https://www.faz.net/-gqz-9hzcm

Autorin Ayòbámi Adébáyò : Und dann kommen die Schwiegermütter

  • -Aktualisiert am

Ayòbámi Adébáyò Bild: ddp/B. Cannarsa/Opale/Leemage

Die 29 Jahre alte nigerianische Schriftstellerin Ayòbámi Adébáyò ist die neue literarische Stimme ihres Landes. Ein Gespräch.

          6 Min.

          Sie wurde 1988 in Lagos geboren, studierte Englische Literatur und Kreatives Schreiben bei Margaret Atwood und Chimamanda Ngozi Adichie und schrieb einen Debütroman, der sich sofort in 13 Länder verkaufte. „Bleib bei mir“ heißt dieser Roman. Darin erzählt Ayòbámi Adébáyò die Geschichte eines Paares, das vergeblich versucht, ein Kind zu bekommen. Es geht um den Schaden, den männlicher Stolz anrichten kann, um den Druck, den die Frauen in der Verwandtschaft ausüben. Und es geht um die Sichelzellenanämie, jene erbliche Erkrankung, die Adébáyòs großes Thema ist. Zum Interview kommt sie nach einer langen Nacht (an Schlaf sei während der Reise von Lagos nach Berlin nicht zu denken gewesen) dennoch hellwach. Ob der Flug turbulent gewesen sei? Nein, erklärt sie und bestellt zwei Kaffee. Sie habe mit einem anderen aus Nigeria stammenden Schriftsteller über die politische Lage des Landes diskutiert. Es ist einer der wenigen Momente während der kommenden Stunde, in dem sie nicht lächelt.

          „Eine kinderlose Frau in Nigeria ist eine Tragödie“, lautet ein Satz gleich zu Beginn Ihres Romans, dessen Handlung in den achtziger Jahren spielt. Wie ist es heute?

          Ich wünschte, ich könnte sagen, dass sich die Situation grundlegend verändert hat, aber die überwiegende Mehrheit der Gesellschaft denkt immer noch so. Kinderlosigkeit gilt als Tragödie, überall, es ist in den Städten auch nicht viel besser als auf dem Land.

          Und wird diese Kinderlosigkeit immer noch – wie in Ihrem Roman – als Sache der Frau betrachtet?

          Überwiegend ja. Ich erinnere mich, wie mich diese Sichtweise schon als Kind irritiert hat. Wenn in der Kirche zum Gebet aufgerufen wurde, bat man die kinderlosen Frauen nach vorne, als hätten sie mehr zu erbitten. Und wenn die Eltern von Freundinnen über Paare sprachen, die keine Kinder hatten, wurde es immer den Frauen angelastet.

          Bei Ihnen zu Hause war es anders?

          Ja. Das hat es aber in der Phase, als ich anfing, diese Unterschiede wahrzunehmen und mich damit auseinanderzusetzen, fast noch schlimmer gemacht. Es war, als fiele man aus der Welt heraus, die immer als normal gegolten hat – als meine Vorstellung von „normal“. Aber all die irritierenden Sätze, die meine Schwester und ich als Teenager hörten, waren die Norm – und wir die Ausnahme. Bei uns zu Hause lebten zeitweise auch meine Cousins, es war selbstverständlich, dass die Jungen dieselben Aufgaben übernahmen wie wir und in Gesprächen über Liebe oder Lebensentwürfe kein Unterschied gemacht wurde.

          Sie sagen das auch jetzt durchaus kämpferisch.

          Das ist wahrscheinlich Gewohnheit. Ich musste in der Schule als Teenager dafür kämpfen, dass die Jungen in unserer Schule den Putzdienst genauso übernahmen wie die Mädchen. Das war Ende der neunziger Jahre! Die Jungen waren stinksauer auf mich, und das Schlimmste war, dass meine Mitschülerinnen deren Zorn nichts entgegensetzten.

          Sondern?

          Sie lenkten sofort ein: „Okay, dann machen wir das eben.“

          Und Sie?

          Ich habe die Sache vor den Direktor der Schule gebracht. Nach einer Weile des Protests haben die Jungen mitgeputzt. Meine Mutter ist Ärztin und unterrichtet an der Universität. Ich hatte also immer unmittelbar vor Augen, was möglich ist und normal sein kann – auch in der Art, wie meine Eltern als Paar waren. Es gab nichts, was nur das Problem des einen war.

          In Ihrem Roman wünschen sich die Protagonistin Yejide und ihr Mann Akin zwar ein Kind, aber der Druck, der entsteht, weil sich der Wunsch noch nicht erfüllt hat, kommt von außen und wird ausgerechnet von Frauen aufgebaut. Am lautesten ist die Stimme von Yejides Schwiegermutter.

          Weitere Themen

          Das sind Gottes neue Sinnfluencer

          Suche nach Sinn und Erlösung : Das sind Gottes neue Sinnfluencer

          Gott hat es bei uns nicht leicht: Wer tritt heute noch als offener, liberaler und moderner Mensch für den Glauben ein? Wir stellen fünf Menschen vor, die mit ihrem Verständnis von Religion neue Wege beschreiten – und Türen öffnen wollen.

          Topmeldungen

          Alexander Kekulé ist Professor für Medizinische Mikrobiologie und Virologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

          Corona und Propaganda : Chinas deutscher Kronzeuge

          Das Coronavirus stamme gar nicht aus Wuhan, verbreitet das chinesische Staatsfernsehen – und zitiert den Virologen Alexander Kekulé. Doch der hat das gar nicht gesagt. Das Verwirrspiel zeigt Wirkung.
          Intensivstation im Essener Universitätsklinikum: Unter anderem um Investitionen in das deutsche Gesundheitssystem geht es beim Bund-Länder-Ausgleich wegen der Corona-Lasten.

          Bund-Länder-Streit : Wer zahlt die Kosten der Pandemie?

          Die Länder beklagen sich über den Vorstoß von Ralph Brinkhaus, der ihnen mehr finanzielles Engagement in der Corona-Krise abverlangen will. Jeder verweist auf seine Hilfspakete – doch wer die größten Lasten trägt, ist klar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.