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Zum Tod von Ralph Giordano : Ein Spezialist der Streitbarkeit

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In Anspielung auf die umstrittene Rede bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am 11. Oktober 1998 in der Frankfurter Paulskirche, in der Walser die „Instrumentalisierung des Holocaust“ abgelehnt hatte, warf Giordano. dem Kollegen nun eine „geschichtsverfälschende Synchronisierung aus der Mottenkiste des deutschen Revanchismus“ (F.A.Z. vom 16. Mai 2002) vor.

„Im Laufe der Jahre“, notierte Arno Lustiger in dieser Zeitung im März 2007, „entwickelte sich bei Giordano das Gefühl der Empathie, also Anteilnahme am Schicksal, Leiden und Tod von Menschen, die einer anderen Gruppe als der eigenen angehörten.“ Nichtsdestotrotz begrüßte er den von alliierten Streitkräften unter amerikanischer Führung am 20. März 2003 ohne UN-Mandat begonnenen, völkerrechtlich heftig umstrittenen und von weltweiten Protesten begleiteten Präventivkrieg gegen den Irak, der drei Wochen später zum Sturz von Diktator Saddam Hussein führte. Zunehmend mahnte er vor den Gefahren des Islamismus und des Antimodernismus arabischer Gesellschaften.

Der Holocaust-Überlebende und das deutsche Leid

Im Juli 2004 hielt er indes auf einer in Polen äußerst skeptisch aufgenommenen Gedenkveranstaltung des Bundes der Vertriebenen (BdV) für den Warschauer Aufstand gegen die deutschen Besatzer 1944 in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin eine Rede, die er mit einem zehn Jahre alten Zitat des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog betitelte: „Ich bitte um Vergebung für das, was Ihnen von Deutschen angetan worden ist.“

Der Holocaust-Überlebende sprach sich darin für die Trauer um das Leid von Deutschen während des Zweiten Weltkriegs aus, ohne dadurch die deutsche Verantwortung für den Krieg zu vernachlässigen und die Empathie mit den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus zu schmälern. 

Bereits 1986 machte er eine Fernseh-Dokumentation über den Genozid an den Armeniern durch das Osmanische Reich 1915/1916 („Die armenische Frage existiert nicht mehr“), dem etwa 1,5 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Anlässlich der Verleihung des „Surp Sahag - Surp Mesrop“-Orden durch die Apostolische Kirche Armeniens im Oktober 2004 wies er aufs Neue darauf hin, dass sich die Türkei vor einer weiteren Annäherung an die Europäische Union endlich zu diesem Völkermord bekennen müsse.

Im Jahr 2000 hatte sich Giordano auf eine monatelange Reise in die Heimat seines Großvaters Rocco begeben, der sich einst von dem kleinen sizilianischen Ort Riesi nach Deutschland aufmachte, um dort ein erfolgreicher Orchesterchef zu werden. Mit „Sizilien, Sizilien! Eine Heimkehr“ (2002) ist daraus ein von der Kritik hoch gelobter literarischer Reisebericht entstanden. Der „kreative Kreisel“, wie Giordano selbst einmal seinen Schaffensdrang umschrieb, drehte sich auch nach seinem achtzigsten Geburtstag weiter. Knapp 84 Jahre alt, legte er 2007 mit den „Erinnerungen eines Davongekommenen“ seine Memoiren vor.

Für Irritationen sorgte Giordano dagegen noch im gleichen Jahr mit einem scharf formulierten Protest gegen den geplanten Bau einer Großmoschee in Köln-Ehrenfeld, der ihm Anlass zu einer geradezu wütenden wie warnenden Kritik am Erstarken des fundamentalistischen Islam und seiner Vertreter war. Nicht nur aus den Reihen der betroffenen Muslime, sondern auch von jüdischen Publizisten wie Rafael Seligmann oder Micha Brumlik wurde seine Fundamentalkritik als zu undifferenziert, vorurteilsbeladen und integrationsfeindlich bewertet, während Giordano selbst von „schweren Morddrohungen“ als Reaktion auf seinen Protest berichtete.

Zu den zahlreichen Auszeichnungen, die er für sein publizistisches und literarisches Werk erhielt, zählen der Hanns-Fallada-Preis (1988), der Hermann-Sinsheimer-Preis für Literatur und Publizistik (2001) und der Preis für Zivilcourage (2007)

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