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Zum Tod von Rafael Chirbes : Epiker der Entzauberung

Aufrichtig, verbindlich, sekundenweise knorrig: Rafael Chirbes. Bild: Felix Seuffert

Von Wohlstandsmärchen, sauer gewordenen Idealen und Leichen im Sumpf erzählte der großen Schriftstellers Rafael Chirbes. Spaniens Gesellschaft verliert ihren gründlichsten Analytiker.

          Andere Künstler schleifen ihr Image, verzeihen sich das bisschen Eitelkeit und werden zum Abbild ihres marktgängigen Selbst. Rafael Chirbes tat das nicht. Er schrieb fabelhaft von Anfang an, wie sein schmales Debütwerk „Mimoun“ aus dem Jahr 1988 zeigt, und machte so weiter, in einer weiten Expansionsbewegung, die immer längere, groß orchestrierte Chorgesänge aus der Mitte des spanischen Wohlstandsmärchens hervorbrachte. Doch bei alldem blieb der Mensch Chirbes immer hinter dem Schriftsteller Chirbes zurück, weil er fand, es gehöre sich so. Man nenne es Scheu. Er sei kein Schriftsteller, sagte er, wenn er nicht schreibe. Er war der Mann im alten Mantel, den die Fotos zeigen. Bevor die Spanier wussten, welch kapitalen Künstler sie in ihm hatten, wusste es Deutschland: Sein mitreißender Roman „Der lange Marsch“ aus dem Jahr 1996 über die zweite Generation der Bürgerkriegsverlierer wurde bei uns zu einem Sensationserfolg.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Dass er letzten Samstag mit nur 66 Jahren gestorben ist, trifft die spanische Kultur tiefer, als sie in diesen Tagen wird sagen können. Chirbes war nicht nur einer der herausragenden Schriftsteller, sondern auch der gründlichste Analytiker der sonderbaren Zivilgesellschaft, die scheinbar unverletzt aus einer fast vierzigjährigen Diktatur zur Demokratie fand, zum respektierten Mitglied der Europäischen Union wurde und sich seitdem zwischen Sonnentourismus, besinnungslosem Immobilienboom und harscher Schuldenkrise weitergehangelt hat. Handelt es sich bei diesen Spaniern um einen vitalen Menschenschlag, der zurzeit nur ein paar Gewitter überstehen muss? Oder ist nicht doch etwas fundamental faul am Narrativ der wundersamen „Transición“ nach dem Tod des Diktators, die die alten Wunden mit Schweigen überklebte und so tat, als wären die hunderttausend Erschossenen des Franco-Regimes, die noch in Massengräbern liegen, ein unumgänglicher Kollateralschaden? Sein letzter großer Roman, „Am Ufer“ (2013), ein Abgesang auf den iberischen Materialismus, findet dafür den Sumpf als hochsymbolischen Schauplatz.

          Die Vorzüge des Durcheinanderredens

          Allein Chirbes hat unter den Autoren seines Landes versucht, ein Röntgenbild dieser ebenso geschichtsbesessenen wie geschichtsvergessenen Gesellschaft anzufertigen. Seine Bücher kontrastieren zahlreiche Versionen; ein Monolog überlagert und korrigiert den nächsten. Niemand sticht heraus, denn die Wahrheit hat viele Kammern. Das entspricht dem Denken des Bachtin-Anhängers Chirbes, der nicht an die Erreichbarkeit der perfekten Demokratie, wohl aber an die Demokratie unter seinen Figuren und die Vorzüge des Durcheinanderredens glaubte: Sie waren alle, Männer wie Frauen, Unternehmer wie Handwerker und Tagelöhner, geheime Versionen seines Ich, schmutzige Doppelgänger in der Fiktion. Dabei sind Romane wie „Der lange Marsch“, „Der Fall von Madrid“ (2000) und „Alte Freunde“ (2003) zugleich packende Erzählwerke und Übungen in Ideologiekritik, weil sie den Anti-Franquismus reloaded der altbekannten Grabenkämpfe durch ein komplexeres Bild ersetzen: Hier herrschen, bei Siegern und Verlierern, nichts als Mitmachen, im Elend antrainierte Gier, sauer gewordene Ideale und völlige Entzauberung. Desengaño heißt die Dekonstruktion in der klassischen Dichtung des Landes. In diesem Sinn ist Chirbes, wie sein Lieblingsmaler Goya, ein klassischer spanischer Künstler.

          Lebenszufälle hatten ihn dorthin gespült, wo er war: Geboren als Valencianer, früh zum Waisen geworden, ging Chirbes auf ein Internat für Eisenbahnerkinder und verbrachte seine Jugend in Kastilien. Lange Zeit kam er als Redakteur einer Gastronomiezeitschrift regelmäßig nach Madrid. Für „Sobremesa“ reiste er umher und besprach Restaurants – der ewige Linke wurde zum Gourmet, wie man seinen späten Romanen anliest. Meinungskolumnen in der Zeitung dagegen wollte er nicht haben, er mied die Ego-Paraden des Betriebs. Inzwischen lebte er allein mit zwei Hunden in einem Haus in Beniarbeig, Provinz Alicante, ohne Familie, ohne feste Bindungen und in ausreichender Entfernung zu den Zweitwohnsitzen deutscher und britischer Rentner. Seit er nicht mehr trank, ging er kaum noch aus dem Haus. Zu Weihnachten schickte er seiner Schwester einen Schinken.

          Ein Land ohne Werte und ohne Geld

          Romane, so sagte er, sollten „die private Geschichte der Nationen“ erzählen, und das tat er auf grandiose Weise in den seinen, ein Nachfolger des von ihm verehrten Benito Pérez Galdós und seiner „Nationalen Episoden“. In den letzten Jahren fielen ihm für „Krematorium“ (2007) und „Am Ufer“ – die „Romane zur Krise“, wie es in der Presse hieß – die wichtigsten spanischen Literaturpreise zu. Immerhin. Aber der Befund war düster. „Was haben wir geschaffen?“, fragte er. „Ein deprimiertes, zerstörtes, und bankrottes Land. Ein Land ohne Werte. Und ein Land ohne Geld. Was das Schlimmste ist! Es hätte ja ein Land ohne Werte, mit Korruption und großem Reichtum sein können. Aber es ist obendrein noch pleite.“

          Im vergangenen Jahr musste Chirbes seine Lesereise in Deutschland aus gesundheitlichen Gründen abbrechen. Auf den Stationen, die er noch absolvieren konnte, darunter Frankfurt und Köln, erlebte das Publikum einen aufrichtigen, verbindlichen und etwas knorrigen Mann. So war er wirklich: aufrichtig, verbindlich, sekundenweise knorrig. Bat ich ihn um zwanzig Minuten Zeit, gab er mir zwei Stunden. Schickte ich ihm ein Buch, meldete er sich, wenn er es gelesen hatte, damit wir darüber sprechen konnten. Wenn er nicht schrieb, las er. Ich kenne keinen Schriftsteller dieses Kalibers, der ein so neugieriger Leser gewesen wäre. Sein leider unübersetzter Essayband „Por cuenta propia“ (Auf eigene Rechnung) zeugt davon. Ein nachgelassener Roman, so gab sein Verleger Jorge Herralde bekannt, harrt noch der Veröffentlichung. Dann kommt nichts mehr. Spanien ohne Rafael Chirbes ist unendlich viel ärmer geworden.

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