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Zum Tode von Günter Kunert : In vollkommener Klarheit

Günter Kunert: Einer, der gegen das Vergessen der NS-Herrschaft schrieb. Bild: dpa

Wenn alles den Styx hinuntergeht, muss einer da sein, der die Dinge festhält: Günter Kunert, ost-west-deutscher Lyriker von Rang, bot den Umschwüngen der Geschichte mit seinem Werk die Stirn.

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          Manchmal verraten auch die Reimworte eines Gedichts, in welcher Stillage der Autor sein Werk verstanden wissen möchte – wo sich „Sinn“ auf „Gewinn“ reimt, „Sturz“ auf „kurz“, „Geschichte“ auf „Berichte“, da ist die Rechnung allzu glatt, um wirklich aufzugehen, schon gar wenn das Gedicht von einem derart wachsamen Autor wie Günter Kunert stammt: Sein „Ikarus“ beschreibt den jähen Untergang der mythischen Gestalt scheinbar nur als Auftakt zu einem beispiellosen Nachruhm, weil sich die Geschichte letztlich mehr für die grandios Scheiternden als für die Sieger interessiere: „Der Untergang als letzter Akt / ist dem Vergessen entzogen / Und steigt aus des Alltags Katarakt / wie ein seltsamer Regenbogen“, so endet das Gedicht, nur um in der allerletzten Zeile dann die Botschaft der elf vorhergehenden zu unterlaufen. Denn was wäre flüchtiger als ein Regenbogen, an wessen Fortdauer wäre mehr zu zweifeln?

          Tilman Spreckelsen
          (spre), Feuilleton

          Wo Beständigkeit so luftig gedacht werden muss, da ist auf diesem Feld wenig zu hoffen. Günter Kunert, geboren 1929, hatte genug Umschwünge, politische zumal, aber auch grundlegend gesellschaftliche erlebt, um nicht ständig mit neuen zu rechnen. Er überstand die NS-Zeit, immer in Gefahr wegen seiner jüdischen Mutter, als Angestellter in einer Tuchwarenhandlung, publizierte sein erstes Gedicht 1947 und erfuhr in der DDR Förderung durch anerkannte Autoren wie Brecht und Becher, geriet aber zugleich unter den Verdacht des Abweichlertums und machte Erfahrungen mit der Zensur. Reich begabt und vielseitig interessiert, veröffentlichte Kunert Lyrik, Prosa, Essays, Kinderbücher, Reiseberichte und literaturtheoretische Schriften. Für die „Frankfurter Anthologie“ dieser Zeitung interpretierte er bereits Gedichte, bevor er nach seinem Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1979 selbst die DDR verlassen musste.

          Kein Vergessen!

          Vor und nach diesem neuerlichen Umschwung fragte Kunert in seinem Werk immer wieder nach den Spuren, die der Nationalsozialismus in den Jahrzehnten nach Kriegsende hinterlassen hat, nach den konkreten Tätern und den Bedingungen ihres Tuns ebenso wie nach dem, was im Bewusstsein der Nachgeborenen davon ankommt. „Am Styx“ heißt eines seiner schönsten Gedichte, und es spricht von der Auflehnung gegen den großen Strom des Vergessens, der Vater fort trägt „und das Wäldchen und / die ganz Stadt und am Ende / noch den Erdenreste / in vollkommener Klarheit.“

          Wo aber alles davontreibt, da bleibt einer zurück, der davon erzählt. Die Aufgabe ist umso hoffnungsloser, da er allein bleibt ohne den „Erdenrest“. Und sie ist zugleich umso dringlicher, denn wenn er sich nicht erinnert, wenn er nicht davon schreibt, wer soll es denn sonst tun?

          Am Samstag ist Günter Kunert gestorben.

          In der November-Folge des F.A.Z.-Bücher-Podcasts:

          Karen Krüger über ein frühes Buch von Elif Shafak, Dietmar Dath über ein neues von Philip Ording und Kai Spanke über Campinos „Hope Street“

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