https://www.faz.net/-gqz-8vq2s

Kolumbianischer Autor Héctor Abad : Wir taumeln nicht mehr nur in Richtung Hölle

  • -Aktualisiert am

Ein kolumbianischer Farc-Kämpfer im Dezember. Gegenwärtig läuft die Waffenabgabe in speziellen Camps. Der Schriftsteller Héctor Abad unterstützt sie. Bild: dpa

Der Friedensprozess in Kolumbien hat jeden Befürworter nötig. Einer ist der Schriftsteller Héctor Abad, der in seinem Land als legitimer Erbe von Gabriel García Márquez gilt. Eine Begegnung in Medellín.

          Héctor Abad sitzt im Glashaus. Die Bibliothek der kolumbianischen Privatuniversität Eafit, die er leitet, wurde nach den Prinzipien Transparenz und Licht errichtet, mit großzügigen Räumen, weiten Flächen und vielen Glasfassaden. Und so hat Abad von seinem Büro im Erdgeschoss einen unverstellten Blick auf den Campus; und die Studenten, die draußen vorbeischlendern, haben freie Sicht auf ihren berühmten Bibliothekschef.

          Der Achtundfünfzigjährige mit schlohweißem Haar und grauem Bart bietet Tee an, ungewöhnlich im Kaffeeland Kolumbien. Kaffee, so erklärt Abad, sei nur etwas für Müde. Nicht erst seit seinem großen Familienroman „La Oculta“ (auf Deutsch 2016 im Berenberg-Verlag erschienen) gilt Héctor Abad in seiner Heimat als eine der wichtigsten literarischen, aber auch politischen Stimmen, die zu Frieden, Versöhnung und Erinnerung aufrufen. Abad moderiert Radiosendungen und schreibt regelmäßig eine engagierte politische Kolumne in der Medellíner Tageszeitung „El Espectador“, dem zweitgrößten Blatt Kolumbiens. Der „Espectador“ ist nicht irgendeine Zeitung: In den fünfziger Jahren begann dort der spätere Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez seine Karriere. 1986 wurde der damalige Direktor der Zeitung von einem Auftragskiller Pablo Escobars erschossen. 1989 ließ Escobar dann noch eine Bombe vor dem Redaktionsgebäude hochgehen.

          Geschichte der Gewalt erlebt eine Zäsur

          Die Gewalt hat Kolumbien im vergangenen halben Jahrhundert geprägt, und Héctor Abad sagt gleich zu Anfang, dass die brutale und komplexe Geschichte seines Landes wohl nur als Familiengeschichte zu erzählen sei. Denn wie sonst wollte man einem Bürgerkrieg beikommen, der Hunderttausende das Leben gekostet hat und vier Millionen Flüchtlinge produzierte? In dem Tausende Menschen entführt und gefoltert wurden. In dem der Staat gemeinsame Sache mit rechten Paramilitärs machte. In dem gleich mehrere linke Guerrillagruppen, die Vereinigten Staaten und verschiedene Drogenkartelle entscheidende Rollen spielten. „Durch die Familiensaga kann ich der facettenreichen Geschichte Kolumbiens Gesichter geben“, sagt Abad: „Nur so kann ich das Leid, das Glück, die Absurdität anschaulich machen.“

          Der Schriftsteller Héctor Abad.

          Er fügt hinzu, dass diese Geschichte der Gewalt nun endlich eine Zäsur erlebe. Er meint den Friedensvertrag, den Kolumbiens Präsident Manuel Santos nach langen Verhandlungen mit der marxistischen Farc-Guerrilla ausgehandelt hat. Der Vertrag wurde von den Kolumbianern zwar zunächst in einem Referendum knapp abgelehnt, aber nach einigen Modifikationen vom kolumbianischen Kongress auf Drängen von Santos ratifiziert. Abad findet Santos’ Eile richtig, er befürwortete das Abkommen von Beginn an.

          In diesen Tage wird es Wirklichkeit: Rund siebentausend Farc-Kämpfer ziehen auf ihrem letzten Marsch in die eigens eingerichteten Friedenscamps, wo sie ihre Waffen abgeben. Die Demobilisierung der ältesten und schlagkräftigsten Guerrilla Lateinamerikas scheint zu gelingen, wenn man von organisatorischen Schwächen und einigen abtrünnigen Farc-Kämpfern absieht.

          Neue Geschichten für das Land

          Dennoch wird das Abkommen von der kolumbianischen Rechten um den ehemaligen Präsidenten Àlvaro Uribe weiterhin bekämpft. Ihr gehen die Zugeständnisse an die Guerrilla zu weit. Abad widerspricht dem vehement, er hält den Friedensprozess für einen „außerordentlichen, einen wunderbaren, einen historischen Vorgang“. Der Guerrilla werde viel mehr abverlangt als auf der anderen Seite den rechten Paramilitärs. „Wir kämpfen immer noch darum, der Hölle zu entkommen. Aber nun entfernen wir uns von ihr und laufen nicht mehr auf sie zu.“

          In gewisser Weise ist Abads letzter Roman auch ein Rückblick auf ein Land, das begonnen hat, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Mittelpunkt ist die titelgebende Finca La Oculta (die Verborgene) nahe dem Andenort Jericó, der auf rund 2000 Metern Höhe in der fruchtbaren Region Antioquia liegt. Um die Finca herum entspinnt Abad die Familiengeschichte zweier grundverschiedener Schwestern und ihres Bruders, wobei er weit in die Geschichte Kolumbiens zurückgreift, Episoden von Paramilitärs und Guerrilla ausgräbt, vieles davon autobiographisch.

          Aber natürlich nicht alles: Abad ist stolz darauf, dass er zwei Frauen und einen Schwulen zu Finca-Inhabern gemacht hat, denn das entspreche so gar nicht den Vorstellungen, die man in Kolumbien immer noch von Landbesitzern habe. Tatsächlich bleibt dem Besucher der Bergregion um Jericó besonders ein Bild im Gedächtnis haften: die vielen Männer mit Cowboyhüten und Karohemden, mit Viehstricken und Stiefeln, die an den Wochenenden die Dorfplätze und Bars rauchend und trinkend bevölkern. Unbegleitete Frauen sieht man fast keine.

          Weniger Magie, mehr Realismus

          Ein weiterer Protagonist des Romans ist La Oculta selbst. Die Frage des Bodens und seiner Verteilung, erläutert Abad, sei in Kolumbien immer noch unbeantwortet, es herrsche nach wie vor riesige Ungerechtigkeit: „Es gibt Dörfer in Kolumbien, da ist kein Platz für eine Sportanlage, weil einem Großgrundbesitzer alles Land gehört. Dort grasen dann Rinder.“ Wenn man versuche, daran etwas zu ändern, müsse man um sein Leben fürchten. Der Staat, sagt Abad, sei zwar in den Städten präsent, aber nicht auf dem Land.

          Der neue kolumbianische Frieden beendet zwar den Krieg, nicht aber die Benachteiligungen, die ihn ausgelöst haben. Dass man diese ungerechten Verhältnisse mit Waffen ändern könne, glaubt Abad indes nicht. Gewalt, das habe die Geschichte bewiesen, führe immer nur zu mehr Gewalt. Es würde schon viel ändern, wenn die Großgrundbesitzer endlich gezwungen würden, angemessene Grundsteuern zu zahlen. Es ist dieser Pragmatismus, der Abad von den ideologisch geprägten Autoren seiner literarischen Vorgängergeneration unterscheidet. Bis zuletzt war zum Beispiel Gabriel García Márquez ein großer Freund der kubanischen Revolution und ihres Maximo Lider, Fidel Castro. Nun sind beide tot. Literatur und Politik in Lateinamerika sind nüchterner geworden. Weniger Magie, mehr Realismus. So auch bei Héctor Abad.

          Mitglieder der linken Guerrillaorganisation Farc im Lager La Carmelita, nahe Puerto Asis, Kolumbien.

          Seinen Roman „La Oculta“ sehen manche als zeitgenössische und postideologische Fortsetzung von García Marquéz’ „Hundert Jahre Einsamkeit“ an. Abad selbst möchte „La Oculta“ zwar als realistisches Buch verstanden wissen, dennoch liege ihm eine idealistische Haltung zugrunde. Das Bild, das er etwa von Jericó und der dortigen gleichmäßigen Bodenverteilung zeichne, sei geschönt. Aber er habe ein positives Beispiel dafür geben wollen, wie die Dinge sein könnten. Und siehe da: Vor wenigen Tagen, berichtet Abad, habe ihn ein Unternehmen angerufen, das eine große Hacienda bei Jericó besitzt. Ein Manager der Firma habe sein Buch gelesen und entschieden, diese Hacienda einer Bauernkooperative zur Verfügung zu stellen, statt dort eine große Ölpalmenplantage anzulegen.

          Zwischen den Fronten

          Ja, die ewige Frage der Landverteilung. Abad glaubt, dass sie auch im neuen Kolumbien entscheidend bleibt. Dafür spreche die fürchterliche Mordwelle an sozialen Aktivisten, die Kolumbien seit 2016 erlebt. Fast 120 Menschen wurden Opfer zumeist kaltblütiger Morde, unter ihnen Gewerkschafter, Indigene und Kleinbauern, die für eine gerechte Verteilung des Landes kämpfen. Die Killer stammten aus den Drogenkartellen oder würden von Großgrundbesitzern geschickt, die eng mit der Politik verbandelt seien. So lange, wie der Staat ihnen nicht Einhalt gebiete, gebe es keinen wahren Frieden in Kolumbien. „Es schwelt sonst etwas, und das Feuer des Krieges kann neu aufflammen.“

          Für seinen liberalen, in der Logik des Kapitalismus stehenden Ansatz wird Abad häufig von links kritisiert. Die Rechte hingegen verachtet ihn für sein „Ja“ zum Friedensvertrag mit der Farc-Guerrilla. Abad erzählt gerne die Geschichte seines Vaters: Der war ein bekannter Arzt und Menschenrechtsaktivist und wurde 1987 auf offener Straße in Medellín von Paramilitärs erschossen. Der Mörder und seine Hintermänner sind bis heute nicht ermittelt worden. Zwei Schwarzweißfotos existieren von dieser Nacht: Eines zeigt den jungen Héctor Abad neben der Leiche seines Vaters knien, er schreit und ballt die Fäuste. Auf dem zweiten, etwas später aufgenommenen Bild hockt er nachdenklich da, den Blick in die Ferne gerichtet. Hinter ihm weint seine Mutter um ihren Mann. Kurz darauf erhielt auch Héctor Abad Morddrohungen und ging ins Exil nach Italien. Den Schock über den brutalen Verlust hat er Jahre später in ein Buch verwandelt: „Brief an einen Schatten“, erschienen 2012, eine zärtliche Erinnerung an einen Mann, der Kolumbien aus der Logik eines Jahrzehnte dauernden Bürgerkriegs führen wollte.

          Auch die Bundesregierung versucht ihren Teil zum Friedensprozess beizutragen. Der ehemalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier besuchte im Januar eines der Waffenabgabe-Camps in Kolumbien.

          Ein Roman braucht seine Zeit

          Den Schmerz über den Verlust des Vaters empfindet Abad aber bis heute. Und dennoch war er bereit, 2004 den Demobilisierungsprozess zu unterstützen, den die rechten Paramilitärs mit dem damaligen Präsidenten Álvaro Uribe ausmachten. Das Abkommen wurde von Menschenrechtsgruppen scharf kritisiert, weil Uribe den Paramilitärs praktisch Straffreiheit garantierte, obwohl sie Tausende Menschen ermordet hatten. Aber Abad sagt, dass es oft keinen anderen Weg zum Frieden gebe als den durch Zugeständnisse. Und dass er selbst nie auf Rache aus gewesen sei: „Es wäre viel wichtiger für mich zu erfahren, wer meinen Vater erschossen hat. Und wer die Auftraggeber waren.“ Das würde helfen, den Schmerz zu lindern, ihn mit Würde zu ertragen. Ob die Mörder dann ins Gefängnis müssten, sei ihm eher egal.

          So wie er damals für das Abkommen mit den rechten Paramilitärs war, verteidigt Abad nun den Friedensvertrag mit der linken Farc-Guerrilla. Dabei war seine Familie auch deren Ziel. Abads Schwager, ein Rinderzüchter, wurde von den Farc entführt und musste nach seiner Freilassung eine Revolutionssteuer zahlen. Er gehörte zu denjenigen, die beim Referendum über den Friedensvertrag mit „Nein“ stimmten. Abad hat ihn gefragt: „Aber was soll die Alternative sein?“

          Héctor Abad hat die Rolle seines Vaters übernommen: schreibend, redend, diskutierend. Deswegen sei auch so schnell kein neuer Roman von ihm zu erwarten. „In Kolumbien komme ich nicht zum Schreiben. Hier ist gerade zu vieles in Bewegung.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Braunkohlekraftwerk Jänschwalde hinter dem ehemaligen Braunkohletagebau Cottbus-Nord

          Details des Klimapakets : Wer hat’s erfunden?

          Kommenden Freitag soll das Klimapaket beschlossen werden. Um die entscheidenden Details wird bis zuletzt gerungen: Offen ist vor allem die Frage, wie viel die Tonne CO2 kosten soll.
          Salvini lässt sich am Sonntag von seinen Anhängern in Pontida feiern.

          Lega-Treffen in Pontida : Die Jagdsaison ist eröffnet

          Nach seiner Niederlage ist Matteo Salvini wieder in Angriffslaune. Bei einem Treffen der Lega ruft er zum Sturz der Linkskoalition auf. Die Stimmung in Pontida ist bei spätsommerlichem Wetter in jeder Hinsicht aufgeheizt.
          Christian Pirkner, Chef des Bezahldienstes Blue Code

          Angriff auf Google Pay : „Ich liebe unmögliche Missionen“

          Bisher zahlt kaum jemand mit dem Smartphone. Doch der Unternehmer Christian Pirkner will dem mobilen Bezahlen in Europa zum Durchbruch verhelfen – und legt sich dabei sogar mit Google und Apple an.
          Schild vor dem Trump Hotel in Washington, 21. Dezember 2016

          Klage von Hoteliers : Hat Donald Trump die Verfassung gebrochen?

          Trump schädige ihr Geschäft, indem er Diplomaten nötige, in seinen Hotels abzusteigen, monieren Gaststättenbetreiber. Damit haben sie vor einem New Yorker Gericht einen Etappensieg errungen. Nun könnte der Surpreme Court den Fall an sich ziehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.