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Zum Tod von Joan Didion : Sie verkörperte etwas Uramerikanisches

Joan Didion im September 2007 in ihrem Apartment in New York Bild: AP

Viele der Essays, mit denen sie berühmt wurde, sind Puzzlestücke einer Pathologie des schlechten Geschmacks. Als Erzählerin entwickelte sie sich in Gegenrichtung zur amerikanischen Literaturgeschichte. Zum Tod der Schriftstellerin Joan Didion.

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          Joan Didion begann ihre Karriere als Autorin 1956 im New Yorker Büro der Modezeitschrift Vogue. Sie war 22 Jahre alt und hatte im letzten Jahr ihres Studiums an der Berkeley-Universität in Kalifornien einen Wettbewerb der Zeitschrift gewonnen. Später erzählte sie, der erste Preis sei eine Reise nach Paris gewesen, aber sie habe lieber den zweiten gewählt, ein Praktikum in der Redaktion. Paris war für amerikanische Schriftsteller in den fünfziger Jahren immer noch das Mekka der ästhetischen Avantgarde, der bevorzugte Ort des Exils für Intellektuelle, die glaubten, dass sie die Vulgarität und das Banausentum der amerikanischen Gesellschaft nicht ertragen konnten.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Didion, so nimmt es sich im Rückblick aus, scheint von Anfang an gewusst zu haben, dass Amerika ihr Thema war. Henry James war eines ihrer großen Vorbilder, aber sie hielt es nicht mehr für nötig, um der Bildung willen so viel Zeit wie möglich in der Alten Welt zu verbringen. Der Vulgarität und Banausentum als der Endgestalt der enttäuschten Hoffnungen der Neuen Welt wich sie nicht aus; viele der Essays, mit denen sie berühmt wurde, sind Puzzlestücke einer Pathologie des schlechten Geschmacks, die sie im Interesse der Erforschung der amerikanischen Demokratie zusammentrug.

          Bei der Vogue – dem französischen Namen und der französischen Dominanz in der Modewelt zum Trotz ist die Zeitschrift eine amerikanische Gründung – wurde die junge Mitarbeiterin aus Kalifornien zunächst mit der Produktion von Bildunterschriften und Werbetexten beschäftigt. Sie blieb auch als freischaffende Schriftstellerin auf Kürze spezialisiert, kurze Texte und kurze Sätze. Ihre Neigung, in Reportagen auch aus durchaus redseligen Milieus ganze Absätze mit halben Sätzen zu füllen, rief Parodisten auf den Plan. 2006 erschien in der Everyman’s Library ein Band, der den Inhalt ihrer ersten sieben Bücher im nicht-fiktionalen Genre nachdruckte. Alle Texte waren ursprünglich in Zeitschriften und Zeitungen erschienen, also von Redaktionen angeregt worden.

          Zwei Welten, in denen sie sich bewegte

          Das erste Sachbuch, das sie ohne einen solchen Auftrag schrieb, wurde ihr größter Erfolg und machte sie zu einer berühmten Autorin auch jenseits der Grenzen Amerikas. „The Year of Magical Thinking“ aus dem Jahr 2005 enthält ihre Reflexionen über ihre Trauer um ihren Ehemann John Gregory Dunne, der nach vier Jahrzehnten auch professioneller Partnerschaft an einem Herzschlag gestorben war, während die gemeinsame Tochter im Krankenhaus im Koma lag. Unzählige Leser rührte, was Didion über Rituale einer absurden abergläubischen Hoffnung verriet, mit denen sie den Tod vergeblich ungeschehen zu machen versuchte: Bewahrte sie nur die Schuhe ihres Mannes auf, würde er schon wiederkommen. Aber schon im Entschluss, auf die Erschütterung durch den unvorbereiteten Verlust mit Ritualen, also wiederkehrenden Übungen, zu reagieren, kam die professionelle Routine der Autorin durch. Sie hatte gelernt, mit Abgabefristen zu leben, die im englischsprachigen Publikationswesen „deadlines“ heißen.

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