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Zum Tod von Wolfgang Pohrt : Ein Denker, kein Frieden

Wolfgang Pohrt (1945 bis 2018) Bild: Edition Tiamat

Fast hätte Wolfgang Pohrt sein Studium aufgegeben. Dann wurde er zu einem der wichtigsten Denker seiner Generation. Nun ist der Sozialwissenschaftler mit 73 Jahren gestorben.

          Die Geburt ist das Schicksal. Wolfgang Pohrt kam am 5. Mai 1945 zur Welt. Muss man mit diesem Lebensbeginn, einen einigermaßen wachen Kopf vorausgesetzt, nicht notwendig zur wandelnden Gedenkstätte werden? Alle eigensten, individuellsten Lebensfragen zeigen sich vermittelt durch Nationalsozialismus, Krieg, die Alliierten, die Vernichtungspolitik. Das simpelste „Wer bin ich?“ kommt lange nicht zu einem plausiblen Ende.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Fragedynamik, einmal in Gang gesetzt, erfordert mehr als „bloße“ Einzelwissenschaft, und sei diese noch so gediegen, denn die existenzielle Unsicherheit oder besser gesagt: Verzweiflung eines solchen Menschen ist nicht aufzulösen durch Hitler-Biographik oder deutsche Gesellschaftsgeschichte. Darum war Pohrt nahe daran, sein Studium der Soziologie, Psychologie, Politik und Volkswirtschaftslehre aufzugeben, als ihm die „Dialektik der Aufklärung“ von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno eher zufällig in die Hände fiel, wie sein Verleger Klaus Bittermann berichtete. Aus seinen Studienfächern wurde eine Sinneinheit.

          Die denkbar großformatigste Theorie

          Denn da war sie nun, die denkbar großformatigste Theorie, die das Lied, das in allen Dingen des Kapitalismus schläft, erwecken konnte. „Theorie des Gebrauchswerts“ hieß das erste, 1976 erschienene Buch von Wolfgang Pohrt, das sofort Aufsehen erregte. Es war einerseits konsequent marxistisch, fast philologisch, und zugleich das Eingeständnis, dass „der Faschismus“, wie man damals sagte, nicht völlig ökonomisch abzuleiten sei – sondern nur dann zu verstehen sei, wenn man im Kapitalismus das „falsche Verhältnis der Menschen zueinander“ entziffert.

          Wer so begonnen hatte, dem mussten die Matadore der nächsten großen Protestbewegung (für die atomare Abrüstung) in den achtziger Jahren, ein Walter Jens also oder ein General Bastian, bestenfalls als aufrechte Friedensmenschen, aber als theoretisch nicht satisfaktionsfähig erscheinen. Pohrt machte den nächsten Zug, höhnisch schrieb er 1981 in der „Zeit“ den Essay „Ein Volk, ein Reich, ein Frieden“.

          Positionen, die sich viel später bei den Antideutschen wiederfanden, wurden erstmals von Pohrt formuliert. Das wiederholte sich beim ersten Irak-Krieg. Später wurde Pohrt zum schärfsten Kritiker der Antideutschen: Fremdenfeindlichkeit werde aufgebauscht, um die sozialen Fragen nicht thematisieren zu müssen. Der Kreis schloss sich, als er 2012 „Kapitalismus forever“ herausbrachte, einen Abgesang auf alle Phantasien, diese Wirtschaftsordnung sei zu „überwinden“. So mag man von einer Odyssee sprechen, oder auch von einer abenteuerlichen Durchblicker-Rallye, denn selbst bei den besten Köpfen, die von Marx herkommen, findet man als unauslöschliches stilistisches Siegel manchmal einen gewissen besserwisserischen Ton. Und zu den besten Köpfen seiner Generation zählte Wolfgang Pohrt, der am 21. Dezember verstorben ist.

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