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Zum Tod von Javier Tomeo : Spöttischer Aufklärer

Javier Tomeo in Madrid. Bild: Beatriz Velardiez

Der spanische Autor Javier Tomeo, Schöpfer von „Der Marquis schreibt einen unerhörten Brief“, ist im Alter von achtzig Jahren in Barcelona gestorben. Er vermochte die Spanier literarisch zu einen.

          2 Min.

          Wenn man gegen alle separatistischen Bestrebungen in Spanien noch etwas in Stellung bringen kann, dann ist es die Kultur. Und ungeachtet aller Betonung des Katalanischen oder Baskischen gegen das dominante Spanisch, haben doch die Schriftsteller des Landes mehr für das Zusammengehörigkeitsgefühl getan als alle anderen Künstler. Einer, der den Stolz auf die reiche Tradition der iberischen Literatur nicht nur in seinen Werken, sondern auch im Leben repräsentierte, war Javier Tomeo.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          1932 wurde er in Quicena geboren, also in der an Frankreich grenzenden autonomen Region Aragon. Er schrieb spanisch, lebte aber in der katalonischen Metropole Barcelona. Seine Leser indes fand er überall im Land. Und weit darüber hinaus, nicht zuletzt in Deutschland, seit 1984 sein fünf Jahre zuvor im Original erschienener Roman „Der Marquis schreibt einen unerhörten Brief“ Furore gemacht hatte. Der Titel schien zurück in die Vergangenheit zu weisen, doch die Rezension in dieser Zeitung wies darauf hin, dass man den manischen Monolog vor allem als Allegorie auf das sich nach Francos Tod radikal modernisierende Spanien zu verstehen habe.

          Der Zug ins Schalkhafte

          Am ehesten vergleichbar ist das Porträt eines aus der Zeit gefallenen Adligen mit Giuseppe Tomasi di Lampedusas „Leopard“, doch die kühle Betrachtung einer Umbruchsepoche ist Tomeos Sache nicht. Er gibt ein Rätselspiel auf, denn was der Brief, um dessen Abfassung und Zustellung es im Buch geht, bedeutet, wird nie geklärt. Dem Vergnügen bei der Lektüre tut das keinen Abbruch, zumal Tomeo in seinen Büchern souverän mit den literarischen Genres zu spielen verstand. Seinem eklektischen Gebrauch der Stile hat man meist mit dem Etikett „Surrealismus“ beikommen wollen.

          Und natürlich besteht da Verwandtschaft, wenn man Sätze liest wie die berühmte Feststellung des Marquis: „Freiheit ist, nicht zu wissen, was man tun soll, wenn man alles tun kann.“ Doch man darf nicht vergessen, dass Javier Tomeo Jurist war. Deshalb liegt auch seinen verrätseltsten literarischen Kunststücken ein Aufklärungswille zugrunde, der aber oft durch Spott und schwarzen Humor verborgen wurde.

          Sein 2010 - wie stets bei Wagenbach - publizierter Roman „Der Silikonliebhaber“ zeigte indes, dass der Zug ins Schalkhafte auch dann noch erhalten blieb, wenn eine verhältnismäßig geradlinige Geschichte erzählt wurde - hier über die biologische Manipulierbarkeit menschlichen Lebens. Es sollte der letzte Roman gewesen sein, der zu Tomeos Lebzeiten erschien. Der nächste, „El amante bicolor“ (Der zweifarbige Liebhaber), ist zwar fertig, aber noch unpubliziert, und Javier Tomeo ist am vergangenen Samstag, dem 22. Juni, achtzigjährig in Barcelona gestorben. Ganz Spanien trauert.

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