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Bachmann-Preis : Der Tag pumpt sich auf

  • -Aktualisiert am

Lutz Seiler überzeugte alle Bild: AP

Juroren im Glücksrausch, komische literarische Poser und etliche falsche Konjunktive: Das alles bot der diesjährige Bachmann-Wettbewerb. Der Autoren-Jahrgang war ein guter, und der Sieger gewann völlig verdient.

          Die geistige Sollbruchstelle lag bei PeterLicht. Der Popmusiker und Autor mit dem seltsam geschriebenen Pseudonym hatte am Ende des zweiten Tages der 31. Tage der deutschsprachigen Literatur einen Text vorgelesen, der bei sechs Juroren eine sich fast schon anbiedernde Begeisterung auslöste und von den übrigen dreien mit demonstrativem, kaltem Schweigen quittiert wurde - eigentlich ein Fall von Arbeitsverweigerung. Lichts süffiger Monolog bediente ein offenbar lang angestautes Lachbedürfnis, verleitete den ansonsten zurechnungsfähigen Juror Klaus Nüchtern aber auch zu dem Urteil, hier habe man nun wirklich „grandiose Literatur“ gehört. Fragen nach dem Haltbarkeitsdatum gingen im Gelächter unter.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Und dann kam am Sonntagmittag die Bescherung: PeterLicht räumte ab und gewann den 3-Sat- (also den dritten Preis) sowie den Kelag-Publikumspreis - macht insgesamt 12.500 Euro für ein zwar komisches, aber auch etwas windiges literarisches Posertum. Kein Wunder, dass die Jury-Vorsitzende Iris Radisch hinterher nicht mehr wusste, was sie sagen sollte, denn sie hatte PeterLicht eingeladen, und das durfte bereits vorab als Statement gewertet werden: Schon wieder so ein schwer einzuschätzender Pfiffikus, der den Laden unterwandert wie vergangenes Jahr Kathrin Passig? Radisch jedenfalls kam sich vor wie im „Glücksrausch“ und bemühte in ihrer Laudatio Karl Valentin, wobei sich der Juror Karl Corino die Gelegenheit nicht entgehen ließ, ihre Aussprache zu verbessern, denn Radisch hatte „Walentin“ gesagt. Es stimmte ja noch nicht einmal, dass Licht in seine Erzählung „das ganze Normalgequatsche“ unserer Gegenwart hineingepackt hatte; das ließ sich eher von den wie ausgedacht wirkenden Schlussvoten mancher Juroren sagen, die die ohnehin umständliche Prozedur der Preisvergabe noch um einiges quälender machten.

          Durchsichtiger Anspruch

          PeterLicht löste schon mit dem Titel seiner Erzählung den an sich nicht unsympathischen, auf die Dauer aber doch etwas durchsichtigen Anspruch einer Generation ein, die zur Jahrhundertwende ihre Autorschaft entdeckt oder entwickelt hat und sich zwischen Selbstironie und dem Hang zur epochalen Äußerung nicht recht entscheiden kann: „Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends“. Entsprechend verortet er sein Geburtsdatum irgendwo „im letzten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts“, ließ sich, in koketter Kamerascheu, beim Vorlesen nur von hinten abfilmen und nahm seine Preise dann natürlich auch nicht persönlich entgegen. Dass Klagenfurt das mitmachte, spricht für eine Generosität, die man in Fällen, wo sie angemessener gewesen wäre, vermissen ließ.

          Drei Sieger: Thomas Stangl, Lutz Seiler, Jan Böttcher (v.l.)

          Gegen die Entscheidung für den Siegertext ist jedoch nichts zu sagen. Lutz Seiler setzte sich mit „Turksib“, einer literarisch anspruchsvollen, stilistisch makellosen Geschichte über einen DDR-Bürger, der mit der Eisenbahn durch die radioaktiv verseuchte sowjetische Steppe fährt, erwartungsgemäß und ungehindert durch. Seiler gehört zu den fast schon altmodischen Autoren, die die Beschreibbarkeit äußerer Wirklichkeit als Herausforderung begreifen und mit nobler Sorgfalt bestehen. Diese Hommage an Heines Loreley-Lied war unschlagbar und brachte dem 1963 in Gera Geborenen den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis ein. Es lebe die geschmacksbildende Kraft der Lyrik, mit der Seiler bekannt wurde.

          Das kann Hollywood besser

          Die hätte man auch Silke Scheuermann unterstellen mögen. Aber als man dann einen Einstieg zu hören bekam wie „Der Tag pumpte sich ein letztes Mal auf und schickte Sonne und Energie“, fragte man sich, ob Ingeborg Bachmann für so etwas gestorben ist. Das kann Hollywood jedenfalls besser: Herbert Ross ließ in seiner Filmkomödie „Die Eule und das Kätzchen“ den Schriftsteller-Darsteller George Segal von einer Sonne faseln, die den Tag ausspuckt, um sich von Barbra Streisand belehren zu lassen, dass die Sonne so etwas einfach nicht tut. Scheuermann musste denn auch einiges einstecken, brach anschließend in Tränen aus und blieb der Preisvergabe fern.

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