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Zum Tod von Karl Heinz Bohrer : König im literarischen Reich der Unmittelbarkeit

Glänzende Anekdoten

Kaum hatte er also einen Ort gefunden, an dem ihm wohl war, strebte er nach Bielefeld. Dort lehrte er dann von 1982 an in Seminaren über das Böse, die Plötzlichkeit, den Horror, den Abschied. Natürlich alles in der Literatur und, trotz des Unbehagens an Hegel wie Adorno, dann zwangsläufig doch begrifflich und empfindungsgeschichtlich behandelt. Denn auch die Romantik bestand mehr aus Texten als aus Taten, und es gehörte zu Karl Heinz Bohrer, sich ein gedankliches Reich der Unmittelbarkeit vorzustellen. Das Unerwartete, der Durchbruch durch Langeweile und Ritual, schien von der Kunst mehr als vom Leben auszugehen, und wenn es vom Leben ausging, war das nur möglich, sofern das Leben ästhetisch aufgefasst wurde, etwa als Theater. Die Bereitschaft dazu hielt er ausgewählten Bewohnern von Paris und London zugute.

Karl Heinz Bohrer, 1932 in Köln geboren, hat zeit seines Lebens versucht, in Deutschland einen Streit über die im europäischen Vergleich ästhetischen Defizite der deutschen Kultur auszulösen. Dabei schien ihm bei den Deutschen ein Mangel an Willen zu einer solchen stärker repräsentativen, darstellungsbewussten, exaltierten Kultur vorzuliegen. Die Aphorismen und Schnappschüsse, die Bohrer bei der Beschreibung dieses Unwillens gelungen sind, bleiben einschlägig. Man muss nur an den „Jägerzaun“ als Symbol deutscher Lebensweise denken. Doch es waren glänzende Anekdoten. Für die Untersuchung, worauf so etwas wie nationale Stile beruhen, inter­essierte sich Bohrer nicht.

Auch Altes kann uns überraschen

Sein anderes, artverwandtes Projekt war ein Streit über den weithin herrschenden Mangel an Sinn für ästhetische Autonomie. In mehr als einem Dutzend Bücher hat Bohrer seit 1981 die Autonomie der Kunst gegen den Versuch verteidigt, sie in geschichtsphilosophisch oder soziologisch definierte Zwecke einzuspannen. Heute nennt man solche Zwecke „politisch“, obwohl völlig unklar ist, auf welchem Weg über Romane oder Gedichte Mehrheiten zu gewinnen sein sollen. Das Echo auf Bohrers insistente Zweifel an einer verzweckten Kunst blieb in der universitären Diskussion trotzdem, um es vorsichtig zu sagen, schwach. Der Spruch Hegels, wir beugten die Knie nicht mehr vor Werken der Kunst, schien sich gegenüber einem Autor zu bestätigen, dessen Gesprächspartner in einem Streit über den Schlüsselcharakter des Ästhetischen alle schon verstorben waren.

Soeben ist Karl Heinz Bohrer in London gestorben, und wir trauern auch deshalb, weil er ein stets widerspruchsanreizender Zeitgenosse war. Das geplante Buch über die von Missverständnissen geprägte Beziehung zwischen Deutschen und Franzosen seit dem neunzehnten Jahrhundert wird unvollendet bleiben. Seine Lebenserinnerungen – die großartigen „Granatsplitter“ von 2012 und „Jetzt“ von 2017 – haben gezeigt, was aus einer Autobiographie herauszuholen ist. Die Bücher zur Verteidigung der romantischen Sicht auf die Welt fordern zur Überprüfung ihrer Thesen auf, und es hängt viel daran, ob Bohrer recht behält. Der Ernst, mit dem er sich ästhetischen Fragen zugewendet hat, sollte überdauern. Wer an der Bedeutung dieses Ernstes zweifelt, sollte den Band über Plötzlichkeit von 1981 oder eben die englischen Essays von 1978 lesen.

Vierzig Jahre her? Gewiss, aber ist das ein Argument? Die Frühromantik war zu Bohrers Zeiten mehr als hundertfünfzig Jahre her. Nach seinen Maßstäben kann also auch Altes uns überraschen. Karl Heinz Bohrer ist achtundachtzig Jahre geworden. Wie alt seine Argumente waren, können wir daraus nicht ableiten. Wir können nur sagen: Ein überaus gedankenanregender Geist hat uns verlassen.

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