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44. Tage der Literatur : Bachmannpreis für Helga Schubert

  • -Aktualisiert am

Ihre Lesung kam aus dem heimatlichen Garten in Mecklenburg: Helga Schubert Bild: ORF

In einem Jahrgang mit starker Jury und schwachen Texten sticht einer klar heraus: Die achtzig Jahre alte Helga Schubert gewinnt mit ihrer autobiographischen Jahrhundert-Erzählung „Vom Aufstehen“ den Bachmannpreis.

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          Den Ingeborg-Bachmann-Preis des Jahres 2020 erhält die achtzig Jahre alte Schriftstellerin Helga Schubert für ihre Erzählung „Vom Aufstehen“. Das war in einem Jahrgang mit streitbarer Jury, aber ansonsten schwachen Texten schon am Freitag abzusehen. Nun hat es sich bei der Wahl am Sonntagmorgen bestätigt.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Helga Schubert, geboren 1940 in Berlin, verbindet eine besondere Geschichte mit dem Bachmannpreis. 1980 war sie dort schon einmal als Autorin im Wettbewerb eingeladen, durfte dann aber die Deutsche Demokratische Republik dafür nicht verlassen, wie sie 2019 auf einer Tagung über den Bachmannpreis und die DDR erzählte. Nach 1990 konnte sie ihre Akte des Ministeriums für Staatssicherheit von damals einsehen, und erfuhr, warum sie nicht reisen durfte: Kein Mitglied des Schriftstellerverbandes der DDR, dem sie seinerzeit angehörte, habe in Klagenfurt lesen sollen, weil DDR-Autoren dort angeblich „manipuliert wurden“ und zudem „keinesfalls der Eindruck einer gesamtdeutschen Literatur“ entstehen sollte. Außerdem sah die Stasi im damaligen Juryvorsitzenden Marcel Reich-Ranicki einen „berüchtigten Antikommunisten“. Helga Schubert durfte dann aber später als Kritikerin nach Klagenfurt reisen: Von 1987 bis 1990 war sie Jurorin beim Bachmannpreis.

          In diesem  Sommer nun kehrte sie auf Einladung der Jurorin Insa Wilke als Schriftstellerin noch einmal zurück nach Klagenfurt - wenn auch wiederum nicht physisch, da der „Bewerb“, wie man in Österreich sagt, diesmal ja bekanntermaßen hauptsächlich virtuell ausgetragen wurde. Also las Helga Schubert ihren Text  „Vom Aufstehen“ aus dem heimischen Garten in Mecklenburg vor, was zusätzlich für eine besondere Atmosphäre sorgte: eine sehr friedliche für eine Erzählung, die manches Garstige enthält.

          Der Text überblendet Situationen im und um das Bett: Um 1946 liegt ein Kind morgens im Bett und beschreibt den Gesang seiner Mutter; in der Gegenwart sitzt die aus dem Kind erwachsene Frau am Sterbebett dieser Mutter sowie am Pflegebett des Lebensgefährten. Die als autobiographisch markierte Erzählung umspannt somit ein Jahrhundert deutscher Geschichte mit Nationalsozialismus, im Krieg gefallenem Vater, Flucht aus Pommern, deutscher Teilung und Wiedervereinigung - und verhandelt die tiefe Entfremdung zwischen Kind und Mutter entlang der Kernfrage, ob man seine Eltern lieben muss. An einer Schlüsselstelle erklärt die über hundertjährige Mutter, warum sie ihre Tochter für ein „Sonntagskind“ hält:

          „Ich habe drei Heldentaten vollbracht, die dich betrafen. Erstens: Ich habe dich nicht abgetrieben, obwohl dein Vater das wollte. Und für mich kamst du eigentlich auch unerwünscht. Wir haben deinetwegen im fünften Monat geheiratet. Zweitens: Ich habe dich bei der Flucht aus Hinterpommern bis zur Erschöpfung in einem dreirädrigen Kinderwagen im Treck bis Greifswald geschoben, und drittens: Ich habe dich nicht vergiftet oder erschossen, als die Russen in Greifswald einmarschierten. Dein Großvater verlangte nämlich von mir, dass ich mich vergifte oder erschieße. Gift und Pistole legte er vor mich auf den Tisch. Greifswald sollte als erste Stadt an die Russen kampflos übergeben werden, was Hitler ja verboten hatte. Du hast neben mir gesessen und warst fünf Jahre alt, gerade wieder auf den Beinen nach der Flucht, nach Typhus und Mittelohrvereiterung. Dann muss ich ja mein Kind vorher töten, habe ich zu ihm gesagt, das kann ich nicht. Da habe ich dich am Leben gelassen. Du warst eben dein ganzes Leben ein Sonntagskind.“

          Die Auseinandersetzung mit der vom Krieg versehrten Mutter, deren Nachlass die Erzählerin sichtet und dabei mit ihr hadert, endet mit der ambivalenten Formulierung „alles gut“ - man kann darin ein „Annehmen“ sehen so wie Insa Wilke in ihrer Laudatio auf Helga Schubert. „Achtzig Jahre Leben in zwanzig Minuten Lesezeit“ verhandle die Autorin, so Wilke, „mit feiner Ironie im Raum der Literatur zwischen ,Des Knaben Wunderhorn' über christliche Lieder bis zu Prousts ,Suche nach der verlorenen Zeit'“.

          Der Bachmannpreis ist dotiert mit 25.000 Euro. Den Deutschlandfunk-Preis (12.500 Euro) gewinnt dieses Jahr die 1990 in Hildesheim geborene Lisa Krusche. „Für bestimmte Welten kämpfen und gegen andere“ ist eine rätselhafte Science-Fiction-Erzählung. Den Kelag-Preis (10.000 Euro) erhält der 1961 in Graz geborene Egon Christian Leitner für seinen Text „Immer im Krieg“, der einen Auszug aus einem tausendfünfhundertseitigen „Sozialroman“ unserer Gegenwart darstellt.

          Der 3at-Preis (7.500 Euro) geht an die 1984 in Salzburg geborene Laura Freudenthaler für „Der heißeste Sommer“. In dieser unheimlichen Erzählung aus der österreichischen Provinz erkannten die Juroren die Tradition Ingeborg Bachmanns und Marlen Haushofers, die von Freudenthaler in eine neue, katastrophische Gegenwart weitergeführt werde. Freudenthaler hätte man angesichts der Diskussion der Jury wie auch in verschiedenen Medien für eine Mitfavoritin um den Hauptpreis halten können, wie in jedem Jahr hat der Abstimmungsvorgang aufgrund seiner Regeln aber auch eine besondere Dynamik, die schon häufiger solche Erwartungen konterkariert hat.

          Der BKS-Publikumspreis wurde durch Online-Abstimmung ermittelt: Die 1985 in Steyr geborene Lydia Haider erhält ihn für ihren performativen Text  „Der große Gruß“, der mit größter Drastik vom Umschlag von Hausmeister- in Blockwartmentalität handelt.

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