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Bachmann-Preis : Klagenfurter Klagentage

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In Klagenfurt wird noch gelesen: Kathrin Passig, Preisträgerin des vorletzten Jahres, beim Vortrag Bild: PUCH JOHANNES

Vielfaches Unglück naht heran, wenn sich in Klagenfurt, wie jedes Jahr, die Literaten zur Kür des Bachmann-Preisträgers einfinden. „Darf denn gute Literatur einfach ganz und gar niemals gut gelaunt sein?“, fragt sich Oliver Jungen.

          Gram heißt das Schwert Sigurds in der nordischen Variante, Balmung im Nibelungenlied, Notung bei Wagner: kalt fährt es dem Drachen durch die Gurgel, säbelt den Weg frei zum verfluchten Hort, in dessen Umgebung gestorben wird, was irgend auf eine Kuhhaut geht. Österreich hinkt da nicht hintenan. Auch die Klagenfurter haben einen Lindwurm weggesäbelt, ausgetrickst und weggesäbelt. Gut, er fraß Jungfrauen. War ein Problemdrache. Aber immer gleich mit der Auslöschung kommen?

          Die Rache des Lindwurms: Er erhob sich einfach, lebendiger denn je, zum Stadtwappen - und wurde unverwundbar. Fraß natürlich weiter Jungfrauen, schreibende am liebsten. Fraß die ganze Stadt leer. Die Bahnhofstraße, in der auch das Musil-Haus liegt, wo der Klagenfurter Literaturkurs, die Häschenschule, seine Heimat hat, „verödet zusehends“, „dämmert vor sich hin“, berichtete vor kurzem denn auch der ORF. Kluge Stadtplaner wollen dem mit Erinnerungstafeln und Parkplätzen entgegenwirken. Doch jetzt, endlich, hat man den Lindwurm in den Griff bekommen, „in Plexiglas gehüllt“, wie die Stadtverwaltung schreibt, eingelullt durch Gesänge urwüchsigen Frohsinns: Das geflügelte Wahrzeichen befindet sich mitten in der innerstädtischen „Fanzone“.

          Das Spiel spielt anderswo

          Nur einen Lanzenwurf entfernt, beginnen am heutigen Donnerstagabend die zweiunddreißigsten nach Ingeborg Bachmann benannten Literaturtage, ein Hauen und Stechen um den Hort (und um Minne freilich). Ein wenig aber fühlt es sich schon an, als komme man auf eine Party, deren letzte Gäste gerade gehen. Nach den drei EM-Gruppenspielen ist der Ausnahmezustand in Klagenfurt vorüber, spielt das Spiel anderswo. Vielleicht ist gar der Drache wieder frei. Da reitet dann, kantapper, kantapper, die Literatur heran. Im Takt der Hufe wiegt sich die Helmzier.

          Aber sie machen das ohne falsche Scham, die Literaten. Literatur braucht ritterliches Fantum. Die engagierte Internetplattform „Literatur-Café“ zum Beispiel vertreibt selbstbewusst ein EM-Trikot, auf dem die schwarzrotgoldenen Zeilen prangen: „Ich lese / nach dem Spiel / ein Buch.“ Wird sich schon jemand damit ins Stadion gewagt haben. Und die Bachmänner haben ja ohnehin ihr eigenes Fußballmatch: ORF-Auswahl gegen Kritiker-Autoren-Mannschaft. Findet das aber überhaupt statt in diesem Jahr? Ist ja alles eingedampft worden von fünf auf zweieinhalb Tage, statt achtzehn werden vierzehn Autoren teilnehmen. Es soll ja, bitte schön, auch kein Badeurlaub am Wörther See sein, sondern Arbeit. Ernsthaft ist die Literatur, gramgebeugt und todesnah. Das liegt nicht zuletzt an der herrschenden Notung-Poetik, die ihre Vasallen hier mit Motiven belehnt. Rechnet man nur die - sehr guten - Siegertexte des letzten Jahrzehnts hoch, dann ist im girlandenbehängten Klagenfurt ab heute Schluss mit lustig: Memento mori, Fußballgurke!

          Wie traurig, diese Tage

          Da rattert beim letztjährigen Bachmannpreisträger Lutz Seiler ein Erzähler mit der Eisenbahn durch radioaktiv verseuchtes Gelände und weiß nicht, was soll es bedeuten, dass er so traurig ist; da verläuft sich im Jahr zuvor Kathrin Passigs Held im Riesengebirge und erfriert; da planen bei Thomas Lang Vater und Sohn ihren gemeinsamen Selbstmord; da steigen in Uwe Tellkamps Dresdener Straßenbahn allerlei Untote ein; da stirbt bei Inka Parei ein alter, einsamer Mann in Frankfurt; da reist bei Peter Glaser jemand der Tante hinterher, die am Ende das Zeitliche segnet, um noch schnell dem Liebesverrat Platz zu machen; da stirbt die Mutter in Michael Lentz' Beitrag; da setzt Georg Klein einen Mann den sexuellen Attacken eines maliziösen Bademeisters in einem demolierten Hallenbad aus; da entgeht die Erzählerin bei Terézia Mora in ihrem ungarischen Dorf nur knapp dem Ertränktwerden. Vielleicht stimmt die angeblich falsche Etymologie ja doch, die „Klagenfurt“ auf an der Furt klagende, Unglück ankündigende Weiber zurückführt.

          Man muss schon ein volles Jahrzehnt zurückgehen, bis zu Sibylle Lewitscharoffs ungehobeltem King „Pong“ von 1998, um jemanden zu finden, einen Verrückten zwar, der - bei aller existenziellen Sorge auch hier: ständig verstellt ihm ein Baum, der Stammbaum, den Weg, prasseln „Lupf-die-Tassen-Befehle“ auf ihn ein - das Leben wenigstens zu genießen weiß: „Eine Schule des Glücks und kein Gesudel“. Darf denn gute Literatur einfach ganz und gar niemals gut gelaunt sein?

          Es geht auch so

          Aber sei's drum. Jahr für Jahr wird gelästert über den Bachmannpreis, werden berühmt gewordene Durchgefallene gegen kaum noch bekannte Sieger aufgerechnet, und doch oder gerade deshalb herrscht Jahr für Jahr größte Vorfreude auf das Turnier: zu Recht, ist das öffentliche Wettlesen doch einer der mutigsten und - für alle Seiten - verdientesten Preise im deutschsprachigen Literaturbetrieb. Die größte Demütigung für die Autoren stellen dabei wohl die salbadernden, der 3sat-Plexiglasumhüllung geschuldeten Vorstellungsvideos dar. Nur einmal (und immer noch ansehbar auf der Website) wurde diese Praxis genial subvertiert, von Kathrin Passig, die das mit Berliner Freunden gedrehte Video selbst mitbrachte. Das hätte zur Regel werden sollen. In diesem Jahr möchte immerhin ein Teilnehmer, Markus Orths, „ohne Video an den Start gehen“ - schaden wird es ihm nicht.

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