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Zum Tod von Judith Kerr : Ein Abenteuer mit glücklichem Ende

Judith Kerr im Juni 2018 - noch immer am Schreibtisch Bild: AFP

Ihr Blick zurück war frei von Nostalgie und Zorn: Generationen von deutschen Kindern wuchsen mit „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ auf. Jetzt ist die Zeichnerin und Kinderbuchautorin Judith Kerr gestorben.

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          Den letzten Anstoß gab wohl die Trapp-Familie. Tom und Judith Kneale, geborene Kerr, sahen sich den Film „The Sound of Music“ (deutscher Titel: „Meine Lieder – meine Träume“) von 1965, der die Flucht der Trapps vor den Nationalsozialisten in Form eines Musicals erzählt, gemeinsam mit ihren Kindern Matthew und Tacy an. Während die Eltern von der harmlosen Darstellung der NS-Zeit entsetzt waren, hätte der kleine Matthew, Jahrgang 1960, nach dem Film zufrieden gesagt: „Jetzt wissen wir genau, wie das war, als Mummy ein kleines Mädchen war.“ Seine Mutter ergänzt aus der Rückschau von einem halben Jahrhundert in ihrem Erinnerungsbuch „Geschöpfe“, das auf Deutsch in der Edition Memoria vorliegt, Matthews Äußerung „schien sicher das Schreiben der Geschichte dringlicher zu machen, aber ich wusste noch nicht genau, wie“.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Geschichte, um die es geht, ist Judith Kerrs eigene. Sie handelt von dem berühmtesten deutschen Theaterkritiker der Weimarer Republik, von Alfred Kerr, geboren 1867, seiner 31 Jahre jüngeren zweiten Frau Julia, einer Komponistin, und den beiden Kindern Michael und Judith, Jahrgang 1921 und 1923. Gerade noch rechtzeitig kann die Familie 1933 aus Deutschland fliehen, es geht in die Schweiz, nach Frankreich und schließlich nach England.

          Hier werden die Kinder heimisch, während sich der Vater, der hervorragend Französisch und mäßig Englisch spricht, zurück nach Paris sehnt – Judith wird allmählich seine wichtigste Vertraute, während ihr Bruder sich enger an die Mutter hält. Alfred Kerr stirbt 1948 in Hamburg, Julia Kerr, die nach dem Krieg als Übersetzerin nach Deutschland zurückgekehrt war, 1965 in Berlin. Michael Kerr macht Karriere als Jurist, seine Schwester studiert Kunst, heiratet den BBC-Autor Tom Kneale und schreibt schließlich das Buch, dessen Notwendigkeit ihr die Äußerung ihres Sohnes vor Augen geführt hat.

          Für die Kinder war es immer auch ein Abenteuer: Abbildung aus Judith Kerrs „Geschöpfe“

          Generationen von deutschen Kindern sind mit „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ aufgewachsen, das im Original 1971 und 1973 auf Deutsch erschien. Es ist die behutsam fiktionalisierte Geschichte dieser Flucht: Judith heißt hier Anna, ihr Bruder Max, und hinter dem so schönen wie traurigen Porträt von „Onkel Julius“, einem engen Freund des Vaters, verbirgt sich der Oscar-Wilde-Übersetzer Max Meyerfeld.

          Zugleich ist diese Geschichte, die konsequent aus Annas Perspektive erzählt wird, kein Dokument einer Leidenszeit, weil die beiden Kinder sie nicht zuletzt als Abenteuer erleben – und weil die Eltern, das schimmert manchmal durch, so gut es geht, die drückenden Sorgen des Exils von ihnen fernhalten. Die Erkenntnis, was für ein Glück sie trotz allem dabei hatte, wie Judith Kerr später immer wieder betonte, besaß die Neunjährige naturgemäß noch nicht, und es zeugt von Kerrs sicherem Gespür für literarische Wahrhaftigkeit, dass sie ihre junge Protagonistin nicht nachträglich mit einem solchen Bewusstsein ausstattet. „Geschöpfe“ aber, das späte Erinnerungsbuch der Neunzigjährigen, ist „den eineinhalb Millionen Kindern mit all ihren ungemalten Bildern gewidmet, die nicht so viel Glück hatten wie ich“.

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