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Zum Tode von Sarah Kirsch : Ach, geh nicht weck

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Sarah Kirsch (16. April 1935 bis 5. Mai 2013) im Jahr 2006 Bild: dpa

Die große Lyrikerin Sarah Kirsch ist im Alter von achtundsiebzig Jahren im schleswig-holsteinischen Ort Heide gestorben. Sie führte uns die Eigenwilligkeit des Dichtens vor.

          „Vor welchen hauptsächlichen Schaffensproblemen stehen Sie zur Zeit?“ Diese Frage richtete Rudolf Bahro 1966 im „Forum“, dem Organ des Zentralrats der FDJ, an einige junge Lyriker der DDR, in der ausdrücklichen Absicht, damit eine Debatte zu eröffnen. Zuvor hatte er sie gefragt, ob durch die „neue Stellung des Menschen in der sozialistischen Gesellschaft“ und durch die „technische Revolution“ „Veränderungen der Lyrik“ herbeigeführt worden seien und welche Wirkungen Lyrik „in unserer Gesellschaft“ haben könne. Sarah Kirsch beantwortete die Fragen störrisch und widerborstig. Ihre freche Antwort auf die Frage nach ihren hauptsächlichen Schaffensproblemen lautete: „Dass der Tag nur 24 Stunden enthält, es in Halle keinen guten Kognak und kein Kohlepapier gibt, es demzufolge ebenso schwer ist wie vor der technischen Revolution, gute Gedichte zu schreiben.“ Die ebenso übermütig-bockige wie real zutreffende Antwort löste in der DDR einen Sturm der Entrüstung aus.

          Diese Affäre markierte die erste Station des langen Abschieds der Dichterin Sarah Kirsch von der DDR. 1935 in Limlingerode im Harz als Ingrid Bernstein geboren, wuchs sie in Halberstadt auf und absolvierte ein Biologiestudium in Halle, an das sie ein Studium am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig anschloss. Nach ersten gemeinsam mit ihrem Gatten Rainer Kirsch (die Ehe wurde 1968 geschieden) unternommenen Veröffentlichungen erschien 1967 ihr erster selbständiger Gedichtband „Landaufenthalt“, der sie schlagartig in Ost und West bekannt machte. Seither ging die Rede vom „Sarah-Sound“ um (von Peter Hacks zunächst kritisch gemeint) in den unermüdlichen Versuchen, den eigenwilligen Ton zu charakterisieren, den Sarah Kirsch in ihren Gedichten und in ihrer Prosa gefunden und kultiviert hat. Die raffinierte Naivität, die Mischung aus märchenhaften und konkret politischen Elementen, die Abweichungs- und Anspielungslust, die extreme Subjektivität, die anthropomorphe, ganz unsentimentale Naturseligkeit ihrer Verse und Prosa hat man als Elemente dieses Tons namhaft gemacht.

          Doch alle gängigen Charakterisierungen versagen angesichts ihres Werkes. Wer Sarah Kirsch als Naturlyrikerin bezeichnet, kann zwar darauf hinweisen, dass die Tier- und Pflanzenwelt, die geologischen Gegebenheiten und die Wetterverhältnisse in ihren Versen einen breiten Raum einnehmen, muss aber zugleich zugeben, dass sie stets lässig kombiniert oder kontrastiert werden mit oder von Alltags- und Zauberformeln, Befindlichkeitsbekundungen und Mehrdeutigkeiten, die eine politische oder erotische Lesart mindestens nicht ausschließen, eher jedoch nahelegen, so dass sie mit gleichem Recht als Liebeslyrikerin und als politische Lyrikerin bezeichnet werden kann.

          Mit Zorn und mit Begeisterung

          Eines ihrer bekanntesten Gedichte aus dem Wiepersdorf-Zyklus aus dem Band „Rückenwind“ (1976) lautet:

          Dieser Abend, Bettina, es ist
          Alles beim alten. Immer

          Sind wir allein, wenn wir den Königen
          schreiben
          Denen des Herzens und jenen
          Des Staats. Und noch
          Erschrickt unser Herz
          Wenn auf der anderen Seite des Hauses
          Ein Wagen zu hören ist.

          Sarah Kirsch hat selbst darauf aufmerksam gemacht, dass dieses Poem zunächst als Liebesgedicht - kommt der Geliebte, kommt er nicht? - konzipiert gewesen sei. Vielleicht wollte sie mit diesem Hinweis gängigen Deutungen entgegentreten, die die Schlusswendung als nahezu unverstellte Darstellung der Überwachung der aufmüpfigen Dichterin durch die Stasi verstanden. Dass beides gemeint ist, kann man dem Text selbst unschwer entnehmen: Schließlich ist von beiden Königen die Rede, „Denen des Herzens und jenen/ Des Staats“. Die kalkulierte Ambivalenz allerdings ist alles andere als indifferent oder gar beruhigend. Das privat-persönliche erwartungsvolle Erschrecken und die organisierte Verunsicherung durch staatliche Stellen sind alternative Begleiterscheinungen einer Existenz unter den Bedingungen eines Obrigkeitsstaates.

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