämpferischer Mann mit Prophetenbart, der in einem den wenigsten Journalisten geläufigen Russisch der Weltpresse seine Anklagen gegen den Kreml in die Mikrofone diktierte.

          Er beherrschte die Szene

          Böll versuchte immer wieder, auf den menschlichen Aspekt, auf die Tragödie eines Verlustes der eigenen Sprache, der nationalen Identität zurückzukommen. Aber sein Gast beherrschte die Szene souverän, so als habe er immer schon Pressekonferenzen für die Weltpresse gegeben.

          13. Februar 1974: Solschenizyn bei Böll

          Dann zogen sich die beiden Dichter zu einem Spaziergang auf die Weiden um das Haus zurück. Ein unvergessliches Bild: Böll in seiner charakteristischen Baskenmütze, Solschenizyn barhäuptig und in einem vom Gastgeber geliehenen Mantel. Die Kälte schien ihm nichts auszumachen, weder die tatsächliche noch diejenige im übertragenen Sinne, die er in der andersartigen politischen und kulturellen Umgebung in dem ihm gänzlich unvertrauten Westen zu erwarten hatte.

          Böll, bei aller Solidarität mit dem zwangsausgebürgerten Kollegen, war dennoch irritiert. Er empfand ihn, wie er mir später einmal sagte, als einen „Gesandten“, dem sein Schicksal als vorbestimmt erschien und der es demzufolge auch klaglos annahm. Und der deswegen auch sofort begann, all jene zu attackieren, die er dafür verantwortlich machte. Zu der versprochenen Begegnung kam es dann doch noch. In dem kleinen Wohnzimmer saß mir ein streng blickender, dynamisch wirkender Mann gegenüber, ohne jedes Anzeichen von Resignation, Kleinmut oder Angst. Zitiert wollte er nicht werden, es gab kein Interview, auch keine persönlichen Fragen. Ich wurde nur als ein Freund des Gastgebers empfangen. Die politische Botschaft aber war klar und wurde auch bei dieser privaten Begegnung unmissverständlich artikuliert.

          Eine historische Mission

          Schon damals hätte man ahnen können, dass Solschenizyn hier einen Feldzug begonnen hatte, von dem er fest überzeugt war, dass er aus ihm als Sieger hervorgehen würde. Was ich in diesem Moment nicht wahrnahm: Solschenizyn erwähnte keinen der anderen Schriftsteller und Intellektuellen in Moskau, die nach seiner Ausweisung verstärkten Repressalien ausgesetzt wurden. Es ging um ihn allein und seinen Kampf gegen das bolschewistische System. Auch seinem Gastgeber Heinrich Böll gegenüber schien Solschenizyn keine besonderen Dankesgefühle zu hegen. Er machte den Eindruck, als erfülle er eine historische Mission.

          Später habe ich mit Böll oft über die Tage in Langenbroich gesprochen. Längst war offenbar geworden, dass die beiden Dichter politisch kaum etwas verband. Böll hatte mittlerweile auch mit vielen Dissidenten in Moskau über Solschenizyn gesprochen, nicht zuletzt mit Lew Kopelew, seinem engen Freund. Solschenizyn hatte sich da bereits zum alleinigen Sprecher des wahren Russlands aufgeschwungen, was in Moskauer Dissidentenkreisen wenig Anklang fand. Roy Medwedew, in der Sowjetunion der schärfste Kritiker Solschenizyns, schrieb nur zwei Jahre nach dessen Zwangsaussiedlung: „Solschenizyn ist zutiefst im Irrtum, wenn er beansprucht, im Namen der Mehrheit des russischen Volkes zu sprechen.“

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