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Zum Tod von Karl Heinz Bohrer : König im literarischen Reich der Unmittelbarkeit

Karl Heinz Bohrer, 1978 Bild: Barbara Klemm

Er war Vorgänger Reich-Ranickis als Literaturchef der F.A.Z., vorbildlich war für ihn, was es in Deutschland gar nicht gab – der Surrealismus. Die Kunst überraschte ihn mehr als das Leben: Zum Tod von Karl Heinz Bohrer.

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          Er war ein Intellektueller, der leicht in Gegensatz zu seiner Umwelt kam. Fast in jeder Lage kultivierte er Unwohlsein. Als Student der Literaturgeschichte war ihm bei der Heidelberger Professorenseligkeit mit Goethe unwohl. Zu allem hatten sie ein Zitat parat, und wenn es keines von Goethe war, dann ein anderes gemütliches, von Gadamer beispielsweise. Nichts Überraschendes, alles schon gesagt. Das war um 1960 herum. Karl Heinz Bohrer pflegte laut seinen Erinnerungen damals schon das Dasein eines Bohemiens, folgte den existenzialistischen Philosophen und betrieb das Studium der frühromantischen Ästhetik, die für ihn maßgeblich blieb.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Journalist zu werden schien bei diesem Hunger nach Unerwartetem folgerichtig. Es folgte eine kurze Zeit als Redakteur bei der Tageszeitung Die Welt, an der ihm aber im Rückblick nichts behagte, am wenigsten der abgestandene und darum schauspielhaft aufgeführte Konservatismus. Später, von 1968 an und bis 1974 als Literaturkritiker und Literaturchef dieser Zeitung, verdoppelte sich das Unwohlsein. Bohrer wollte weder bürgerlich sein, am wenigsten im Sinne der in sich und zuweilen pompös reflektierten Bürgerlichkeit Thomas Manns. Für ihn war vielmehr vorbildlich, was es in Deutschland gar nicht gab: der Surrealismus in allen seinen Vorläufern und Spielarten. Noch führten seine Sympathien mit der Revolte von 1968 zu irgendwelchen antibürgerlichen politischen Assoziationen.

          Einmal nannte er sich „asozial begabt“, mit Kapital und Arbeit habe er nichts anfangen können. Die für ihn fast rituelle Empörung Kritischer Theoretiker über „die Verhältnisse“ langweilte ihn ebenso sehr wie Literatur, die nur „drapierte Ideengeschichte“ ohne plötzliche Überfälle auf die Leser war. So genoss er an 1968 vor allem die Außeralltäglichkeit und das Aufgemischtwerden der Gesellschaft als solcher. Der Satz, der verlangte, die Phantasie solle an die Macht kommen, hätte von ihm stammen können. Sein Marxismus war also nicht der von Karl, sondern der von Groucho: „Whatever it is, I’m against it.“

          Lust am Untergang

          Entsprechend viel Spott goss Bohrer fünfzehn Jahre später, inzwischen war er nicht nur Literaturprofessor, sondern auch Herausgeber der Zeitschrift Merkur geworden, über die Einrichtung der angeblich linken Mentalität in den Achtzigerjahren aus. Die Latzhosen und die Lichterketten, die Forderung nach einer „Streitkultur“ und zugleich nach mehr Gemeinschaft waren ihm genauso zuwider wie die Provinzialitäten im Land Helmut Kohls. Bohrer forderte mehr Frivolität und zugleich mehr Sinn für Rollenspiel und Stil. Er mochte keine Reihenhäuser. Unwohlsein also auch in Deutschland, das weder Frankreich noch England war, wobei Bohrer mitunter durchaus bereit schien, diese Länder mit Paris und London, wo er lebte, zu verwechseln.

          Schließlich Unwohlsein in der Universität. Sie hatte ihn aufgenommen, nachdem ihn 1974 der damals für das Feuilleton zuständige Herausgeber der F.A.Z., Joachim Fest, durch Marcel Reich-Ranicki ersetzt hatte und für ein paar Jahre ins luxuriöse Korrespondenten-Exil nach London schickte. Dort schrieb Bohrer über den Theaterstaat England, dessen Monarchie und Parlament, dessen Klassengesellschaft und dessen Fußball die schönsten seiner Essays. Versammelt sind sie in dem Band „Ein bisschen Lust am Untergang“ von 1978. Und er schrieb seine Habilitation zu Ende, einen Wälzer über sein Lebensthema: die „Ästhetik des Schreckens“, die genauso gut „Sehr viel Lust am Untergang“ hätte heißen können.

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