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Zum Tod von Hugo Loetscher : An den Datumsgrenzen

Hugo Loetscher, 1929 - 2009 Bild: dpa

Unermüdlich reiste er in die Welt, um neue Kontinente für die Literatur zu erschließen, im eigenen Land galt er als intellektuelle Instanz: Der Schweizer Schriftsteller Hugo Loetscher ist im Alter von 79 Jahren gestorben.

          „Bei der Datumsgrenze dachte er an eine Grenze, hinter der es nutzlos wird, die Daten zu zählen“: Eine seiner vielen Reisen hatte Hugo Loetscher nach Los Angeles geführt. Er beschreibt seinen Aufenthalt in „Herbst in der Grossen Orange“: „Der Pazifik bot einen leeren Anblick. H. ging bis zum feuchten Rand, wo sich der Schaum des Wassers im Sand verlief. Er sah auf den Ozean hinaus. Wäre er weitergegangen, westwärts und immer gerade hinaus, er wäre einmal zur Datumsgrenze gekommen, dorthin, wo man einen Tag verlor. H. aber hatte in der Tasche ein Flugticket für die entgegengesetzte Richtung.“ Der Flugschein für die Rückreise war Hugo Loetscher immer wichtig. Unermüdlich ist er in die weite Welt hinaus gereist, hat neue Kontinente nicht nur der Literatur entdeckt und erschlossen. Aber genauso oft kehrte er in die Schweiz zurück, nach Zürich, wo er in der Altstadt lebte – mitten im Zentrum des Geschäfts- und Bankenviertels. „Ein Autor findet seinen Stoff da, wo er ihn sucht“, spottete er über die Leiden seiner Kollegen an der Enge des Landes und an sich selber.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Hugo Loetscher war in der von Pfarrers- und Muttersöhnchen aus dem Bürgertum geprägten Schweizer Literatur eine Ausnahmeerscheinung. Er entstammte einer proletarischen und katholischen Familie, wirkte in jungen Jahren als Messdiener und ist auch später ein Frühaufsteher geblieben. In den Morgenstunden entstanden seine Bücher. Nach dem Studium der Politischen Wissenschaften und Soziologie arbeitete er als Redakteur der Zeitschrift „Du“. Bei der „Weltwoche“ war er in verantwortlicher Position tätig – und musste nach einem gescheiterten Putsch gehen. Als Kolumnist übte er in der Schweiz einen großen Einfluss aus; er schrieb auch immer nur, wenn er etwas zu sagen hatte.

          Kosmopolit und Provinzialist

          Auch als er längst ein etablierter Schriftsteller war und keine feste Anstellung mehr benötigte, schrieb er gern für Zeitungen und Zeitschriften. Er finanzierte mit den Aufträgen seine Flugtickets in die Welt. In der legendären „Swissair“-Gazette wurde er ebenso gedruckt wie im Magazin des Tages-Anzeigers und der Wochenendbeilage der Neuen Zürcher Zeitung. Er pflegte eine Form der literarischen Reisereportage, die kaum mehr möglich ist. Er veröffentlichte mehrere Bände über die Fotografie und hielt Gastvorlesungen über das Schreiben und die Literatur. Den Dialog der Kulturen pflegte er wie seine Muttersprache. Er war Mitglied der Deutschen Akademie, präsidierte lange den Schweizer Schriftstellerverein und beteiligte sich in Stiftungen und Jurys am kulturellen Leben. In der Schweiz wurde er mit den höchsten Auszeichnungen geehrt. Hugo Loetscher galt sehr viel im eigenen Land, er war eine intellektuelle Instanz. Nach dem angekündigten Ende des Amman-Verlags ist sein Tod die zweite Kulturkatastrophe des helvetischen Sommers.

          Loetschers Weltläufigkeit kam dem binnenschweizerischen Literaturaustausch zugute. Er kannte die Tessiner und die Westschweizer Schriftsteller wie kein anderer Deutschschweizer. Maurice Chappaz, der große Walliser, wie Jacques Chessex, der in Frankreich verehrte Waadtländer, haben immer wieder von Loetscher geschwärmt und erzählt. Wenn er nach Genf kam, stand meist ein gutes und geselliges Essen in der Brasserie Lipp auf dem Programm – er saß auch in der Jury, die den Essaypreis des Restaurants vergibt. Zu seinem authentischen Kosmopolitismus gehört das selbstbewusste Bekenntnis zur Provinz. Dem Land allerdings zog er die Stadt vor – davon zeugt auch sein Band „Lesen statt klettern“ aus dem Jahr 2003 mit Aufsätzen zur literarischen Schweiz.

          Weltumspannender Autogeograph

          In ihr hatte er schon mit seinem Debüt „Abwässer“ von 1963 in der Epoche von Frisch und Dürrenmatt seinen Platz gefunden. Es folgten Romane, Fabeln, Gedichte, Essays. Sein Schreiben überwand die Grenzen zwischen den Gattungen. Er hielt auch die seit Dürrenmatts Tod vernachlässigte Tradition des Absurden und Grotesken hoch. Es wird nach seinem Tod weniger zu lachen geben in der helvetischen Literatur.

          Schon früh hatte Hugo Loetscher den Mut zur Autobiographie, und man tut seinem Andenken keinerlei Abbruch, wenn man zu diesen Werken eine ganz besondere Zuneigung bewahren wird. „Der Immune“ ist eines der wichtigsten Bücher des Nachkriegs. Ihm folgten die „Papiere des Immunen“. Sein letzter Roman „Die Augen des Mandarin“ erschienen zu seinem siebzigsten Geburtstag. Dieser weitschweifige Entwicklungsroman der Menschheit, der zwischen Zürich und Thailand spielt und in dem auch schon mal die Daten – die eigenen und die großen – gezählt werden, liegt genauso auf dieser Linie wie „Herbst in der Grossen Orange“. In Los Angeles mit Blick auf den Ozean und die Datumsgrenze hatte der Schriftsteller seinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert.

          Von seiner letzten Reise gibt es keine Rückkehr. Hugo Loetscher ist nach einer Operation in Zürich gestorben, drei Tage vor der Auslieferung eines lange erwarteten weiteren autobiographischen Werks. Mit ihm wollte er seinen achtzigsten Geburtstag am 22. Dezember 2009 begehen: „War meine Zeit meine Zeit“ lautet der Titel, der Verlag hat dafür die neue Gattung der „weltumspannenden Autogeographie“ erfunden. Wir trauern um H. und freuen uns auf die Lektüre: Für Schriftsteller wie Loetscher gibt es ein Leben nach dem Tod.

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