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Bachmann-Wettbewerb 2015 : Männer zu Affen, Frauen zu Preisen

  • -Aktualisiert am

Siegreich mit Meta-Literatur: Nora Gomringer Bild: dpa

In Buxtehude möchte man nicht begraben sein und in Klagenfurt kein Bein verlieren. Deshalb hat Nora Gomringer mit ihrer „Recherche“ den Bachmann-Wettbewerb verdient gewonnen.

          Wenn Sie morgens um zehn den Fernseher einschalten, und dort wird in der Halbtotalen ein Mann mit roten Hosenträgern und dicken Brillengläsern gezeigt, der in zeitlupenhaftem Schweizerisch von Ängsten im Bett, Nervenzellen und Kontinentalplattenverschiebungen erzählt; wenn Sie umschalten und drei Minuten später beim Zappen wieder auf den Kanal kommen, und der Mann mit den Hosenträgern sitzt noch immer in der Halbtotalen und sagt den Satz „Vielleicht ist uns die Entwicklung des Computers über den Kopf gewachsen“; wenn Sie dann dranbleiben und denken: Das ist ja kurios!, und wenn schließlich noch ein anderer Mann mit T-Shirt unter dem Sakko auftritt, der dem Mann mit den Hosenträgern in österreichischem Schmäh vorwirft, er wirke wie der Schweizer Globalisierungskritiker Jean Ziegler nach zwei Schlaftabletten – dann sind Sie bei der Fernsehübertragung des wichtigsten deutschsprachigen Literaturwettbewerbs gelandet.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Wo sonst auf der Welt gibt es das noch, dass ein Fernsehsender drei Tage lang Lesungen und Interpretationen von literarischen Texten ausstrahlt? In Klagenfurt gibt es das nun seit fast vierzig Jahren. Und nach dem Beinahe-Aus im vergangenen Jahr sprachen bei der diesjährigen Eröffnung die Verantwortlichen der Gemeinschaftsproduktion von ORF und 3sat sowie die Klagenfurter Oberbürgermeisterin trotz notwendiger Einsparungen bei den Festlichkeiten den „Tagen der deutschsprachigen Literatur“ eine Bestandsgarantie aus.

          Ein Grab für die Patchworkfamilie

          Die Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises, deren Vorsitz nach Burkhard Spinnen der Kritiker Hubert Winkels übernommen hat, bilden neben den bisherigen Mitgliedern Meike Feßmann, Hildegard Keller und Juri Steiner nun der Österreicher Klaus Kastberger, der Schweizer Stefan Gmünder und Sandra Kegel, Literaturredakteurin dieser Zeitung. Winkels sagte angesichts legendärer Krawallmomente in der Geschichte der Veranstaltung, man wolle sich verstärkt philologisch und reflektiert mit den Texten auseinandersetzen.

          Die Preisträgerinnen bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur (von links): Dana Grigorcea (3Sat-Preis), Nora Gomringer (Ingeborg Bachmann Preis), Valerie Fritsch (Kelag Preis)

          Auch auf Autorenseite war der Provokationsfaktor eher gering, wenn man von den herausfordernden Blicken zur Jury im Vortrag des aus Kärnten stammenden Peter Truschner absieht. Als hätte er es geahnt, fiel sein derb-plumper Text „RTL-Reptil“ über einen aggressiven Macho, der in einem nachgeahmten Bukowski-Ton verfasst ist, dann auch wirklich bei der Jury durch.

          Die vier Männer unter den Wettbewerbern hatten insgesamt keine Fortune. Von den zehn Frauen im Bewerb hingegen versetzten mehrere das Publikum im Sendesaal wie auch zum Teil die Jury in Verzückung, die besonders bei der Diskussion von Monique Schwitters Text „Esche“ zur Hochform auflief – einer Geschichte aus Buxtehude, in der eine vernachlässigte Ehefrau mit einem geheimnisvollen Mann namens Nathanael, der ihren Kindern Sand in die Augen streut, durch den Wald stapft, um dort schon mal ein Grab für die Patchworkfamilie zu suchen: eine seltsame Mischung aus schwerem Motivgepäck und einem Tonfall, der ein bisschen nach Frauenzeitschrift klang. Klaus Kastberger fand dafür die Formulierung des „Bonsai-Barock“, Hubert Winkels fühlte sich an Händel-Opern erinnert.

          Ende der postmodernen Unentschiedenheit

          Mehr denn je spielte in diesem Jahr die Performance eine Rolle, was gleich am ersten Tag bei dem theatralischen Vortrag der von Sandra Kegel eingeladenen Nora Gomringer zum Ausdruck kam: Ihr Text „Recherche“ ist eigentlich ein Hörspiel und ein Stück raffinierter Meta-Schlüsselliteratur: Protagonistin ist eine Figur namens Nora Bossong, im wirklichen Leben eine Schriftstellerkollegin Gomringers, die hier in einem Mehrfamilienhaus nach den Hintergründen eines Todes sucht. Ein dreizehnjähriger Junge ist aus dem Fenster gestürzt. In einer Montage aus Stimmen und Medientexten, die an Alfred Döblin erinnert, kreist der Text um die Schuldfrage nicht nur der Mitbewohner, sondern letztlich auch der Rezipienten des Textes, der sich auf immer neuen Beobachterebenen selbst reflektiert, verschiedene Stillagen integriert und zwischen Witz und tiefem Ernst changiert.

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