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Kolumbianischer Autor Héctor Abad : Wir taumeln nicht mehr nur in Richtung Hölle

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Zwischen den Fronten

Ja, die ewige Frage der Landverteilung. Abad glaubt, dass sie auch im neuen Kolumbien entscheidend bleibt. Dafür spreche die fürchterliche Mordwelle an sozialen Aktivisten, die Kolumbien seit 2016 erlebt. Fast 120 Menschen wurden Opfer zumeist kaltblütiger Morde, unter ihnen Gewerkschafter, Indigene und Kleinbauern, die für eine gerechte Verteilung des Landes kämpfen. Die Killer stammten aus den Drogenkartellen oder würden von Großgrundbesitzern geschickt, die eng mit der Politik verbandelt seien. So lange, wie der Staat ihnen nicht Einhalt gebiete, gebe es keinen wahren Frieden in Kolumbien. „Es schwelt sonst etwas, und das Feuer des Krieges kann neu aufflammen.“

Für seinen liberalen, in der Logik des Kapitalismus stehenden Ansatz wird Abad häufig von links kritisiert. Die Rechte hingegen verachtet ihn für sein „Ja“ zum Friedensvertrag mit der Farc-Guerrilla. Abad erzählt gerne die Geschichte seines Vaters: Der war ein bekannter Arzt und Menschenrechtsaktivist und wurde 1987 auf offener Straße in Medellín von Paramilitärs erschossen. Der Mörder und seine Hintermänner sind bis heute nicht ermittelt worden. Zwei Schwarzweißfotos existieren von dieser Nacht: Eines zeigt den jungen Héctor Abad neben der Leiche seines Vaters knien, er schreit und ballt die Fäuste. Auf dem zweiten, etwas später aufgenommenen Bild hockt er nachdenklich da, den Blick in die Ferne gerichtet. Hinter ihm weint seine Mutter um ihren Mann. Kurz darauf erhielt auch Héctor Abad Morddrohungen und ging ins Exil nach Italien. Den Schock über den brutalen Verlust hat er Jahre später in ein Buch verwandelt: „Brief an einen Schatten“, erschienen 2012, eine zärtliche Erinnerung an einen Mann, der Kolumbien aus der Logik eines Jahrzehnte dauernden Bürgerkriegs führen wollte.

Auch die Bundesregierung versucht ihren Teil zum Friedensprozess beizutragen. Der ehemalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier besuchte im Januar eines der Waffenabgabe-Camps in Kolumbien.
Auch die Bundesregierung versucht ihren Teil zum Friedensprozess beizutragen. Der ehemalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier besuchte im Januar eines der Waffenabgabe-Camps in Kolumbien. : Bild: dpa

Ein Roman braucht seine Zeit

Den Schmerz über den Verlust des Vaters empfindet Abad aber bis heute. Und dennoch war er bereit, 2004 den Demobilisierungsprozess zu unterstützen, den die rechten Paramilitärs mit dem damaligen Präsidenten Álvaro Uribe ausmachten. Das Abkommen wurde von Menschenrechtsgruppen scharf kritisiert, weil Uribe den Paramilitärs praktisch Straffreiheit garantierte, obwohl sie Tausende Menschen ermordet hatten. Aber Abad sagt, dass es oft keinen anderen Weg zum Frieden gebe als den durch Zugeständnisse. Und dass er selbst nie auf Rache aus gewesen sei: „Es wäre viel wichtiger für mich zu erfahren, wer meinen Vater erschossen hat. Und wer die Auftraggeber waren.“ Das würde helfen, den Schmerz zu lindern, ihn mit Würde zu ertragen. Ob die Mörder dann ins Gefängnis müssten, sei ihm eher egal.

So wie er damals für das Abkommen mit den rechten Paramilitärs war, verteidigt Abad nun den Friedensvertrag mit der linken Farc-Guerrilla. Dabei war seine Familie auch deren Ziel. Abads Schwager, ein Rinderzüchter, wurde von den Farc entführt und musste nach seiner Freilassung eine Revolutionssteuer zahlen. Er gehörte zu denjenigen, die beim Referendum über den Friedensvertrag mit „Nein“ stimmten. Abad hat ihn gefragt: „Aber was soll die Alternative sein?“

Héctor Abad hat die Rolle seines Vaters übernommen: schreibend, redend, diskutierend. Deswegen sei auch so schnell kein neuer Roman von ihm zu erwarten. „In Kolumbien komme ich nicht zum Schreiben. Hier ist gerade zu vieles in Bewegung.“

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