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Bachmann-Preis 2015 : Eine Verstörungskomödie mit offener Schuldfrage

  • Aktualisiert am

„Ich bin ganz benommen“: Nora Gomringer unmittelbar nach der Preisverleihung Bild: dpa

Sie galt nach ihrer fulminanten Lesung als Favoritin bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt: Am Sonntag hat die Jury Nora Gomringer den Ingeborg-Bachmann-Preis verliehen.

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          Der Bachmannpreis 2015 geht an Nora Gomringer für den Text „Recherche“ – und damit an eine Textsorte, die es gewöhnlich in der breiten Wahrnehmung schwer hat: nämlich die Metaliteratur. In diesem Fall ist das Setting besonders kompliziert: Protagonistin der Recherche ist eine Figur namens Nora Bossong, im wirklichen Leben eine Schriftstellerkollegin Gomringers, die hier in einem Mehrfamilienhaus nach den Hintergründen eines Todes sucht. Ein dreizehnjähriger Junge ist aus dem Fenster gestürzt. In einer Montage aus Stimmen und Medientexten, die an Alfred Döblin erinnert, kreist der Text um die Schuldfrage nicht nur der Mitbewohner, sondern letztlich sogar der Rezipienten des Textes, der auf immer neuen Beobachterebenen selbst reflektiert, verschiedene Stillagen integriert und zwischen Humor und tiefem Ernst changiert.

          Vorgeschlagen wurde Nora Gomringers Text von Sandra Kegel, Literaturkritikern der F.A.Z., die in diesem Jahr zusammen mit Stefan Gmünder und Klaus Kastberger neu in die Jury unter dem Vorsitz von Hubert Winkels gekommen ist. In ihrer Laudatio nannte Sandra Kegel den Text eine „Verstörungskomödie“. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert.

          Michael Jacksons falsche Begrüßung

          Die 35 Jahre alte Nora Gomringer, die als Lyrikerin auch im Poetry Slam geschult ist, beeindruckte mit ihrem Vortrag am Donnerstag Publikum und Jury und setzte sich am Sonntagmorgen in einer Stichwahl gegen Teresa Präauer durch. Diese hatte mit einem ebenfalls sehr performativen und anspielungsreichen Text „Oh, Schimmi“, in dem ein Mann sich wortwörtlich zum Affen macht, ebenfalls sehr positive Resonanz bei Jury wie Publikum, ging aber in weiteren Stichwahlen um die anderen in Klagenfurt zu gewinnenden Preise am Ende leer aus.

          Die Preisträgerinnen bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur (von links): Dana Grigorcea (3Sat-Preis), Nora Gomringer (Ingeborg Bachmann Preis), Valerie Fritsch (Kelag Preis)

          Die mit dem 3Sat-Preis ausgezeichnete, in 1979 Bukarest geborene und heute in Zürich lebende Dana Grigorcea hat einen ganz anderen Erzählton: Ihr Text „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“ ist als Auszug aus einem kommenden Roman merklich epischer, dabei von melancholischem Humor geprägt: Sie schildert eine Kindheitserinnerung an das Rumänien vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, in dem Michael Jacksons falsche Begrüßung des Bukarester Konzertpublikums als eines Budapesters den tragikomischen Höhepunkt bildet. Der von Hildegard Keller vorgeschlagene Beitrag wurde als Burleske mit großem epischen Atem gewürdigt, der eine neue Perspektive in der Tradition der Heimkehrerliteratur biete, so Keller in ihrer Laudatio.

          Ingeborg Bachmann im Raum

          Gleich doppelt ausgezeichnet wurde die 1989 in Graz geborene Autorin Valerie Fritsch, nämlich mit dem Kelag-Preis sowie mit dem BKS-Publikumspreis, über den man im Internet während des Wettbewerbs abstimmen konnte. Ihre von Klaus Kastberger nominierte Erzählung „Das Bein“ buchstabiert den Begriff „Phantomschmerz“ literarisch aus zwischen einem Vater mit amputiertem Bein und seinem Sohn. Die Jury sah darin ein „Memento Mori in ästhetisch gedehnter Zeit“, und Kastberger spürte in seiner Laudatio gar die Anwesenheit Ingeborg Bachmanns in Raum.

          Die 39. Tage der deutschsprachigen Literatur, bei denen alljährlich der Literaturbetrieb aus Autoren, Kritikern, Verlagsleuten und Agenten in Klagenfurt zuhört und mitdiskutiert, brachten zudem eine Bestandsgarantie der Verantwortlichen von ORF und 3Sat für den nach wie vor hochfrequentierten und immer wieder auch umstrittenen Lesemarathon, dessen Fernsehübertragung im vergangenen Jahr auf der Kippe stand.

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