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Zum Tod von Hilary Mantel : Die Geisterseherin

Als sie neun oder zehn Jahre alt war, las sie „Jane Eyre“ von Charlotte Brontë und erfuhr zum ersten Mal, „dass es noch einen Kopf in der Welt gab, der sich wie meiner anfühlte“: Hilary Mantel (6. Juli 1952 bis 22. September 2022). Bild: David Vintiner/Laif

Sie verband Spiritualismus und Rationalismus: Mit drei Romanen über Thomas Cromwell, der in England die Herrschaft der Kirche brach, wurde sie weltberühmt. Zum Tod der englischen Schriftstellerin Hilary Mantel.

          3 Min.

          Am 9. Januar 1997, kurz nach elf an einem dunklen, von Schneeregen gezeichneten Morgen, sah Hilary Mantel ihren toten Vater, der in einem Zug zwischen den Londoner Bahnhöfen Clapham Junction und Waterloo saß. So hat sie es in der „London Review of Books“ geschrieben, vier Monate später, in der Ausgabe mit dem Datum des 22. Mai. Als Kurzgeschichte war der Text auf der Titelseite der Zeitschrift angekündigt, zu der sie in dreißig Jahren 55 Re­zensionen, Tagebuchblätter und andere Stü­cke beitrug, aber der Text selbst enthält kein einziges Signal der Fiktionalität. Von der Form her könnte man ihn ebenso gut wie eine kurze Geschichte einen kurzen Be­richt nennen. Der realistische Duktus, den der Schneeregen als Londoner Lokalkolorit vorgibt, wird ungerührt durch­gehalten: Diffuse atmosphärische Be­dingungen erzwingen genaues Hinsehen.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die Ich-Erzählerin – aber nennen wir sie statt mit dem literaturwissenschaftlichen Begriff getrost bei dem Namen, der über dem Text steht: Hilary Mantel lässt keinen Zweifel daran, dass sie wirklich den Geist ihres Vaters gesehen hat. Sie saß in einem anderen Zug, auf dem Parallelgleis, als der Zug mit ihrem Vater an ihr vorbeizog. Ihr Geist bewegte sich sofort mit einem Ruck, wir ergänzen: ebenfalls, vorwärts, und sie malte sich die bevorstehende Be­gegnung auf dem Bahnsteig im Waterloo-Bahnhof mit aller Präzision aus, indem sie den Vorsprung des väterlichen Zuges be­rechnete. Nach dem Aussteigen löste die Vergeblichkeit der Suche entlang der Kioske der Imbissketten und der Plakate mit Bombenwarnungen keine Desillusionierung aus.

          Die Psychologie bleibt untergründig

          Die für den Alltagsverstand wahrscheinliche Erklärung der Erscheinung, dass sie einen psychologischen Grund haben dürfte, also das Unterbewusstsein der Zugreisenden deren überirdischem Bewusstsein etwas habe mitteilen wollen, ist im Bericht präsent, aber nur untergründig, und erweist sich als unergiebig. Der Anblick des vertrauten Gesichts rief in ihrem Inneren keine Erinnerungsbilder hervor. Gerne, notiert sie, würde sie über einen Anekdotenschatz verfügen, über das Talent zur Erfindung. Aber es stellte sich im Kopf kein Anlass für eine Erzählung über Vater und Tochter ein, „nur das Wissen, dass eine gewisse Anzahl von Jahren verstrichen ist“.

          Als Erfindung, als erzählerische Studie über die Macht der Autosuggestion oder Einbildungskraft, ist der Text in sich schlüssig und perfekt. Aber Hilary Mantel hat in ihrer Autobiographie „Giving Up the Ghost“ (2003; deutsch „Von Geist und Geistern“, 2015) berichtet, dass sie wirklich an die Existenz von Geistern glaubt und ihr Leben in dem sicheren Gefühl geführt hat, von Toten umgeben zu sein.

          Ihre Poetik beruht auf einer Metaphysik des Spiritismus. Sie debütierte mit einem Paar von Schauerromanen, „Every Day is Mother’s Day“ (1985; „Jeder Tag ist Muttertag“, 2016) und „Vacant Possession“ (1986; „Im Vollbesitz des eigenen Wahns“, 2016): In einer gutbürgerlichen Wohngegend entfaltet ein Geisterhaus, in dem sich ein sozial abgestiegenes Mutter-Tochter-Paar verbarrikadiert, seinen Fluch. Das Unglück des Familienlebens, das Elend des Wohlfahrtsstaats und der Zwangscharakter der Geisterwelt sind so verschränkt, dass man die Gewalt des sozialen Verhängnisses verharmlost, wenn man sagt, psychologische, soziologische und religiöse Dimension verwiesen bildlich aufeinander.

          Das Jenseits bleibt unbeherrscht

          Die Einbeziehung der Totenwelt in den literarischen Realismus verbindet sich bei Hilary Mantel mit einer Weltanschauung des entschiedenen Rationalismus, die sie auch in ihren Kommentaren zum Zeitgeschehen vertrat, namentlich zu den Er­scheinungsformen des englischen nationalen Aberglaubens wie der Monarchie. Diese auf den ersten Blick widersinnige Symbiose von spekulativer Stofffindung und analytischer Denkform war auf den Britischen Inseln schon für das Interesse von Dichtern und Schriftstellern am Übersinnlichen im Übergang zur klassischen Moderne charakteristisch. Im Gegensatz aber zu Arthur Conan Doyle betrieb Hilary Mantel psychische Forschung – wie der englische Begriff für Parapsychologie lautet – nicht auch in wissenschaftlicher Textform, sondern nur in ihren Romanen und Geschichten. Wo um 1900 die empirische Wissenschaft im Hochgefühl ihrer historischen Erfolge sich auch das Jenseits unterwerfen wollte, da ist die intellektuelle Entstehungsbedingung der literarischen Welt von Hilary Mantel der Zusammenbruch dieser Variante des Imperialismus.

          In ihren Welterfolgsbüchern, der Ro­mantrilogie über Thomas Cromwell, den Premierminister Heinrichs VIII., hat sie ihr Lebensthema in der überwältigenden Form eines Panoramas ausgestaltet. Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll, die Kühnheit des Entwurfs oder die Ge­nauigkeit des Details. Der Erzrationalist Cromwell ist der erste moderne Mensch in einer Gesellschaft, von der fraglich ist, ob sie je modern werden kann. Er organisiert Herrschaft in einer Umwelt, die ganz und gar unbeherrscht ist, vom Heiligenkult der Volksmassen bis hinauf zum König, dem geheiligten Monster als Chef. „Bring Up the Bodies“, der Titel des mittleren Bandes („Falken“, 2012), ist der Befehl an den Kerkermeister vor der Hinrichtung. Hilary Mantel antwortet darauf, indem sie die Geister der von Cromwell Geopferten wiederbringt. Dass sie wenn irgend möglich noch die kleinste Tatsache aus historischen Quellen nahm, bezeugt ihren Willen, die Toten zu fassen zu bekommen.

          Der Titel der Geschichte von 1997 ist „Terminus“ („Endstation“). Die Autorin erlebte im Waterloo-Bahnhof nicht ihr Waterloo, obwohl sie ihren Vater nicht wiederfand. „Ich sehe, dass sowohl die Lebenden als auch die Toten pendeln, ihre vertrauten Züge nehmen.“ Hilary Mantel ist vorgestern gestorben. Sie wurde siebzig Jahre alt.

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