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Zum Tod von Max Kruse : Mit Urmel durch die Zeiten sausen

Max Kruse auf einem Archivfoto aus dem Jahr 2001 Bild: SZ Photo

Mit „Urmel aus dem Eis“ prägte Max Kruse eine der beliebtesten Kinderbuchfiguren. Jetzt ist der wunderbare Erzähler und freundliche Pädagoge gestorben. Sein Erfolg begann mit einer tiefgefrorenen Forelle.

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          „Es war vor vielen Millionen Jahren“, so hebt das an, und als Kinderbuchautor musste man sich im bewegten Jahr 1968 solch einen ersten Satz erstmal trauen. Allzu schnell konnte man unter dem Generalverdacht des Eskapismus stehen, wenn ein Werk nicht fest im Hier und Jetzt verwurzelt war, und Autoren, die sich für märchenhafte oder phantastische Elemente in der Kinder- und Jugendliteratur stark machten, bekamen einiges zu hören. Wie weit es aber mit dem Realismus in einem Buch bestellt ist, dessen Held einem in Urzeiten gelegten, in unserer Gegenwart ausgebrüteten Ei entstammt, die menschliche Sprache erlernt und mit ihrer Hilfe mit anderen Tieren kommuniziert, scheint auf der Hand zu liegen - so gesehen waren „Urmel aus dem Eis“ und die anderen Titel der „Urmel“-Serie, die ihr Autor dem 1969 erschienenen Erstling folgen ließ, für manche ein rotes Tuch.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Andere, ungleich mehr an der Zahl, schlossen das seltsame Wesen, das optisch irgendwo zwischen Nilpferd, Drache und Maus angesiedelt war, sofort ins Herz. Das lag nicht zuletzt am raffinierten Setting des Autors Max Kruse. Zum einen erfand er mit der überschaubaren, komplett von der Welt vergessenen Insel Titiwu einen idealen Mikrokosmos, um seine komplizierten Charaktere dort aufeinander loszulassen oder gemeinsam den Gefahren von außen zu trotzen. Zum anderen aber scheint im Speziellen immer auch das Allgemeine auf, und was Wissbegier, Grundfreundlichkeit, Melancholie, Zorn, Eifersucht und Versöhnlichkeit sind, lässt sich an den Inselbewohnern und ihren Besuchern bestens studieren. Wer vor der Welt flüchten muss, so teilt es sich jedem Leser im Grundschulalter und darüber hinaus rasch mit, lebt permanent mit der Drohung, dass ihm die Welt eben hinterherkommt und ihn gerade um dasjenige bringen will, was ihn von allen anderen unterscheidet - bei Urmel etwa scheint Ausgestopfwerden das Wahrscheinlichste, was auf einen solchen Kontakt folgt, und wenn man stattdessen nur hinter die Gitter eines Tierparks wandert, kann man sich glücklich preisen.

          So sind Urmel und seine Ziehmutter Wutz vielen Kindern bekannt: als Figuren der Augsburger Puppenkiste
          So sind Urmel und seine Ziehmutter Wutz vielen Kindern bekannt: als Figuren der Augsburger Puppenkiste : Bild: dpa

          Max Kruse, geboren am 21. November 1921 als Sohn der Puppenmacherin Käthe Kruse, entging als kränkliches Kind und labiler junger Mann dem zeittypischen Soldatenschicksal, führte eine Zeitlang die Fabrik der Mutter und widmete sich dann dem Schreiben. Unter seinen mehr als fünfzig Bänden, die insgesamt mehr als drei Millionen mal verkauft wurden und ein dankbares Sujet für Adaptionen etwa durch die „Augsburger Puppenkiste“ sind, nehmen Kinderbücher den größten Raum ein. Daneben finden sich aber auch autobiographische Werke, historische Romane oder Märchen.

          Dass sie sich dem Talent eines wundervollen Erzählers verdanken, teilt sich rasch mit. Wer aber genauer hinsieht, wird in dem Autor auch Züge eines freundlichen Pädagogen entdecken, der uns beim Lesen gern ein bisschen klüger machen will. Seine „Urmel“-Fabel entstamme der 1968 noch ganz jungen Erfahrung, eine tiefgefrorene Forelle zum Auftauen aus dem Eisfach zu nehmen, bekannte er viel später, und selten wird man den Ursprung eines modernen Märchens so tief im Geist der Technik wurzelnd entdecken. Der letzte, 13. Band der Serie erschien 2013 unter dem Titel „Urmel saust durch die Zeit“ und vermittelt seinen jungen Lesern en passant einiges über die Erd- und Evolutionsgeschichte. Der „Große-Wetter-Urmel“, den Urmels urzeitliche Mutter einst in ihrer Not anrief, findet dort keinen Platz, wie überhaupt Religion in Kruses Weltsicht keine erfreuliche Rolle spielt. Stattdessen setzt der Autor auf das, was Menschen und andere Wesen miteinander in Beziehung setzt: auf Kommunikation und Einfühlung. Jetzt ist Max Kruse im Alter von 93 Jahren gestorben.

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