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Bachmann-Wettbewerb : Die andere Liga

  • -Aktualisiert am

Ruhm, einen Strauß oder keinen Blumentopf - in Klagenfurt kann man alles gewinnen Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Dient das Wettlesen am Wörthersee der Literatur oder dem Fernsehen? Die Aufmerksamkeit, die Klagenfurt erzeugt, ist für Schriftsteller und Buchmarkt Fluch und Segen zugleich. Der Bachmann-Wettbewerb im heiklen dreißigsten Jahr.

          Wenn an diesem Mittwoch abend mit Raoul Schrotts Rede zur Literatur die dreißigsten Klagenfurter Bachmann-Tage beginnen, wird die Frage nach Sinn und Zweck dieses einzigartigen Wettbewerbs erneut gestellt werden. Die Einwände, die sich dagegen erheben lassen, sind fester Bestandteil des literarischen Sommerrituals am Wörthersee. Da man bekanntlich aufhören soll, wenn es am schönsten ist, machte schon im letzten Jahr, als die Texte mal wieder besonders matt waren, das Gerücht die Runde, in diesem Sommer werde der ORF endgültig die Segel streichen - und welcher Zeitpunkt wäre dazu besser geeignet als das heikle dreißigste Jahr, wie der Titel einer Erzählung der Namengeberin Ingeborg Bachmann lautet, die an diesem Sonntag, dem Tag der Preisverleihung, überdies achtzig geworden wäre?

          Wie sehr sich der ORF denn auch im voraus für den Bachmann-Preis stark macht: Die Erwägung, Klagenfurt abzuschaffen, wird auch diesmal hinter dem Bühnenbild des ORF-Studios Kärnten diskutiert werden. Die Möglichkeiten bei diesem Fernsehgericht der deutschsprachigen Literatur sind abgesteckt. Und wenn die Ziele, die die Initiatoren zum Auftakt 1976 formulierten - „junge Autoren fördern, der Literatur zu Öffentlichkeit und der Öffentlichkeit zu Literatur zu verhelfen“ -, noch gelten sollen, so darf man gespannt sein, wie sich das mit der Teilnahme von Bodo Hell, Jahrgang 1943, vertragen wird. Achtzehn Kandidaten und neun Juroren sind es diesmal. Der Wettbewerb hat abgespeckt, während der Preissegen über die Jahre zugenommen hat: Neben dem Hauptpreis gibt es vier weitere Auszeichnungen und ein Stipendium zu ergattern.

          Daniel Kehlmann hält das Wettlesen für zynisch

          Die Kritik an Klagenfurt ist vielfältig. Der Hauptvorwurf gegen den Wettbewerb lautet, daß in Klagenfurt nicht die Autoren und damit die Literatur, sondern vielmehr die Jury und das den Wettbewerb in voller Länge übertragende Fernsehen im Zentrum der Veranstaltung stünden. Daß da, wo Aufbruch, Aufregung und Aufmerksamkeit sein soll, nur noch Lähmung, Langeweile und Lustlosigkeit herrscht. Daß der Wettbewerb nicht gar so wichtig ist, wie er sich gern macht, läßt sich auch daran ablesen, daß es im Laufe seiner 29 Jahre gerade mal einer Handvoll Autoren gelungen ist, sich mit ihrem Klagenfurter Auftritt schlagartig als neue Stimmen zu etablieren, die aus unserer Literatur nicht mehr wegzudenken sind: Sten Nadolny, Katja Lange-Müller, Franzobel, Georg Klein und, zuletzt, Michael Lentz.

          Die Aufmerksamkeit, die Klagenfurt erzeugt, ist Fluch und Segen zugleich. „Es gehört zum Dasein eines Künstlers, ständig kritisiert zu werden, aber es ist sein gutes Recht, sich dabei nicht auch noch im Fernsehen anschauen lassen zu müssen“, findet Daniel Kehlmann. Klagenfurt habe eine ähnliche Funktion wie ein Debütantenball im alten Rußland, sagt er. Mit dieser Einführung in die Gesellschaft seien die Töchter gewissermaßen „im Spiel“ gewesen. Die Tribunalsituation, bei der namhafte Kritiker über einen meist unbekannten Autor öffentlich zu Gericht sitzen, und dieser alle Urteile, ob begründet oder nicht, stumm über sich ergehen lassen muß, empfindet er als zynisch.

          Außerdem sei es auch in ökomischer Hinsicht ein demütigender Vorgang: Da die Juroren deutlich besser situiert seien als die Autoren, sei es ein Spiel mit der verzweifelten Einkommenssituation vieler Kulturschaffender. Mehrfach, erzählt Kehlmann, sei er zur Teilnahme gedrängt worden - lange vor seinem Erfolgsroman „Die Vermessung der Welt“. Den Wettbewerbsnachteil, den eine solche Weigerung im Literaturbetrieb nach sich zieht, habe er am Anfang schon gespürt. Nein, er glaube nicht, daß für die deutsche Literatur irgend etwas verloren wäre, wenn es Klagenfurt nie gegeben hätte oder nicht mehr geben würde. Die Literatur habe der Wettbewerb jedenfalls nicht verbessert.

          Das Etikett Bachmann-Preis kann auch abschrecken

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